FREAK FOLK Devendra Banhart : Sei frei wie ein Kind

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Wäre Devendra Banhart 30, 40 Jahre früher geboren worden, hätte es ein böses Ende mit ihm nehmen können. Denn etliche der Songwritergenies, die Ende der Sechziger die Nachwehen des Summer of Love in spinnwebfeinen Liedern verarbeiteten, gerieten auf die schiefe Bahn: Tim Buckley, Nick Drake, Syd Barrett, Tim Hardin, Marc Bolan – die persönliche Tragik der allesamt jung verstorbenen oder verschollenen Künstler korrespondierte mit wenig lebensbejahenden Inhalten ihrer Songs. Einiges deutet darauf hin, dass Banhart tatsächlich gern in jener Ära gelebt hätte: Ein aufrichtigeres, unpeinlicheres Nachleben der Blumenkinder als in Stücken wie „I Feel Just Like A Child“ oder „Heard Somebody Say“ (mit den Zeilen „I heard somebody say / that the war ended today / but everyone knows it’s goin’ still“) von seinem versponnensten Album „Cripple Crow“ (2005) war selbst in der an hippiesken Widergängern reichen Freak-Folk- Szene der Nullerjahre nicht zu finden.

Und doch kann man den 1981 in Texas geborenen und in Venezuela aufgewachsenen Kosmopoliten nicht festlegen auf die Rolle als Vorzeigehippie oder Protohipster, der sich die Attribute des zeitgenössischen Hipstertums schon angeeignet hatte, als Nordneukölln noch schmuddeliger Problembezirk war. Vielmehr ist Devendra Banhart nicht nur einer der inspirierendsten zeitgenössischen Musiker, der auf immer weiter verfeinerten Platten Einflüsse von den brasilianischen Tropicalisten über den Glamrock der Siebziger bis zu balearischen Discobeats verarbeitet, sondern auch ein freigeistiger Bildkünstler, dessen grafisches Werk das San Francisco Museum of Modern Art im Dialog mit Werken von Paul Klee würdigte.Jörg Wunder

Huxleys Neue Welt, Mo 8.7., 21 Uhr, 24 €

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