Frauen und Männer : Wer hat die Schönste im ganzen Land?
Salvador Dalí hatte es mit der Handtasche gut gemeint. Aus Liebe zu seiner Frau Gala zeichnete er 1969 das „Daligramme“: ein Alphabet aus acht verschlungenen Symbolen, die seiner Verehrung für Gala Ausdruck verleihen sollten. Das schickte er an den Lederwarenhersteller Lancel in Paris, der es auf eine nach Entwürfen des Künstlers gefertigte Handtasche malte: ein Kuvert aus dunkelbraunem Leder, mit einer goldenen Fahrradkette als Trageriemen. Vielleicht hat Gala die Tasche sogar getragen. Vielleicht musste sie aber auch an Schmieröl auf ihrer weißen Seidenbluse denken und ließ das symbolträchtige Stück unbemerkt hinter dem Sofa verschwinden.
Dalí war bekanntlich kein Modedesigner. Dass er sich mit der Handtasche seiner Frau auseinandersetzte, zeigt, dass er sich deren Bedeutung bewusst war. Frauen haben eine besondere Beziehung zu ihren Handtaschen. Die Modehistorikerin Claire Wilox wird mit dem Satz zitiert: „Seit Handtaschen zur Damenmode gehören, prägen sie Individualität und Identität der Frauen.“
Die Wahrnehmung der Tasche als Teil weiblicher Identität beginnt früh. Aus Sicht eines Kindes ist die Handtasche der Mutter so etwas wie der Reichsapfel. Sie steht für das Erwachsensein, für Entscheidungsgewalt. In den Clubs tanzen junge Frauen selbstvergessen mit ihren Marc-Jacobs-Täschchen, schieben sie als Barriere zwischen sich und die Welt. Berufstätige Frauen haben nicht nur das Handy in ihrem Shopper, sondern oft auch Schnuller und Einkaufszettel. Und in Heimen halten alte Damen ihr Leben an rau gewordenen Lederhenkeln fest.
Laut der Studie eines Frühstücksflockenherstellers besitzt eine europäische Frau sieben Handtaschen gleichzeitig. Eine andere Erhebung kam 2009 zu dem Ergebnis, dass allein bei Italienierinnen diese Zahl zwischen 20 und 60 schwankt – und dass Frauen in ihrem Leben durchschnittlich 11 000 Euro für solche Taschen ausgeben. Modetheoretiker glauben, an den Handtaschenmodellen einer Zeit kann man ablesen, wie es um die Rolle der Frau bestimmt war.
Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts sieht man Frauen mit einer Tasche in der Hand die Straße entlang gehen. Vorher hatten Herren wie Damen Beutel am Gürtel befestigt, um Münzen, ihr Gebetsbuch oder den Rosenkranz bei sich zu tragen. Bei Männern kamen dann Hosen und Jacken in Mode, in die Taschen eingenäht waren. Die Frauen blieben beim Beutel, versteckten ihn aber in den Unterröcken ihrer Roben. Im Rokoko fiel das nicht auf. Nachdem Marie Antoinette, Stilkönigin der damaligen Zeit, 1793 enthauptet worden war, galt der Stil des Ancien Régime als unzeitgemäß. Zarte Hemdkleider ersetzten Gestänge und multiple Röcke. Weil in den körpernahen Kleidern kein Platz für Fächer oder Parfum war, nahmen die Frauen einen Beutel zur Hand. Die Ära der Handtasche begann.
Anders als heute hatten Journalisten Anfang des 19. Jahrhunderts kein Verständnis für das Accessoire. Den Retikül, wie der verstärkte Stoffbeutel hieß, hielt man für eine Albernheit – wie Anna Johnson in ihrem Buch „Handbags“ schreibt. „Während Männer ihre Hände dazu haben, sie in die Taschen zu stecken, haben Frauen Taschen, um sie in den Händen zu tragen“, war in der Londoner Zeitung „Imperial Weekly Gazette“ zu lesen.
„Jede Frau sollte eine eigene Handtasche besitzen.“ Dieser Satz stammt nicht von Karl Lagerfeld, sondern von Susan B. Anthony. Sie war die erste Frau, deren Name bei einer Präsidentschaftswahl in den USA registriert wurde. Das war im Jahr 1872. Frauen durften damals weder Verträge abschließen noch ein Konto führen. Für Anthony stand die Tasche am Arm für Freiheit und Macht: Was darin war, lag in ihrem Hoheitsbereich. Als sie ihre Stimme abgab, hatte sie ihr Lieblingsmodell – eine Bowling Bag aus braunem Alligatorenleder, wie man sie aktuell wieder bei Burberry findet – sicher dabei.
Dass die Handtasche nicht nur als Accessoire wahrgenommen wird, liegt auch daran, dass sie zwei Bedürfnisse in sich vereint: Sie hält Intimes geheim, versteckt das, was nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist (die zerbröselte Zigarette einer Gelegenheitsraucherin oder das Silikonkissen für den BH). Und sie signalisiert mit Modell und Marke der Außenwelt, wie die Trägerin gesehen werden möchte.
Zum Beispiel als Aristokratin. Im Jahr 1956 machte die Amerikanerin Grace Kelly das Modell „Haut à Courroies“ des Lederwarenherstellers Hermès bekannt, als sie auf einem Foto die Tasche zwischen die Paparazzi und ihren Babybauch hielt. Die Aussage: Eine Handtasche ist Sichtschutz, gibt Sicherheit. Und wenn man nicht weiß, wohin mit seinen Händen, kann man sich an ihr festhalten. In einer aktuellen Studie gaben noch 19 Prozent der Frauen an, dass sie sich hinter ihrer Tasche verstecken, wenn sie sich dick fühlen.
Hermès nutzte seinerzeit den Tratsch über Fürstinnenbauch und Tasche und änderte den Namen des Modells in „Kelly Bag“. Mit ihr wurde aus der Handtasche ein weibliches Statussymbol. „Sie war die erste It-Bag“, sagt Sigrid Ivo vom Amsterdamer Handtaschenmuseum – die erste Tasche, die eine Nachfrage entfachte. Über 4000 Taschen hat die deutsche Kunsthistorikerin in ihrem Museum versammelt. Darunter sind Klassiker wie die „2.55“ von Chanel oder eine „Lady Dior“, wie sie Prinzessin Diana trug.
„Eine bestimmte Tasche zu besitzen, ist eine Frage des Prestiges“, sagt Ivo. In den vergangenen Jahren ist der Durchschnittspreis von Handtaschen kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig erhöhte sich die Nachfrage nach teuren Modellen. Während die Umsätze in vielen Märkten während der Krise zurückgingen, legten die von Luxus-Accessoires noch zu.
„Dass die großen Modehäuser ihren Umsatz nicht mit Mode, sondern mit den Accessoires machen, ist lange bekannt“, sagt die Modehistorikerin Adelheid Rasche, Kuratorin der Ausstellung „Visions & Fashion“, die derzeit im Kulturforum Berlin zu sehen ist. „Und nur noch wenige Frauen sind auf das Geld eines Mannes angewiesen, um sich eine teure Handtasche kaufen zu können.“
Wie erfolgreiche Männer mit schimmernden Uhren am Handgelenk ihren Erfolg demonstrieren, manifestieren finanziell unabhängige Frauen mit ihrer Handtasche Kaufkraft und Kennerschaft. „In den 80er Jahren sah man viele große Logos. Heute benötigt man eine gewisse Vorkenntnis, um den Wert eines Modells auf den ersten Blick zu erkennen“, so Rasche.
Wenn Victoria Beckham in Interviews ausplaudert, dass in ihrer Garderobe 100 verschiedene „Birkin Bags“ stehen, ist das so, als würde Arnold Schwarzenegger mit einem Hummer Schleifen auf dem Rasen fahren: Es ist eine Demonstration von Dominanz mit den Mitteln des Konsums. Der Verweis auf die Taschen macht deutlich, dass Beckhams Botschaft an Frauen gerichtet ist. Die wenigsten Männer wissen, dass eine „Birkin“ zwischen 4800 und 48 000 Euro kostet.
Die Briten haben für diese Form der Aggression einen eigenen Begriff: handbagging. Das Wort stammt aus der Ära Margaret Thatchers. Im Jahr 1985 schlug die englische Premierministerin mit ihrer Asprey-Tasche auf den Tisch und rief: „I want my money back!“ Sie war wütend über die hohen Nettozahlungen ihres Landes an die Europäische Gemeinschaft. Und erkämpfte den sogenannten „Britenrabatt“, der bis heute existiert – genau wie die Umschreibung „Politik der eisernen Handtasche“.
Auch die Queen regiert mit ihrer Handtasche. Sie nutzt sie, um ihren Bediensteten Zeichen zu geben. Trägt sie die Tasche am linken Arm, ist laut „Mail on Sunday“ alles in Ordnung. Hängt sie über dem rechten Arm, möchte die Queen von ihrem Gesprächspartner befreit werden. Und stellt sie die Tasche auf den Tisch, heißt das: „Mir reicht es. Ich möchte gehen.“
Hillary Clinton, die amerikanische Außenministerin, sendet mit ihrer rosa Lieblingstasche von Ferragamo Signale zwischen den dunklen Anzügen der Männer. Sie hebt sich bewusst von ihren Kollegen ab, auch wenn sie die optische Bedeutung herunterspielt: „Sie macht mich einfach glücklich. Mit einer rosafarbenen Tasche kann man nicht traurig sein.“ Hätte das Anna Karenina, die Hauptfigur aus Leo Tolstois Roman, gewusst. Dann hätte sie nicht zuerst ihre rote Tasche weg und dann sich selbst vor den Zug geworfen.
Auffällig an Clintons Tasche ist auch die Größe. „Handtaschen sind in den vergangenen Jahrzehnten mit den Ansprüchen an ihre Trägerinnen gewachsen“, sagt Modehistorikerin Rasche. Die überdimensionierten Modelle waren Büro und Wickeltasche, Boudoir und Snackbar. 76 Tage ihres Lebens verbringen Frauen im Schnitt damit, etwas in ihrer Tasche zu suchen. Eine internationale Untersuchung von 2009 listet auf, welche Dinge in Handtaschen landen: Ersatzstrumpfhosen, Laptops, Kinderspielzeug, To-do-Listen, Liebesbriefe, Schweizer Taschenmesser, Sexspielzeug und so weiter.
Dieser Trend geht erst in letzter Zeit zurück. „Das liegt an den Smartphones, die heute Zeitung, MP3-Player, Taschenkalender und manchmal das Laptop ersetzen“, sagt Ivo vom Taschenmuseum. Das Taschen-Mutterschiff, in dem noch ein kleineres Taschen-Beiboot als Ersatz versteckt war, hat damit seine Funktion verloren. Die Taschen der Modehäuser werden entsprechend kleiner. Dalís schmale Kuvertform, die er für seine Gala kreierte, wird von Lancel neu aufgelegt. Für Tom Ford posiert ein Model, das eine DIN-A-4 große Tasche vor dem Blitzlicht schützt. Prada wirbt mit Modellen, in die ein iPad, aber keine Yoga-Matte mehr passt. Haben Frauen ihren Machtbereich so weit ausgedehnt, dass sie keine riesige Tasche mehr brauchen, um sich Raum zu verschaffen?
Vielleicht müsste man Ann Timson fragen. Ganze 55 Jahre nachdem Grace Kelly ihre Tasche vor ihren Bauch hielt, demonstrierte die Engländerin, dass eine Handtasche nicht nur Sichtblende, sondern auch Waffe sein kann. Im Februar diesen Jahres ertappte sie sechs junge Männer, die am helllichten Tag ein Juweliergeschäft ausraubten. Die 71-Jährige schlug so lange mit ihrer Handtasche auf sie ein, bis die Räuber flüchteten. Welches Modell die ehemalige Marktfrau trug, ist nicht bekannt. Ann Timson hätte es verdient, dass man es nach ihr benennt.








