Zeitung Heute : Frei sein

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Verleihung des Busoni-Preises an Pierluigi Billone und Sebastian StierGREGOR SCHMITZ-STEVENS"Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung", schrieb Busoni 1907 in seiner "Ästhetik der Tonkunst".Doch gerade die Neue Musik, für die Busoni zu Beginn unseres Jahrhunderts ein Vorreiter war, hat unter ihren Bedingungen meist zu leiden.Seit 1988 bietet der von Aribert Reimann gestiftete Busoni-Kompositionspreis ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit für junge Komponisten, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben, sowie die Möglichkeit, ihre künstlerische Arbeit einem breiteren Publikum vorzustellen.Diesmal gingen die Preise an den 37jährigen, aus Italien stammenden Pierluigi Billone und an Sebastian Stier, der 1970 geboren wurde. Billones Stück "ME.A.AN" (1994) für Stimme und Ensemble ist eine Studie über die Identität der Instrumente.Die meisten Töne und Geräusche werden auf ungewöhnliche Weise hervorgebracht; Frank Wörner erzeugt mit seiner Stimme sanfte Übergänge zwischen Singen, Summen und Pfeifen, zwischen artikulierten und unartikulierten Lauten.So gleicht die Musik des Kompositionsschülers von Salvatore Sciarrino und Helmut Lachenmann einer langen Meditation, sie ist ein Spiel von Reflexen, in dem sich die Klänge von Instrumenten lösen. Die Werke des Förderpreisträgers Sebastian Stier zeichnen sich durch das Zusammenspiel von expressiver Spontaneität und strenger Struktur aus."Dispersion", 1996 als Examensarbeit entstanden, bezieht sich mit seinem Titel auf das optische Phänomen der Zerlegung zusammengesetzten Lichts in seine verschiedenfarbigen Bestandteile.Wie ein weißer Lichtstrahl spielt zu Beginn die Klarinette solo, ehe sich, wie durch ein Prisma gebrochen, vielfarbig schimmernde Farb- und Rhythmusflächen ergeben.Das Ensemble UnitedBerlin hatte die komplexe Partitur unter Leitung von Peter Hirsch hervorragend einstudiert; in dieser konzentrierten Interpretation hinterließ das Werk des vielversprechenden jungen Komponisten einen starken Eindruck. Mit der Verleihung des Busoni-Preises wurde gleichzeitig die Musikwoche "Hören & Sagen" der Akademie der Künste eröffnet.Bis 22.zum November sind Konzerte zu hören, in der Neue Musik nicht nur gespielt, sondern auch von Komponisten erläutert wird - eine Veranstaltungsform, die über den Kreis der Eingeweihten hinaus Musikinteressierte ansprechen und ihnen den Zugang zu ungewohnten Klangwelten erleichtern soll. Heute moderiert Hans Zender ein "Hören & Sagen"-Konzert, am Freitag Brian Ferneyhough; jeweils 20 Uhr im AdK-Studio.

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