Zeitung Heute : Fremde Welten

FRANK NOACK

Jüdische Fluchtwege: Ulrike Ottingers Dokumentarfilm "Exil Shanghai"FRANK NOACKEin merkwürdiger Widerspruch kennzeichnet die Filme von Ulrike Ottinger.Die Regisseurin reist um die Welt, um fremde Kulturen mit der Kamera einzufangen, aber wenn sie ihr Material geschnitten und vertont hat, ist von Abenteuerlust kaum noch etwas zu spüren.Bei Werner Herzog, ihrem männlichen Gegenstück, fühlen wir ständig die Strapazen, die die Dreharbeiten in fernen Ländern abverlangt haben.Ottingers Bilder von fremden Welten wirken dagegen seltsam ruhig und elegant.Ihre überlangen Dokumentationen strapazieren das Sitzfleisch, sind aber angenehm fürs Auge und emotional nicht belastend. "Exil Shanghai" behandelt die rund 100jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde in der größten Metropole des Fernen Ostens.Viele deutsche Juden fanden hier nach 1933 eine Zuflucht.Es folgten: Besetzung durch die Japaner, die Errichtung eines Ghettos, Bombardierung, schließlich Befreiung durch die Amerikaner.1949/50, als die Stadt von Kommunisten besetzt wurde, flohen die letzten Juden aus Shanghai. In Kalifornien hat Ulrike Ottinger drei Männer und drei Männer ausfindig gemacht, die von ihrer Zeit in Shanghai erzählen.So entsteht ein sehr persönliches, kein abgerundetes Bild vom Leben der Juden in Shanghai, obwohl man das bei 275 Minuten Laufzeit erwarten könnte.Der Zuschauer wird mit sechs faszinierenden Einzelschicksalen konfrontiert, mit tatkräftigen Menschen, die in schweren Krisen nicht resigniert haben.Offen bleibt die Frage, ob ihre Lebensläufe repräsentativ sind.Nur beiläufig wird angesprochen, daß das NS-Regime auch hier versucht hat, seine Judenvernichtung durchzuführen, worauf die Japaner dann als Kompromiß das Ghetto errichteten.Ulrike Ottinger will nicht aufrütteln, anklagen, aufdecken.Sie will uns zeigen, was für eine prachtvolle, an Eindrücken reichhaltige Stadt Shanghai doch ist.Das Ergebnis ist so nichts weiter als Tourismus-Werbung für gehobene Ansprüche. In Berlin im Delphi

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