Zeitung Heute : Freie Universität nach 50 Jahren

UWE SCHLICHT

Es ist an der Zeit, daß die Stadt sich wieder mit der Freien Universität identifiziertVON UWE SCHLICHTDer 16.April 1948 war ein Datum von lokaler Bedeutung in Berlin.Aber daß die von dem Altkommunisten Paul Wandel geleitete Zentralverwaltung für Volksbildung drei aufmüpfigen Studenten aus politischen Gründen die Studienerlaubnis an der Universität Unter den Linden entzog, hatte weitreichende Folgen.Sie paßten in einen größeren Rahmen.Spätestens seit der Botschaft des amerikanischen Präsidenten Truman wußte die Welt, daß es mit der Harmonie der Siegermächte vorbei war: Die Eindämmung des Kommunismus wurde angekündigt.Es folgte der Marshallplan zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas - die Sowjetunion erzwang in den von ihr abhängigen Staaten den Verzicht auf diese Hilfe.Als schließlich die Währungsreform im Juni 1948 verkündet wurde und die Sowjetunion die Blockade Berlins verhängte, wurde die Spaltung Deutschlands zum Faktum. Studenten an der Berliner Universität hatten die sich abzeichnende Politisierung durch SED und Sowjetunion seit 1947 angeprangert, sie nahmen Risiken dafür in Kauf bis hin zur willkürlichen Verhaftung einiger ihrer Sprecher.Weitsichtige Publizisten wie der Tagesspiegel-Herausgeber Erik Reger versuchten den Deutschen zu erklären, daß sie sich jetzt zu entscheiden hätten, ob sie die Einheit in Freiheit oder als Sklaven des Ostens erleben wollten.Reger ordnete damit das Schicksal der Berliner Universität in die Deutschlandpolitik ein.Mit ihm taten das so wagemutige Politiker wie Ernst Reuter, Kurt Landsberg, Carl-Hubert Schwennicke.In dieser Situation wirkte die politische Disziplinierung der drei Studenten am 16.April 1948 wie eine Initialzündung zur Gründung einer freien Universität.Die Amerikaner nahmen den Gedanken auf.In Berlin fanden sie die glaubhaften Repräsentanten der jungen Generation: Halbjuden, Opfer des Fachismus, Kriegsheimkehrer, die, vom Nationalsozialismus geheilt, sich im Widerstand erprobt hatten. In welch einem Elfenbeinturm sich die meisten Professoren damals noch befanden, zeigt die Distanz der Westdeutschen Rektorenkonferenz zur Gründungsidee.Unter Federführung einer so bedeutenden Persönlichkeit wie Walter Hallstein befürchtete die WRK eine Isolation der ins kommunistische Fahrwasser geratenen Berliner Universität Unter den Linden.Einer Propagandaidee wie der Gründung einer freien Universität in den Westsektoren Berlins wollten die Rektoren nicht mit Rat und Tat zur Seite stehen. Als die Freie Universität am 4.Dezember im Blockadewinter eröffnet wurde, war das ein politischer Akt.Dem politischen Charakter entsprach ihre Verfassung.Unerhörtes stand in der ersten Satzung: Im Akademischen Senat und den Fakultätsvertretungen durften Studenten mitbestimmen.Dazu gab es ein dem deutschen Hochschulsystem völlig fremdes Gremium: das Kuratorium, in dem außer den Professoren und Studenten auch Politiker aus der Stadt über Haushalt und Hochschulentwicklung mitentschieden.Das "Berliner Modell" war den Amerikanern die Probe wert, und sie spendeten das nötige Geld, hatten sie doch vergeblich im Westen des Landes eine demokratische Schul- und Hochschulreform angemahnt. Für die deutschen Universitäten wurde das "Berliner Modell" kein Vorbild, obwohl die Freie Universität unter dieser Verfassung seit Mitte der fünfziger Jahre bis zur Studentenrevolte Spitzenleistungen in der Wissenschaft erreicht hatte.Für die Stadt blieb die Freie Universität bis in die sechziger Jahre ein Objekt Hoffnung, in der Zeit der Studentenrevolte gingen die Berliner auf Distanz.Selbst nach der Überwindung des akademischen Bürgerkriegs in Dahlem gewann die Freie Universität nicht die Sympathie der Politiker zurück, obwohl sie erneut wissenschaftliches Ansehen erreichte.Die Distanz in der Stadt steigerte sich bis zur Vernachlässigung der FU, als sich nach der Wiedervereinigung den Politikern die Chance bot, den weltberühmten Namen Humboldts als Symbol für den wissenschaftlichen Aufschwung zu nutzen.Im 50.Jahr ihres Bestehens zählt die FU in der Forschung wieder zu den deutschen Spitzenuniversitäten.In der Reformbereitschaft hat sie sich jetzt mutiger gezeigt als die Humboldt-Universität.Es ist an der Zeit, daß die Stadt sich wieder mit der Freien Universität identifiziert.

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