Zeitung Heute : Fremde Freiheit

Sie arbeiten eng mit den Clanchefs zusammen und versuchen erst gar nicht, den Irakern ihre Kultur aufzuzwingen. Die Briten in Basra haben Erfolg. Dort ist es ruhiger als in Bagdad, aber ihre Soldaten verhalten sich auch geschickter als die Amerikaner. Nur: Abziehen können sie noch lange nicht.

Christoph von Marschall[Basra]

Von Christoph von Marschall,

Basra

Kinder, überall Kinder, die johlend an den Straßenrand laufen, sobald sich eine britische Patrouille nähert. Sie begrüßen die Soldaten mit dem Victory-Zeichen. „Hello Mister, hello Mister“, versuchen sie die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wollen fotografiert werden oder durch das Zielfernrohr eines der Sturmgewehre blicken. Unverschleierte Frauen in langen dunklen Gewändern schauen neugierig aus den Hauseingängen. Der Verkehr auf den Straßen ist dicht: alte, verbeulte japanische Modelle, neue Geländewagen, ächzende Lkw, die dunkle Dieselfahnen hinter sich herziehen, dazwischen Eselskarren.

Alltag in der Provinz Basra. Ungläubig verfolgt man die Szenen anfangs, zu Hause hörte man immer nur von Anschlägen, wenn es um den Irak ging. Und selbst wenn der Kopf weiß, dass davon fast ausschließlich die amerikanische Zone betroffen ist, besonders die Regionen um die Hauptstadt Bagdad und Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit, bleibt im Bauch dieses Kribbeln. Auch im britisch kontrollierten Süden signalisieren die Vorkehrungen: Gefahr.

Die betagte „VC 10“ der Royal Air Force, die weit über hundert Soldaten vom britischen Stützpunkt Brize Norton nahe Oxford an den Persischen Golf bringt, landet nur bei Dunkelheit in Basra. Selbst die Kabine wird komplett abgedunkelt, potenzielle Feinde mit Luftabwehrwaffen sollen es nicht zu leicht haben. Der Flughafen und die britischen Stützpunkte mit den Sandsackbarrieren vor jedem Eingang gleichen Festungen. Keine Fahrt durch die Stadt oder über Land, die nicht von je einem Army-Landrover vorneweg und hintendran begleitet wird. Zwei Soldaten stehen auf jedem Wagen, das Gewehr im Anschlag, die Straßenränder im Blick.

Soldaten als Aufbauhelfer

Doch nach mehreren Tagen gleichbleibend freundlichen Empfangs – ob in den Slums der Millionenstadt Basra, den wohlhabenden Vierteln oder in den Dörfern – weicht die Anspannung. Hätte man sich nicht inzwischen daran gewöhnt, außerhalb der Militärlager eine kugelsichere Weste – sieben Kilo schwer – und den Kevlar-Helm zu tragen, wüchse die Versuchung, sich bei sonnigen 18 Grad unbeschwert in das Gewirr der orientalischen Märkte und Gassen zu mischen: Hühner gackern in Drahtverhauen, Granatäpfel, Orangen, Tomaten sind zu Pyramiden aufgetürmt. Die Frauen begutachten die Auslagen. In einer Ecke werden Plastikkanister, Autoreifen und Geschirr feilgeboten, Perserteppiche sind über eine Betonmauer gebreitet, leuchtend weiße Brautkleider sind im Angebot. Nur die Gerüche wollen nicht recht dazu passen. Es stinkt nach Abfällen und Fäkalien. Der Großteil Basras ist an keine Kanalisation angeschlossen, und den Müll lassen die Leute einfach auf der Straße liegen.

Auch das irritierende Klackklack auf dem gepanzerten Blech, wenn sich der Konvoi wieder in Bewegung setzt, kann man allmählich einordnen: Da werden Steine geschmissen. Kinder, die es sich zum Sport machen, die Briten mit Kieselsteinen zu verabschieden – immer nur bei der Abfahrt, nie bei der Ankunft. „Bastards“, fluchen die Soldaten, die ihren Kopf noch draußen haben und ducken sich weg. „Wenn wir falsch reagieren, könnte die Stimmung kippen“, warnt der Patrouillenführer. Also doch eher eine ambivalente Atmosphäre? „Es gab zwei Explosionen in den letzten Tagen“, berichtet Hauptmann Shay Marks, 31, ein rothaariger Ire aus Belfast. „Aber so was richtet sich fast nie gegen uns. Sicherheitsprobleme, das sind hier Blutfehden zwischen den Stämmen, die Kriminalität und die verdammte gun culture: Fast jeder hat eine Waffe.“

Und die Demonstration der 15000 vergangene Woche, die im Auftrag des Schiitenführers Ajatollah Sistani gegen den US-Plan einer langsamen Machtübergabe protestierten und allgemeine Wahlen schon in diesem Sommer forderten? „Die verlief friedlich, die Leute sind glücklich, ihre Meinung sagen zu dürfen, nach 20 Jahren Unterdrückung.“ Die Briten haben sogar arabische Flugblätter verteilt, dass sie friedliche Kundgebungen begrüßen.

Für General Nick Carter bleibt der 30.Juni 2004 der Stichtag. Da wollen die Koalitionskräfte zumindest einen Teil der Verantwortung an eine irakische Regierung übergeben, ob die nun ernannt ist oder gewählt. Der Kommandeur der 20. Panzer-Brigade, die für sechs Monate aus Paderborn nach Basra verlegt wurde, hat sein Hauptquartier in Saddams weitläufigem Palastgelände im Süden der Stadt eingerichtet, direkt am Ufer des Schatt al-Arab. Seine Einheiten bilden seit dem 1. Januar irakische Polizisten aus – und ein Iraqi Civil Defense Corps, eine Bürgerwehr, die Kraftwerke, Kasernen und den „Brotkorb“ bewachen sollen, das Lebensmittellager des „World Food Program“. Vielleicht könnte das Korps irgendwann den Kern einer irakischen Armee bilden.

Die britischen Soldaten sind auch Entwicklungshelfer, bauen Gerichte auf, versorgen Bauern mit Pumpen für die Bewässerung, organisieren Geld für die Neuausstattung der geplünderten Schulen, Krankenhäuser – und den Bau eines Gefängnisses. Obwohl Saddam Zehntausende in unzähligen Verliesen eingekerkert hatte, gibt es heute kein einziges reguläres Gefängnis im Raum Basra. Nach dem Sturz des Regimes wurden alle verwüstet, selbst Steckdosen, Fenster und Türen herausgerissen. Die zwei Hauptsorgen des Generals: „Es gibt keinen Bürgersinn, kein Gefühl für gesamtsgesellschaftliche Verantwortung; dies ist eine Stammesgesellschaft.“ Und: Es fehlen zivile Aufbauhelfer, aus Angst vor Anschlägen meiden sie den gesamten Irak. So müssen die Soldaten vieles tun, was eigentlich nicht Militärhandwerk ist.

Für die Patrouille zur Polizeistation Wilderness nehmen die Soldaten doch lieber den Schützenpanzer. Unter Stammes-Gesichtspunkten sei das „die schlimmste Gegend von Basra“, begründet Hauptmann Shay Marks trocken. Vor Weihnachten gab es nächtelang Schießereien. Ein Mann vom Garamsha-Clan, der in manche dunkle Geschäfte verwickelt sei, habe an einen vom Hamadra-Clan ein Auto verkauft, das nicht richtig funktionierte, aber die Rückgabe des Geldes verweigert. Erst als die Briten drohten, kein einziges Aufbauprojekt im Bezirk mehr zu unterstützen, kam ein Waffenstillstand zustande, der leidlich hält.

„Nur kleinere Konflikte“, meldet Ahmed Haji, Chef der Wache, ein drahtiger 28-Jähriger mit Schnurrbart, den Briten. „Ein paar Schlägereien, sie haben auch ihre Waffen geholt“ – offenbar nichts Besonderes in seinem „Bezirk mit 5000 Häusern“, was rund 50000 Einwohnern entspricht. Er war schon unter Saddam Polizist, seit 1994, aber viele seiner Männer seien neu angeworben. Drinnen sitzen drei Männer in der Arrestzelle, die mit einem Vorhängeschloss gesichert ist. Zwei davon sollen den Bruder des dritten erschossen haben. Drei Männer, die in Blutrache verwickelt sind, in einer Zelle? „Wissen Sie, das ist Arabien“, zuckt der Ire mit den Schultern. „Wir werden nie alles verstehen. Und wir können ihre Kultur auch nicht völlig verändern, nur ein bisschen beeinflussen, damit nicht alles zurückgedreht wird, wenn wir gehen.“

Erhält Ahmed Haji Drohungen gegen seine Familie, wenn er einen vom Garamsha-Clan verhaften will? Und müsste er Rücksicht nehmen, wenn es gegen jemand vom eigenen Stamm ginge? „Wir machen keine Unterschiede“, wirft sich der Polizeichef in die Brust. „Ich würde sogar auf meine eigene Familie schießen.“

Dabei müssen die britischen Offiziere den Polizisten, die nach dem Sturz des Regimes nicht sonderlich angesehen sind, Mut machen, die Wache zu verlassen, freundlich und hilfsbereit auf die Menschen zuzugehen – und weder Maschinengewehre noch Handgranaten auf Patrouille mitzunehmen. Bei Hausdurchsuchungen schicken sie vorsichtshalber britische Soldaten mit.

Stolz sind die irakischen Polizisten auf ihre neuen Uniformen: hellblaues Hemd, dunkle Hose, dunkles Barett. Das sieht man auch in der Polizeiwache Al Rabat, Basra-Zentrum, auf den ersten Blick. Im Innenhof des weiß gekalkten Flachbaus übt ein britischer Unteroffizier Erste Hilfe mit ihnen: Ansprechen von Verletzten, Pulsfühlen, stabile Seitenlage. Aus den Lautsprechern einer Moschee dringt die Koranlesung herüber: Totengebet für einen vor 40 Tagen Verschiedenen.

Alles sei heute besser, lobt Ajad Fadhel, ein gut genährter 30-Jähriger, der Wert darauf legt, dass er vor sieben Jahren mehrere Monate Polizeiakademie absolviert hat. Was denn besser sei? „Das Gehalt, früher 15 Dollar, heute 180.“ Die Kriminalität sinke, seine Leute seien motiviert, erschienen pünktlich zum Dienst und fürchteten auch Nachtpatrouillen nicht.

Erfahrungen aus Nordirland

Major Alex Wilson, Supervisor der Polizeiausbildung, quittiert diese orientalische Selbstdarstellung mit einem Lächeln. Neulich erst haben sie nachts kontrolliert: Gut 80 Mann hätten Schicht gehabt; aber es waren nur zwei Offiziere und ein Dutzend einfache Polizisten anwesend. „Bei wem sich das wiederholt, der fliegt; und die Vorgesetzten kriegen Gehaltsabzug.“ Dennoch, die Polizeiausbildung mache Fortschritte. Nächste Woche könne man zur nächsten Stufe übergehen: Streife mit Autos und Funkgeräten. Angesichts der knappen Ressourcen haben die Briten gebrauchte japanische Pick-ups in Kuwait besorgt. Die Waffen sponsort Jordanien.

Ein Vorbild für die Amerikaner? „Ein Beispiel, wie man es machen kann“, wehrt der Major ab. Die Erfahrungen aus Nordirland helfen. Sicherheit und Stabilität lassen sich nur durch engen Kontakt zur Bevölkerung und den lokalen Autoritäten erreichen. Keiner behauptet, dass sie mit den Anschlägen und Problemen um Bagdad und Tikrit viel besser fertig würden als die Amerikaner. Die Briten haben den Vorteil, dass sie im Gebiet der Schiiten sind, die die Bevölkerungsmehrheit im Irak stellen, aber von Saddam und seinem sunnitischen Stamm unterdrückt wurden. Und dass sie Erfolge vorweisen können.

Strom gibt es im Prinzip rund um die Uhr, zu Winterbeginn wurde noch alle drei Stunden für drei Stunden abgeschaltet, sagt Dominik d’Angelo von der provisorischen Zivilverwaltung. An den Tankstellen bilden sich Schlangen, aber nicht, weil Benzin fehlt – obwohl heute 250000 Autos mehr unterwegs sind als bei Kriegsende –, sondern weil an vielen Zapfsäulen die Pumpen schlapp machen.

Wie viel Verantwortung können Iraker wann übernehmen? Shay Marks, der nüchterne Ire, sagt: „Am 1. Juli ändern sich die rechtlichen Grundlagen unseres Aufenthalts. Abziehen können wir noch lange nicht.“

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