Zeitung Heute : Freisprüche im Fall Sürücü aufgehoben

„Ehrenmord“-Prozess gegen Brüder der getöteten Berliner Türkin muss neu geführt werden

Sabine Beikler[Leipzig]

Der Mord an der 23-jährigen Deutsch- Türkin Hatun Sürücü muss neu verhandelt werden. Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Leipzig hob am Dienstag die Freisprüche der Sürücü-Brüder Mutlu und Alpaslan auf. Damit ließ das Gericht die Revision der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Berliner Landgerichts vom April 2006 zu. Das Landgericht müsse nun in einer neuen Hauptverhandlung über die möglichen „Verstrickungen der Brüder“ urteilen, sagte der Vorsitzende Richter Clemens Basdorf. Die bisherige Beweiswürdigung sei „nicht haltbar“ gewesen. Das Urteil gegen den dritten Sürücü-Bruder Ayhan dagegen ist rechtskräftig: Er wurde im vergangenen Jahr zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Ayhan Sürücü hatte seine Schwester Hatun aufgrund ihres westlichen Lebensstils im Februar 2005 in Berlin mit drei Pistolenschüssen in den Kopf ermordet. Richter Basdorf nannte diese Tat „unbegreiflich, abscheulich“.

Kurz nach der Bluttat nahm die Polizei die drei Brüder fest. Die Berliner Staatsanwaltschaft erhob im Juli 2005 Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes. Nach einem siebenmonatigen Prozess sprach das Landgericht Berlin Mutlu und Alspaslan Sürücü frei, weil ihnen keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden könne. Als Kronzeugin sagte damals jedoch die 18-jährige Melek unter Polizeischutz aus und belastete die drei Brüder: Der damals 19-jährige Ayhan habe ihr anvertraut, dass sein 26-jähriger Bruder Mutlu die Waffe besorgt und der 24-jährige Bruder Alpaslan Schmiere gestanden habe. Diese Aussagen hatte Ayhan Sürücü vor Gericht zwar bestätigt. Doch bestritt er, die Wahrheit gesagt zu haben. Er habe Melek diese Version nur erzählt, um sie zu beruhigen. Diese Begründung sei jedoch „wenig plausibel“, sagte Basdorf. Auch wenn Ayhan Sürücü die Aussagen der Kronzeugin nicht mehr gelten lassen wollte: Die Frage, ob er seiner Freundin tatsächlich die Unwahrheit erzählt habe, sei vom Landgericht „unvollständig“ geklärt worden. Außerdem habe das Gericht weitere belastende Indizien nicht berücksichtigt. Die Familie Sürücü hält sich zurzeit in der Türkei auf. „Die Familie glaubt weiterhin an die Unschuld der beiden Brüder“, sagte Zakareia Wahbi, ein Sprecher der Familie, dem Tagesspiegel. Mutlu und Alspaslan Sürücü würden zu einer Hauptverhandlung erscheinen. „Das haben sie mir zugesichert.“ Doch offenbar ist ihre Rückkehr nach Deutschland nicht so sicher.

„Ob Alpaslan Sürücü zur Hauptverhandlung kommt, muss er selbst entscheiden“, sagte sein Pflichtverteidiger Matthias Kock. Dem 28-Jährigen wurde vor ein paar Monaten die Einreise nach Deutschland verweigert. Seine Aufenthaltserlaubnis war erloschen. Der 26-jährige Mutlu Sürücü wird nach Aussage seines Anwalts Heinz Möller zu einer erneuten Verhandlung erscheinen. Mutlu Sürücü ist deutscher Staatsbürger.

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