Frauensteuer : Keine ist gleicher

Mit dem Vorschlag eines Extrasteuerbonus für arbeitende Frauen soll der Umstand abgeschafft werden, dass Frauen für dieselbe Arbeit oft deutlich weniger Geld bekommen als Männer. Dabei gibt es wirksamere Instrumente.

Ursula Weidenfeld

Warum fühlt man sich nur an die aktuelle Afrikadebatte erinnert, wenn man die Frage diskutiert, ob Frauen einen Extrasteuerbonus bekommen sollten? Mit der Afrikahilfe soll Afrika geholfen werden. Mit dem Steuerbonus soll Frauen geholfen werden. In beiden Fällen scheint jedes untaugliche Mittel recht zu sein, Bewegung in der Sache vorzutäuschen. Bewegung, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

Mit dem Vorschlag eines Extrasteuerbonus für arbeitende Frauen soll der empörende Umstand abgeschafft werden, dass Frauen aufgrund ihrer oft löchrigen Erwerbsbiografie für dieselbe Arbeit deutlich weniger Geld bekommen als Männer. Ist das Sommerloch dieses Jahr früher dran? Wäre es Personalabteilungen, Gewerkschaften, Betriebsräten und Gleichstellungsabteilungen der Firmen nämlich ernst mit der Absicht, alle Mitarbeiter gleich behandeln zu wollen, gäbe es hierfür einfache Möglichkeiten. Sie müssten nur die Eingruppierungen, die Anrechnung von Berufsjahren und die Beförderungsroutine offenlegen. Innerhalb kürzester Zeit würde sich das Gehaltsgefüge von Männern und Frauen angleichen. Dafür aber reicht das Gerechtigkeitsbedürfnis nicht – deshalb schlägt man dem Staat vor, etwas zu tun.

Die Idee hat etwas Bestechendes. Weil der Gehaltsnachteil für Frauen trotz Gleichstellungsge- und Diskriminierungsverbot nicht wegzukriegen ist, soll ihn der Staat ausgleichen. Frauen würden netto mehr Geld für ihre Arbeit bekommen, sie würden lieber arbeiten, wahrscheinlich würden sie auch Karriere machen, lautet die Rechnung. Doch das wird so nicht klappen. Bei Frauen mit hohen Einkommen würde man zu Recht fragen, warum die steuerlich besser behandelt werden sollen als ein Mann mit mittlerem Verdienst. Für Niedrigverdienerinnen würde Arbeit zwar attraktiver. Weil aber die Arbeitgeber hoffen dürften, dass die Frauen bereit sind, den Steuervorteil mit ihnen zu teilen, um Arbeit zu finden, würde Frauenarbeit für sie unter dem Strich billiger. Die Allgemeinheit würde das bezahlen. Einen zweifelhafteren Erfolg kann man sich kaum vorstellen.

Was aber würde man aufgeben. Ein Steuersystem würde zur Disposition gestellt, das bei all seinen Ungereimtheiten, seinen Fehlern, seinen Schlupflöchern im Großen und Ganzen immer noch einem hohen Prinzip folgt: dass nämlich jeder ohne Ansehen der Person, des Berufs, der Art des Einkommens nach seiner Leistungsfähigkeit besteuert wird. Das ist ein hohes Gut. Es schützt den Bürger vor staatlicher Willkür und vor den Moden der Zeit. Wer heute die Frauen stützen will, würde morgen vielleicht gern den Alten, übermorgen den Dünnen oder den Schwulen einen Bonus einräumen wollen. Eine allgemeine Senkung des Tarifs aber würde es nie mehr geben. Das kann sich niemand wünschen, der die Beständigkeit und Umsicht von Politikern vor und nach Wahlen kennengelernt hat. Wahrscheinlich würden auch die Verfassungsrichter solchen Entscheidungen Einhalt gebieten.

Außerdem gibt es deutlich wirksamere Instrumente, zum Beispiel die Bildungsbeteiligung. Allein ein Blick auf die Schul- und Hochschulabsolventenzahlen sollte für Optimismus reichen. Mädchen lernen schneller, weibliche Jugendliche machen das bessere Abitur, Studentinnen stellen die Mehrheit der Hochschüler, und dann machen sie auch noch den qualifizierteren Abschluss. Nimmt man nun noch die vielfältigen Initiativen von Politikern und gesellschaftlichen Kräften dazu, die allesamt das Ziel haben, eine Balance zwischen Familie und Beruf zu finden, dürfte sich das Thema im Zeitablauf von selbst erledigen.

Die Frage ist, wie lange das dauert. Auch da gibt es Grund zur Zuversicht. Zum Beispiel wegen einer neuen Quotendiskussion, die von Beratungsunternehmen, von großen Investoren und von Pensionsfonds getrieben wird. Seitdem die großen Fonds nicht mehr in Unternehmen investieren wollen, in denen Frauen der gerechte Anteil an Arbeitsplätzen und Macht vorenthalten wird, ist die Beteiligung von Frauen zügig und dramatisch gestiegen. Das sind gute Nachrichten. Und dafür muss man nicht einmal sein Steuersystem zum Teufel jagen.

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