Frederick Forsyth : Wie Biafra mein Leben verändert hat

Mit 28 dachte ich, meine Karriere würde ziemlich gut laufen. Das war im Juli 1967. Im Februar hatte mir die BBC den Posten eines zweiten außenpolitischen Korrespondenten gegeben. Ungewöhnlich in diesem jungen Alter, normalerweise war das ein Job, der etablierteren und 20 Jahre älteren Figuren vorbehalten blieb.

Mir war gar nicht klar, wie viele Leute ich dabei ohne jede Absicht vor den Kopf gestoßen hatte. Aber ganz bestimmt gehörte der Mann dazu, der dann im April als Ressortleiter für Außenpolitik mein Vorgesetzter wurde. Mr. Arthur Hutchinson war zweifellos überzeugt, er hätte als designierter Redakteur in jener fünfköpfigen Kommission sitzen müssen, vor der ich im Februar mein letztes Prüfungsgespräch absolviert hatte. Wäre es so gewesen, ich hätte den Job bestimmt nicht bekommen. Denn er wollte mich nicht in seinem Team haben, und das zeigte er deutlich. Im Nachhinein bin ich sicher: Er hätte seinen Willen wohl auch ohne Biafra durchgesetzt.

Die Tage Ende Mai und Anfang Juni 1967 standen ganz im Zeichen des Sechstagekrieges zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Ich war kurz im Urlaub gewesen, jeden anderen unserer Reporter hatten sie derweil in den Nahen Osten geschickt. So war ich bei meiner Rückkehr der einzig verfügbare Mann, als sich der Osten Nigerias abspaltete und fortan Republik von Biafra nannte. Binnen Tagen war das Kronjuwel des Britischen Commonwealth in einen Bürgerkrieg verstrickt.

Wir hatten unseren Westafrika-Experten in Lagos, aber wer würde die Rebellenseite abdecken? Der Schierlingsbecher ging an mich. Nur wenig später war vollkommen klar, dass die britische Regierung sich für eine Seite entschieden hatte, ihre angebliche Neutralität also gelogen war. Eingestimmt durch unseren fanatischen Botschafter in Lagos, versicherte London allen und jedem, dass sich der Stammessturm im Wasserglas binnen einer Woche bis allerhöchstens zehn Tagen erledigt hätte. Dann wäre die von den Briten hervorragend ausgebildete nigerianische Armee mit dem rebellischen Ibo-Gesindel fertig und Ruhe und Ordnung wiederhergestellt. Das war das Szenario, für das ich in aller Eile dort hingeschickt worden war, und so sollte ich das auch an London übermitteln.

Das Problem war nur, dass sich jedes Detail meines Londoner Briefings als Unfug herausstellte. Die Ibos Ost-Nigerias waren zügellosen Pogromen ausgesetzt, was sie schließlich dazu zwang, ihr Heil in der Sezession zu suchen. Und sie waren auch nicht irgendein unbedeutender Stamm, es handelte sich um 20 Millionen Angehörige der bestausgebildeten ethnischen Gruppe in Afrika.

Ihr Anführer, Emekja Ojukwu, war kein augenrollender Irrer, sondern ein besonnener ehemaliger britischer Eliteschüler und Oxford-Absolvent. Er hatte nichts von einem verhassten Tyrannen, vielmehr war er außerordentlich populär. Dagegen handelte es sich bei der nigerianischen Armee um einen chaotischen Haufen, schlecht ausgebildet und erschreckend geführt. Binnen einer Woche schaffte sie es gerade vier Meilen über die Grenze, dann stieß sie auf eine Reihe mit Zement gefüllter Straßensperren und fürchtete sich davor, den Urwald zu betreten.

Der Krieg kam buchstäblich an einen toten Punkt. Und da blieb er auch. Journalisten, die nichts mehr zu berichten hatten, wurden zurückgezogen und gingen nach Hause. Ich erhielt die Anweisung, während des biafranischen Rückzugs noch nichts zu bringen, sondern erst, wenn die ganze Geschichte zu Ende wäre, aus der Sicherheit des benachbarten Kamerun heraus zu berichten. Also meldete ich mich auch nicht. Dann kam aus London die wütende Aufforderung, eine längere Zusammenfassung der Geschichte zu bringen, so weit, wie sie bis jetzt gediehen war. Das tat ich. Lagos war außer sich. Ihre eigene Propaganda hatte täglich durchschlagende Erfolge gemeldet und sah nun ziemlich dumm aus, was sie ja auch war. Der britische Botschafter flog nach Hause und führte eine leidenschaftliche Beschwerde darüber, dass seine Position von einem unverantwortlichen BBC-Korrespondenten aus dem Rebellenlager heraus untergraben worden sei. Ich wurde abberufen.

Die Exekution meiner Karriere ließ nicht lange auf sich warten und wurde rasch vollzogen. Die Anschuldigung lautete, ich hätte Partei ergriffen, und das war bereits ein Grund, gehängt zu werden. Außerdem hatte ich das Auswärtige Amt gegen mich aufgebracht. Und ganz sicher hatte ich Mr. Hutchinson schockiert. Der schätzte es nicht besonders, wenn man seine Eier durch den Wolf drehte. Vor allem, weil er doch dachte, eines Tages zu „Sir Arthur“ geadelt zu werden.

Rufmord ist eine einfache Sache. Ein Jahr später wurde verbreitet, tragischerweise habe mich der Anblick verhungernder Kinder emotional derart traumatisiert, dass ich darüber jedes bisschen Professionalität verloren hätte. Dabei wurde nur eine einfache Tatsache übersehen: Im Sommer und Herbst 1967 gab es überhaupt keine verhungernden Kinder in Biafra. Das alles begann erst im Mai 1968.

Egal, die BBC feuert ihre Korrespondenten nicht, sie schickt sie nach Sibirien; in meinem Fall bedeutete das, ich wurde Handlanger im Unterhaus. Ich akzeptierte, aber ich behielt die Entwicklung in Nigeria im Auge. Im Februar 1968 nahm ich dann eine Woche von dem Urlaub, der mir zustand, und ging als Privatmann nach Biafra. Alles, was ich befürchtet und vorhergesagt hatte, war eingetreten. Ich kehrte zurück nach London, kündigte meinen Job und drehte wieder um.

Es war eine schwierige Entscheidung. Meine Karriere war damit zunichte, meine finanzielle Lebensgrundlage ausgelöscht. Garantiert würden mir die Bürokraten aus Whitehall, dem Regierungsviertel, nicht so schnell vergeben. Aber ich konnte nun die Wahrheit schreiben. Im Mai kamen die ersten streichholzdünnen Kinder aus dem Busch. Kameras klickten, die Bilder gingen nach Europa, und die Geschichte, die London so gern unterdrückt hätte, stand auf jeder europäischen Titelseite. Allein das Wort Biafra wurde zum Synonym für den Horror der letzten zwei Jahre dieses Jahrzehnts.

Zwischen einer halben und einer Million Kinder starben in diesem Zeitraum. Es war grauenhaft, und es prägte mich fürs Leben. Es nahm Äthiopien, Eritrea, Sudan, Ruanda, Darfur und all die anderen furchtbaren Bilder vorweg. Heute sind wir daran gewöhnt, 1968 hatte ganz einfach noch niemand in Europa so etwas je zuvor gesehen. Ich blieb bis Weihnachten 1969. Lagos hatte einen Preis auf meinen Kopf ausgesetzt, also nahm ich das drittletzte Flugzeug, das noch aus dem untergehenden Biafra rausging.

Zurück in London, vollkommen am Ende und in meinem Job nicht mehr vermittelbar, setzte ich mich hin und schrieb ein Buch. Das hatte nichts mit Afrika zu tun. Es ging um Paris, Charles de Gaulle, die OAS… alles das, woran ich mich noch erinnerte, als ich dort 1962/63 für Reuters gearbeitet hatte. Ich nannte es „Der Schakal“ und hoffte, ich könnte es einigermaßen verkaufen, und das würde mich aus dem finanziellen Tief bringen.

Im September 1970 wurde es von einem Verlag angenommen. Januar 1971 war klar, dass das was Großes werden würde, viel größer als ich oder die Verleger sich das vorgestellt hatten. Und ich hatte einen Vertrag für noch zwei Romane. Aus einer Laune heraus nahm ich einen Bus nach Whitehall, ein Auto konnte ich mir immer noch nicht leisten.

Langsam lief ich an den Fenstern des Auswärtigen Amtes vorbei, hob den rechten Arm und zeigte den gestreckten Mittelfinger. War das ein Spaß.

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