Zeitung Heute : Freiheit für Gefühle und Abenteuer

Sabbatjahr: Warum viele Arbeitnehmer von einer befristeten Auszeit vom Berufsleben träumen, aber nur wenige den Wunsch in die Tat umsetzen

Martin Gerner

Einfach nur die Seele baumeln zu lassen, sich ablenkungsfrei dem Eigenheimbau zu widmen oder mal richtig Zeit für Familie und Kinder zu haben: Diese Wünsche stehen weit oben auf der Liste von Berufstätigen, die mit einem Sabbatjahr liebäugeln. Doch reisen, möglichst auf ferne Inseln und Kontinente, das ist mit Abstand die populärste Variante der befristeten beruflichen Auszeit, neudeutsch Sabbatical oder Time-Out genannt.

Wer sich diese diese Freiheit nehmen möchte, sollte es jetzt tun. Der Konjunkturmotor ist wieder angesprungen und in ein paar Monaten könnte es sein, dass die Unternehmen auf keinen ihrer erfahrenen Mitarbeiter mehr verzichten können – beziehungsweise wollen. In der angelsächsischen Berufswelt oder auch in Frankreich, wo der Anspruch auf einen „congé sabbatique“ gesetzlich verbrieft ist, wird ein Sabbatical nämlich keinesfalls als eine mehr oder weniger private Freizeit-Angelegenheit angesehen. Der befristete Ausstieg mit Rückkehrgarantie wird dort eingesetzt, um den Mitarbeiter zu motivieren, seinen Blickwinkel zu erweitern und dem Burn-out-Syndrom vorzubeugen. Gegebenenfalls soll sogar eine Entlassung verhindert werden: In einem Jahr könnte die Auftragsflaute ja vorbei sein und dann ist der Betrieb froh, den vertrauten Mitarbeiter zurück in der Mannschaft zu haben.

Nicht zufällig wurde für die betrieblichen Auszeitregelungen der alttestamentarische Begriff des Sabbatjahrs gewählt. Er beschreibt das siebte Jahr, in dem der Acker brach liegt, damit sich der Boden regenerieren kann – in Erwartung einer besseren Ernte. Wieder höhere Leistung zu provozieren, könnten auch Beweggründe für Unternehmen hierzulande sein. Doch ein Sabbatjahr zum festen Bestandteil ihrer Personalplanung haben in Deutschland erst wenige Arbeitgeber gemacht, etwa fünf Prozent aller Firmen haben innerbetriebliche Vereinbarungen. So ist es typisch für die deutsche Firmenpraxis, wenn Günter Forneck, Pressesprecher der Bayer AG von „Ausnahmeregelung, alles Einzelfallprüfung“ spricht.

Tatsächlich ist ein Sabbatjahr nicht ganz unproblematisch. Für die meisten Arbeitnehmer steht zwar fest: Nach der Auszeit soll es beim alten Arbeitgeber weitergehen – wie vorher, aber mit neuem Elan, neuer Motivation. Für manch einen ist es aber auch der erste Schritt zum Absprung. Das Wagnis der Selbstständigkeit oder des Jobwechsels ist in der Auszeit schon mit angelegt – auch wenn sich das die meisten zum Zeitpunkt der Planung noch nicht eingestehen mögen. So kann am Ende eines Sabbatjahres die Kündigung stehen. Die Einstellung zum Leben hat sich verändert, der Mut zum Risiko ist erwacht.

Dem Arbeitgeber, der so einen guten Mitarbeiter verliert, muss das nicht gefallen. Kein Wunder, dass sich mancher Angestellter erst gar nicht traut, mit seinem Vorgesetzten über ein Sabbatjahr zu reden. Bei Almut Rau ist das anders. Die Lehrerin gehört zu einer Gruppe von Privilegierten. Für Beamte gibt es in allen 16 Bundesländern einen Anspruch auf eine Auszeit. „Ich habe meinen Antrag schon zwei Jahre vor dem Sabbatjahr bei der Bezirksregierung Köln eingereicht“, erklärt Rau. Zwei Jahre lang bekommt sie jetzt für die gleiche Arbeit wie zuvor ein Drittel weniger Gehalt. Dieser Verzicht wird ihr im Sabbatjahr gutgeschrieben. Sie erhält dann ein Jahr lang etwa 66 Prozent des alten Gehalts. Und die Wartezeiten auf Beförderung bleiben trotz des Sabbatjahrs die gleichen. „An unserer Schule hat das noch nie jemand gemacht. Ich bin die Erste“, sagt Almut Rau. Nach und nach zeigen auch Unternehmen der Privatwirtschaft Interesse am Sabbatjahr und entwickeln Modelle für Ansparmöglichkeiten auf Zeitkonten. BMW, Procter & Gamble, VW oder Lufthansa gelten dabei als führend. Bei Hewlett-Packard wird ein persönlicher Zeitsparplan erstellt, pro Jahr können die Mitarbeiter ihre Wochenarbeitszeit neu festlegen. Für die Entnahme vom Zeit-Konto gibt es nur eine Regel: rechtzeitige Absprache mit Kollegen und Vorgesetzten. Dabei heißt rechtzeitig „mindestens ein Vierteljahr im voraus“, wie Bernd Hochgeschurz, langjähriger Personalrat im Deutschlandfunk, kritisch einräumt, denn: „Die bürokratischen Mühlen großer Betriebe mahlen langsam“. Buchautorin Barbara Hess merkt dazu an: „Wenn es dann zum Gespräch mit dem Chef kommt, sollten Sie vom Gefühl her 100 Prozent überzeugt sein, dass Ihnen das freie Jahr zusteht.“ Und man sollte deutlich machen, dass beide Parteien vom Sabbatical profitieren. Am Ende steht dann ein schriftlicher Vertrag über die Konditionen: „Klären Sie, ob Sie bei der Rückkehr wieder an den gleichen Arbeitsplatz kommen oder einen ähnlichen. Bei unbezahltem Urlaub sollte festgehalten werden, wer die Sozialversicherungsbeiträge zahlt und welche Folgen die Auszeit für die betriebsinterne Rente hat“, rät Barbara Hess. Und: „Wichtig ist, dass Sie die Anwesenden durch Ihre Begeisterung anstecken.“ Hans Ulrich Helzer, Chef eines Kölner Kommunikations-Unternehmens, verrät, worauf Vorgesetzte achten: „Wenn einer kommt und sagt, er will ein Sabbatjahr und möchte es zum Lesen nutzen, bekommt er die Auszeit. Sagt er, es geht nach Australien um zu surfen, bekommt er sie nicht.“ Barbara Hess macht Mut, sich hier durchzusetzen. Ebenso wie gegen die Furcht vor einem Karriereknick: „Der Wiedereinstieg war vielfach ein Aufstieg", berichtet die Buchautorin aus ihrer Erfahrung mit Dutzenden von Sabbaticalern.

Außerdem verweist Barbara Hess auf ein asiatisches Sprichwort: „Am Ende unseres Lebens werden wir nicht die Dinge bereuen, die wir falsch gemacht haben, sondern die, die wir nicht gemacht haben.“

Buchtipps: Heike Reuther: Berufliche Auszeit, G/U Ratgeber Business, 12 Euro 90. Dietmar Marburger: Raus aus der Jobmühle!, Walhalla Fachverlag, 2003, 11 Euro 50. Anke Richter: Aussteigen auf Zeit, Egmont Verlag, 10 Euro 90. Barbara Hess: Sabbaticals. Auszeit vom Job - wie Sie erfolgreich gehen und motiviert zurückkommen. 24 Euro 90.

Infos im Web: www.gew.de/wissen/wissenspool/texte/synsab.pdf, www.globalvolunteers.org, www.sciint.org, www.cdg.de.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben