Zeitung Heute : Freiheit macht Mut

Die Entschlossenheit, mit der viele Iraker zur Wahl gingen, beeindruckt die USA

Malte Lehming[Washington]

Der Irak hat gewählt. Wie wirkt sich das Ereignis auf Amerika und auf George W. Bush aus?

Mit den Worten dieses Mannes gingen viele Amerikaner am Sonntag zu Bett. Sie wurden in fast allen Fernsehsendungen zitiert. Der Mann ist Iraker, 32 Jahre alt, ein Krüppel. Bei einem Anschlag waren ihm vor kurzem beide Beine zerfetzt worden. Trotzdem ging er zur Wahl. „Notfalls wäre ich hierher gekrochen“, sagte er. Stolz, Glück, Genugtuung: Seine Gefühle wirkten echt. Und sie übertrugen sich auf die Stimmung in den USA. „Endlich“, schrieb am Montag die „Washington Post“ in einer Mischung aus Bewunderung und Erleichterung, „haben Amerikaner die Bilder jener gesehen, für die sie kämpfen: Es sind Millionen normaler Menschen, die jahrelang unter der Diktatur gelitten hatten und nun nichts sehnlicher wünschen, als in einem freien und friedlichen Land zu leben.“

Sicher, auch in den USA gibt es Mahner. Eine Wahl ist noch keine Demokratie, die Gefahr eines Bürgerkrieges nicht gebannt, die Besatzungsmacht unbeliebt. Muss es nicht doch einen Zeitplan geben zum Abzug der Truppen? All das wird diskutiert. Doch im Vordergrund steht Bewunderung. Für die meisten Iraker war der Wille zur Freiheit offenkundig stärker als die Angst um das eigene Leben. Das flößt Respekt ein. Dutzende von Geschichten zeugen von unglaublichem Mut. Wer in Bagdad am Badr-Kobra-Mädchengymnasium seine Stimme abgeben wollte, ging an den blutverschmierten Resten eines Selbstmordattentäters vorbei, der sich dort wenige Stunden zuvor in die Luft gesprengt hatte.

Aus amerikanischer Perspektive war der 30. Januar 2005 ein historischer Tag. Er reiht sich – trotz aller gebotenen Vorsicht – in die Geschichte der Demokratie ein. Die verlief nur selten friedlich. Könige mussten gestürzt, der Klerus entmachtet, der Gulag besiegt, die Apartheid überwunden werden. Nun könnte im Irak die erste Demokratie zwischen Istanbul und Neu-Delhi entstehen. Eine Wende, eine Revolution. Auch bürgerliche und linke Tageszeitungen, wie die „Washington Post“ und die „New York Times“, berichteten am Montag in sechsspaltigen Aufmachern von den Wahlen. „Iraker trotzen der Bedrohung, Millionen gehen wählen“, lautete, fast wortgleich, die Überschrift. Bereits am Sonntag hatten alle Nachrichtensender rund um die Uhr Sonderprogramme geschaltet. Aus dem Prozessbeginn gegen Michael Jackson wurde eine Randnotiz.

Die Wahlbeteiligung war hoch, allerdings hatten sich bei weitem nicht alle Iraker registrieren lassen. Daraus leiteten die Kommentatoren zwei Analysen ab. Erstens: Die Rebellen kämpfen nicht im Namen der Nation. Die Terroristen führen keine Widerstandsbewegung an. Ihrer antidemokratischen Ideologie wurde eine deutliche Absage erteilt. Zweitens: Die Bedeutung der Wahlen geht weit über den Irak hinaus. Überall in der arabischen Welt, ob in Jordanien, in Ägypten oder in Saudi-Arabien, dürfen sich die Reformer im Aufwind fühlen. „Es ist das erste wirklich demokratische Ereignis in der gesamten Region“, sagt selbst Nakhle al Hage, der Nachrichtenchef von „Al Arabija“, einem der beiden wichtigsten arabischen Satellitenkanäle. Der Begriff „arabische Straße“, der oft mit antiwestlichen Demonstrationen assoziiert wird, hat eine neue Bedeutung bekommen.

Für US-Präsident George W. Bush bedeuten die Wahlen einen weiteren politischen Triumph. Perfekt fügte sich der Termin in die Inszenierung der Anfangsphase seiner zweiten Amtszeit. Erst Inauguration, dann irakische Wahlen und zuletzt die Rede an die Nation, die Bush am Mittwoch hält: Besser konnten die Dinge sich kaum fügen. Die Kriegsgegner sind vorerst kleinlaut geworden. Gegen die Macht der Mutbilder kommen sie nicht an. Und die politischen Choreografen des Weißen Hauses bereiten bereits die nächsten Stationen vor – das Treffen zwischen Ariel Scharon und Mahmud Abbas, gefolgt von Bushs Europareise. Die Botschaft, an der gebastelt wird, ist klar: Bloß keine Demut. Nur Nörgler können diesem Inspirator der Freiheit noch den Respekt verwehren. Fotos:pa/dpa (2), dpa, Reuters

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