Zeitung Heute : Freispruchdritter Klasse

HANS TOEPPEN

Aus Mangel an Beweisen....Vor Gericht ging es nicht um die Frage, wer die Kinder getötet hat, sondern lediglich darum, ob Monika Weimar konkret des Mordes überführt werden kann.Es blieb ein ZweifelVON HANS TOEPPENWer Karola und Melanie Weimar im August 1986 getötet hat, weiß auch heute noch kein Mensch außer den Eltern, Monika und Reinhard Weimar.Es steht außerhalb jeden vernünftigen Gedankens und es gibt nicht den geringsten Hinweis, daß etwa ein Außenstehender für den Mord an dem fünf- und dem siebenjährigen Mädchen in Frage käme.Das Landgericht Gießen hat deshalb über einen Fall zu entscheiden gehabt, für den nur griechische Tragödien ein ausreichendes Vorbild bieten.Leidenschaft und Blutvergießen innerhalb der eigenen Familie.Ödipus hat, mythologisch, seinen Vater erschlagen und unwissentlich seine Mutter geheiratet.Hat Monika Weimar ihre Kinder wegen eines Liebesverhältnisses erschlagen, oder hat sie sich nur, nachdem ihr Mann die Mädchen erwürgte, still und verzweifelt zu dem Mörder ins Ehebett gelegt? Auch das Landgericht Gießen hat lediglich erklären können, daß der Fall außerhalb vernünftigen Zweifels nicht mehr zu klären ist. Noch immer kann Monika Böttcher, vormals Weimar, die Mörderin sein.Früher nannte man Freispruch zweiter Klasse, was das Gericht hier getan hat: Freispruch aus Mangel an Beweisen, und mehr konnte Monika Böttcher bei dieser Lage auch nicht erwarten.Noch immer sind ernstzunehmende Zeugen gegen sie aufgetreten.Auch deshalb kommt der Freispruch wie ein juristisches Wunder für die weinende Angeklagte daher, denn ihre Verurteilung von 1988 ist zwar aufgehoben worden, aber man kann nicht sagen, daß sie ein Fehlurteil war.Daß der Freigesprochenen die Haftentschädigung für die neun Jahre hinter Gittern versagt worden ist, macht das gestrige Urteil schließlich eher zu einem Freispruch dritter Klasse. Gerade deshalb ist das Ergebnis ein bemerkenswerter Ausweis rechtlicher Skrupel.Die Justiz steht vor der größten rechtsstaatlichen Herausforderung überhaupt, wenn sie unter zwei ausschließlich Verdächtigen einen wählen soll und womöglich beide laufen lassen muß.Denn entgegen dem Eindruck des mit hunderttausenden Mark ausgetragenen Medienspektakels "Weimar" ging es vor Gericht nicht um die Frage, wer die Kinder getötet hat, sondern lediglich darum, ob Monika Weimar konkret des Mordes überführt werden kann.Das Gericht hat seinen Rest von Zweifel in einen Freispruch münden lassen, und mehr kann ein zivilisiertes Gericht nicht tun. Es war klar, daß elf Jahre nach der Tat bei unveränderter Beweislage die Zweifel an Gewicht gewinnen würden.Deshalb liegt das eigentliche Wunder dieses Freispruchs auch nicht in dem Urteil selbst, sondern in der Tatsache des erneuten Prozesses.Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als die Justiz durch ein Wiederaufnahmeverfahren: Objektiv braucht sie neue Tatsachen oder Beweismittel und subjektiv die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen.Es gibt wenige Revisionsspezialisten, denen das unmöglich scheinende gelegentlich gelingt.Monika Weimar stand mit dem Hamburger Verteidiger Gerhard Strate einer von ihnen zur Seite. Der Revisionskünstler hat eine besonders heikle Aufgabe gehabt.Er mußte mit der Gießener Schwurgerichtskammer ausgerechnet jenes Gericht von der Unschuld seiner Mandantin überzeugen - oder jedenfalls Zweifel an der Schuld unter die Richter säen -, das vorher gerade die Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt hatte.Dieses Gericht stand also zunächst unter dem stillschweigenden Verdacht der Voreingenommenheit.Umso mehr Sorgfalt hat es sich vermutlich damit gegeben, den Zweifeln an der Schuld der Mutter nachzugehen.Vielleicht ergibt sich gerade aus dieser Konstellation der entscheidende Pendelausschlag zugunsten von Monika Weimar. Für die Magazine und die bunten Blätter mag der Freispruch ein Segen sein, denn die nunmehrige Monika Böttcher befindet sich wieder auf dem freien Medienmarkt.Für die Justiz war er lediglich ein spektakuläres Beispiel, daß sie nach dem Gesetz funktioniert: Im Zweifel für die Angeklagte.Die Richter haben nicht zu verantworten, daß eines der größten Rätsel der deutschen Kriminalgeschichte ungeklärt bleiben wird.Anders als bei Ödipus, König von Theben, sind keine Götter an dieser tragischen Geschichte beteiligt.Es gibt Morde, die ungesühnt bleiben.Das ist jedenfalls erträglicher für die Menschen als Unschuldige, die verurteilt werden.

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