Zeitung Heute : Freiheit für 1001 Nacht

Anja Hirsch

Am besten, man löst sich irgendwie auf, räumlich und zeitlich. Nehme das neue Buch von Jeanette Winterson zur Hand. "Das Powerbook". Beginne zu lesen. Bereit, sich zu verwandeln. In Mann, Frau, Ritter, Tulpenzwiebelbote. Durchwandere mit der Erzählerin Ali märchenhafte Geschichten. Begegne Liebespaaren. Lancelot und Guinevere. Tauche ein in Märchen, suche "die Liebe selbst", nichts weniger. Und versuche auf keinen Fall, Wirklichkeiten auseinanderzuhalten. Es gibt Millionen davon. Sonst einfach Buch zuklappen, in den Alltag zurücktreten. Ali, eine E-Mailerin, vermarktet virtuelle Ware und setzt ihre höchste Begabung ein: die Einbildungskraft. Sie bietet Geschichten an, verspricht am Computer "Freiheit nur für eine Nacht", ist eine Art Sprachkostümierer für Menschen, die in neue Rollen schlüpfen wollen. Aber Ali hat nicht bedacht, dass nicht nur ihre Kunden ein Risiko eingehen, sondern auch sie selbst, wenn sie mitspielt. "Was ist bloß aus dem auktorialen Erzähler geworden?" - "Ist interaktiv geworden."

Jeanette Winterson ist eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Jeden Monat schreibt sie ihrer Fangemeinde via Internet einen sympathischen Brief, kümmert sich um ihre eigene Webseite ( www.jeanettewinterson.com ), teilt Neuigkeiten mit. Realistisches Erzählen ist ihre Sache nicht. Spielerisch hebt sie Zeit und Raum auf, erzählt Mythen neu, setzt behutsam Querverweise. Alles kann Stoff sein, Tarot, Alchemie, Quantenphysik. Ihre Prosa ist experimentell, trotzdem lesbar.

Winterson, 1959 in Manchester geboren, aufgewachsen in Nordengland bei einer Familie, die Bücher verschmähte, schreibt sich in die Welten hinein, die ihr gefallen. So auch im "Powerbook", das einen Zyklus aus sieben Romanen beschließt, der mit ihrem Debut "Oranges Are Not the Only Fruit" (1985) begann. Damals schrieb sie, ihre Arbeit habe mit endlosen Reisen zu tun. Auch der neue Roman lebt von der Vorstellung eines immerzu reisenden Ichs, das aus unzähligen Schichten besteht. Die treibende Energie ist die Sehnsucht, damit ist Jeanette Wintersons Prosa romantischen Ursprungs. Sie begreift nicht nur das Ich als "multipel und unendlich", sondern auch den Text über dieses Ich als endlos. "Ständig muss das Buch neu geschrieben", am "Drehbuch der Liebe" gearbeitet werden.

Die Figuren jagen dem Jetzt hinterher, aber kaum ist es erfunden und beschrieben, muss es weichen. "Weg war es - Maus, Hund, Eis, Jetzt. Schon waren wir in einem anderen Jetzt, und das Rosa des Himmels war verblichen." Zeit ist flüssig, das Denken "ein gekrümmter Raum. Das, was wir erleben, das, was wir erfinden, läuft nebeneinanderher, Spur neben Spur, dann geht es ineinander über, der Bremshebel gelöst. Atom und Traum."

Wer so abhebt, läuft Gefahr, allzu unverbindlich zu klingen. Jeanette Winterson hält eine Kraft dagegen: die Sprache. Klar, knapp und präzise. Selbst in der Übersetzung gerinnt dieser Ton: überraschend, manchmal geradezu banal, hin und wieder kitschig, vor allem aber trocken. "Jetzt liest die Geschichte dich, Zeile für Zeile." Und als auch die Erzählerin die Kontrolle über ihre Erfindungen verliert, heißt es lapidar: "Hätte ich das Ganze geschrieben, hätte ich mit mehr Geld aus dem Haus gehen können". Ein altes Thema: die ausgedachten Hirngespinste entwickeln plötzlich ein Eigenleben und bestimmen ihren Schöpfer. Nur der Rahmen und dieAufbereitung ist zeitgemäß: man schreibt die Geschichten ins Cyberspace hinein, und die Kapitel entsprechen einer Apple-Menüleiste, beginnen mit "Datei öffnen", gehen über Zwischenstationen wie "Suchen" (das Unmögliche) und "Papierkorb ausleeren" (ein bisschen Kindheit erzählen) bis zum letzten "Speichern". Wenn es darum geht, sich zu verwandeln, dann "scrollen wir uns offenbar in ein anderes Selbst hinein".

Manchmal wirkt diese virtuelle Sprache aufdringlich und das Anliegen, neue Gewänder zu entwerfen, zu großartig. Besser funktioniert das Buch, wenn man es als Spiel begreift, das Reale gegen das Imaginäre aufhetzt. Manchmal treffen beide aufeinander, und das ist der ganze Witz des Buches. Zum Beispiel, wenn Ali, die sich gleich in ihre erste Kundin verliebt, über ihre Arbeit reflektiert - bevor sie weiterreist, nach London, Paris, Capri, und Inkarnationen dieses einen Paars entwirft, immer auf der Suche nach der Dante-Liebe, "die die Sonne und die anderen Sterne bewegt".

Ob Mann, ob Frau, spielt keine Rolle: Es ist bei Jeanette Winterson seit je eine unverlässliche Kategorie. Jedenfalls spielt Ali gleich mit, erfindet mit einer unbändigen Lust am Erzählen etwas zum Chatnamen Tulpe, mit dem sich ihre verheiratete Geliebte vorstellt. Ali soll im Jahre 1635 die Tulpenzwiebel aus der Türkei nach Holland schmuggeln, verkleidet als Junge, die kostbare Ware zwischen die Beine genäht. Auf einem Schiff trifft Ali den Kapitän, eine groteske Figur, Vater aller virtuellen Welten, der bereits weiß: "Du wirst in dieser Welt leben, als wäre sie wirklich, bis sie nicht länger wirklich ist..." Und er bestimmt das Konzept des Romans: "Mach aus Nirgendwo ein Irgendwo". Aus diesem Ton sind die Geschichten.

Vielleicht ist es zu hoch gegriffen, wenn Jeanette Winterson sagt, "Das Powerbook" sei Fiktion des 21. Jahrhunderts, weil das Buch selbst, als Gegenstand und als Idee, keineswegs tot sei, sondern transformiert werde, weil wir einer neuen Sicht auf Vertrautes bedürfen. Tatsächlich fabuliert sie mit einer faszinierenden Schwerelosigkeit über alte Themen. Am Ende, sagt die Erzählerin Ali, hatte sich alles wieder "in die Verstecke meiner Gedanken hineingefaltet. Verschwand restlos." Wie diese Geschichten, die Figuren, der Text. Aber die Bewegung wirkt nach: Erfinden. Neu erfinden. Eine Vision haben. Nichts weniger.

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