Zeitung Heute : Fremder von nebenan

Seit 30 Jahren ist er in Berlin, seit 25 in der SPD. Jetzt will Ahmet Iyidirli in den Bundestag und lehrt die Leute, seinen Namen auszusprechen

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die meisten Amerikaner, sagt Ahmet Iyidirli, „sprechen meinen Namen sofort richtig aus“. Türken haben damit auch keine Probleme. Aber für Deutsche, die in Friedrichshain-Kreuzberg wahlberechtigt sind, bietet der SPD-Bundestagskandidat vorsichtshalber eine Internetseite an, die „ahmet.de“ heißt. Natürlich war diese Adresse nicht frei, aber der Besitzer hat sie sofort zur Verfügung gestellt. Gratis. Eine kleine Wahlkampfhilfe für den Migranten aus der Türkei, der jetzt in den Deutschen Bundestag einziehen will.

Iyidirli sitzt in seinem Stammcafé, der „Bar“ in der Wrangelstraße Ecke Skalitzer. Er wohnt nur ein paar Schritte weiter. Dort ist Kreuzberg noch Kreuzberg, und die Passanten sind deutlich jünger und weniger deutsch als im Berliner Durchschnitt. Er trinkt Kaffee, raucht Gauloises und spricht mit türkischem Akzent. Ein kleiner, drahtiger Mann mit Schnurrbart, dunklem Haar und runder Brille. Sein Porträt hängt tausendfach an den Straßenlaternen im Kiez. „Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, gucken die Autofahrer manchmal aus dem Fenster und winken“, sagt er stolz. Eine neue Erfahrung für den Sozialdemokraten, für den Politik bisher ein Hobby war.

Im November 2004 sprachen Parteifreunde „den Ahmet“ an, ob er nicht für den Bundestag kandidieren wolle. Damals ging es noch um 2006 – und Iyidirli sagte zu. Nach 30 Jahren in Berlin und 25 Jahren in der SPD will er das deutsche Volk im Parlament vertreten. Im Januar 1975 hatte es den Abiturienten von einem Gymnasium in Ankara nach Passau verschlagen. Vier Monate später zog er nach West-Berlin, studierte Volkswirtschaft und machte Politik. Seine Familie ließ er in Eskisehir zurück, einer Universitäts- und Industriestadt im Mittelwesten der Türkei, wo Iyidirli 1956 geboren wurde. „Das sind Lokalpatrioten, die wollten nicht weg“, sagt er. „Republikanisch und laizistisch seit Generationen.“

1977 gehörte Iyidirli zu den Gründungsmitgliedern des HDF – des europäischen Verbundes der türkischen Sozialdemokraten. „Zuerst haben wir nur Türkeipolitik gemacht“, sagt Iyidirli. „Um Integration haben wir uns erst später gekümmert.“ Eines der ersten heißen Themen war das kommunale Wahlrecht für Ausländer. Die Studenten wurden vorgeschickt, um mit den deutschen Parteien zu verhandeln, weil die meisten türkischen Migranten kaum deutsch sprechen konnten. So kam Iyidirli in Kontakt zum SPD-Ortsverband am Kreuzberger Mehringplatz.

Seit 1980 hat Iyidirli das Parteibuch in der Tasche. Ein Türke in der SPD. Einbürgern ließ er sich erst vor eineinhalb Jahren. „Ich bin Frischdeutscher“, sagt er und findet das lustig. Eine doppelte Staatsbürgerschaft wäre ihm lieber, aber das erlaubt der Genosse Otto Schily nicht. Iyidirli versteht nicht, „dass die Ausländerpolitik im 21. Jahrhundert noch so rückständig sein kann“. Aber jetzt hat er andere Sorgen. Das Handy klingelt und der Druck eines Flugblatts muss geregelt werden. Wahlkampf ist Arbeit. Iyidirli beschwert sich nicht, er hat es so gewollt.

Die Mieter- und Berufsberatung, die Seminare und Workshops, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdient, hat er vorerst aufgegeben. Stattdessen eröffnet der Kandidat eine Ausstellung mit Postern von Klaus Staeck, diskutiert im Familienzentrum Fürstenwalder Straße mit „Super Nanny“ Katharina Saalfrank von RTL über Familienpolitik und wirbt beim „Lesbischwulen Parkfest“ im Volkspark Friedrichshain um Wählerstimmen. Iydirli ist geschieden und hat eine neunjährige Tochter. Sie sammelt Euro-Münzen aus ganz Europa. „Sammeln heißt, etwas komplett haben zu wollen“, sagt der Papa. „Es bedeutet Wertschätzung für etwas und schafft Selbstbewusstsein.“ Der SPD-Mann hat offenbar Prinzipien.

Seit 1991 ist Iyidirli Bundesvorsitzender der HDF. Viele Jahre hat er die Türkeipolitik der SPD-Bundestagsfraktion mitkoordiniert und den Parteivorstand beraten. Er gehört dem Netzwerk gegen Rassismus in Europa an und ist viel im Ausland unterwegs. Ein Spezialist der Migrationspolitik, den bisher kaum jemand kannte. Jetzt muss Iyidirli den Leuten beibringen, seinen Namen auszusprechen, ohne die Zunge zu verknoten. Im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg will er das Bundestagsmandat gewinnen und das Urgestein der Grünen, Hans-Christian Ströbele, schlagen. Eine schwierige Angelegenheit. „Ich habe gute Chancen. Ehrlich, das ist keine Propaganda“, sagt Iyidirli. Er kenne so viele Leute im Kiez. „Ich bin das Original, nicht die Kopie, wenn es um Multikulti geht.“

Wenn er am Marheinekeplatz oder im Graefekiez mit seinem „Ahmet-Team“ Zettel verteilt, fällt er je nach Bedarf vom Deutschen ins Türkische – und umgekehrt. Der Osten des Wahlkreises ist kein so vertrautes Pflaster. Zum Spaziergang im Volkspark Friedrichshain nahm Iyidirli ein paar Trommler mit. Das verschaffte Aufmerksamkeit. Auch die NPD ist auf ihn aufmerksam geworden. Sie hängte über dessen Wahlplakate eigene Poster: „Gute Heimreise“ oder „Fremdarbeiter stoppen“. Ansonsten hält sich die Fremdenfeindlichkeit in diesem Wahlkampf in Grenzen. Ab und zu bekommt Iyidirli „blöde Mails“. Nach 30 Jahren in Deutschland kann ihn das nicht mehr beeindrucken.

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