Zeitung Heute : Freiheit fürs Gefühl

Aggressive Kinder können sich kaum in andere Menschen hineinversetzen – aber Hilfe ist möglich

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Was hat den Schüler in Erfurt bewegt, in seiner Schule ein Massaker anzurichten und sich anschließend zu erschießen? War diese Gewalttat vorherseh und damit verhinderbar? Eine schlüssige Antwort auf diese Fragen liefert die jüngst erschienene Dissertation über das „Gefühlsverständnis aggressiver Kinder“ der Psychologin Tina Malti. In ihrer an der Freien Universität Berlin entstandenen empirischen Studie kommt Malti zu dem Ergebnis, dass Kinder, die wenig Einsichtsfähigkeit in soziale Zusammenhänge und eigene Gefühle haben, häufig aggressiv auf ihre Umwelt reagieren. Aggressives Verhalten lässt sich anhand von verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen vorhersagen. Und auch der elterliche Erziehungsstil beeinflusst das Sozialverhalten der Kinder. Tina Malti nützt ihre Untersuchungsergebnisse, um ein stimmiges Trainingsprogramm vorzustellen, damit aggressive Kinder ihr unkontrolliertes Verhalten besser regulieren können.

„Jedes Kind hat ein mehr oder weniger starkes Aggressionspotenzial“, erzählt Tina Malti. Dabei neigen diejenigen Kinder zu aggressivem Verhalten, denen Eltern weder Grenzen setzen, noch sie konsequent demokratisch erziehen.

Im Vergleich zu den nicht aggressiven Mädchen und Jungen erhalten aggressive Kinder im Alter von neun bis zehn Jahren weniger positive elterliche Unterstützung. Vor allem Eltern hoch aggressiver Kinder unterdrücken Wünsche und Befindlichkeiten ihrer Sprösslinge. Gewaltbereite Kinder stammen oft aus Elternhäusern, in denen Gewalt, Feindseligkeit und emotionale Isolation an der Tagesordnung sind.

„Aggressives Verhalten hängt mit einer spezifischen Persönlichkeitsstruktur zusammen“, resümiert Tina Malti. So erledigen aggressive Kinder meist weniger gewissenhaft ihre Aufgaben, sind häufiger neurotisch und weniger verträglich als ihre nicht aggressiven Altersgenossen. Vor allem hoch aggressive Kinder gelten dabei als extrovertiert. „Bis auf die Extrovertiertheit sagen alle diese Persönlichkeitsfaktoren aggressives Verhalten voraus“, meint Tina Malti.

Deutliche Schwierigkeiten haben aggressive Kinder, wenn sie Situationen moralisch beurteilen sollen, wie beispielsweise das Stehlen von Schokolade eines Schulkameraden. Aggressive Kinder können sich bei Regelverletzungen schlechter als nicht aggressive Kinder in die Rolle des „Täters“ oder des „Opfers“ hineindenken. Während es sich bei moderat aggressiven Kindern oft nur um eine Verzögerung der Entwicklung handeln könnte, weisen hoch aggressive Kinder wahrscheinlich eine Anomalie im Gefühlsverständnis auf, sagt Malti.

„Aggressive Kinder verfügen häufig über weniger soziale Kompetenz als ihre Altersgenossen“, erzählt Tina Malti. Im Vergleich zu anderen Kindern spielen sie häufiger allein. Wenn aggressive Kinder mit anderen spielen, schenken sie ihnen weniger Aufmerksamkeit, fordern dafür für sich selbst aber umso mehr. Häufig haben nicht aggressive Kinder deshalb kein Interesse an gemeinsamen Unternehmungen oder lehnen das aggressive Kind ab.

Zwischen aggressiven Mädchen und Jungen gibt es weder im Gefühlsverständnis noch in der sozialen Kompetenz nennenswerte Unterschiede.

„Mit der Fähigkeit zur Differenzierung von sich selbst und von anderen nimmt auch die Fähigkeit zu, Gefühle zu verstehen und zu benennen“, so Tina Malti. Auf Grund ihrer Forschungsergebnisse spricht sie sich für ein sozialkognitives Training mit dem Ziel aus, dass aggressive Kinder und Jugendliche ein verbessertes Einfühlungsvermögen lernen sowie die Fähigkeit, die Perspektive des anderen zu übernehmen und flexibler in ihren Möglichkeiten zu werden.

Hierzu hat Malti ein Trainingsprogramm entwickelt, das in ein Drei-Stufen-Modell eingebettet werden kann: In der Diskussion und im Rollenspiel lernen Kinder zunächst, sich in die Rolle des Opfers und in die Rolle des Täters in moralischen Konflikten zu versetzen. Darauf sollen sie in der Diskussion und im Spiel mit sozial kompetenten Gleichaltrigen besser ihre und andere Handlungsweisen und Gefühle erkennen lernen. „Außerdem ist eine positive Eltern-Kind-Beziehung eine weitere Bedingung, um antisozialen Verhaltensweisen vorzubeugen.“ Diese könne durch eine das Trainingsprogramm begleitende Elternberatung gefördert werden.

Die Studie im Internet unter:

http://darwin.inf.fu -berlin.de/2003/120/

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