Fremdes entdecken : Sprühen für mehr Toleranz

Nach vier Jahren Auszeit legt der Import Shop ein neues Bildungsprogramm auf.

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Millionen von Fans fiebern dem Auftakt der Fußball-WM in Brasilien entgegen. Doch nur wenige wissen, wo die Fußbälle eigentlich herkommen. Die Stadt Sialkot im Norden Pakistans bleibt meistens im Schatten der großen Spiele. Dabei werden sieben von zehn Bällen weltweit dort gefertigt, in mühevoller Handarbeit. „Ein Fußball wird aus 32 Teilen zusammengenäht“, erklärt Judith Siller, die als Referentin im Schulunterricht tätig ist. Eine geübte Näherin braucht dafür etwa drei Stunden und verdient gerade einmal 40 Cent pro Stück. „Von den Preisen kann kaum eine Familie leben. Deshalb sind Kinder gezwungen, mitzuarbeiten.“

Wie hart und dröge die Ballnäherei ist, können Schüler und Messebesucher auf dem diesjährigen Import Shop vom 13. bis 17. November selbst erleben. Nach vier Jahren Pause legen die Veranstalter in Kooperation mit Migrantenvereinen und engagierten Partnern ein neues Bildungsprogramm auf. Unter dem Motto „Fremdes entdecken – Voneinander lernen“ stehen Vorträge und Workshops zu den Themen Toleranz, fairer Handel und soziale Verantwortung auf dem Plan. Neben Angeboten für Schulklassen, die bereits ausgebucht sind, können sich Familien und interessierte Besucher besonders am Wochenende an den Ständen in Halle 15.1 informieren und bei Aktionen mitmachen.

Die Initiatoren setzen dabei auf das Thema Spielen. So können Kinder zum Beispiel mit Filz basteln oder das mongolische Spiel „Schagai“ mit bemalten Schafsknöcheln kennenlernen. „Durch das Spielen kann man unglaublich viel über andere Kulturen, die Rollenverteilung, den Alltag und das Konsumverhalten erfahren“, sagt Heide Wegat vom Berliner Verein Fördern durch Spielmittel. Seit 20 Jahren widmet der sich dem Thema Spielzeug und hat mittlerweile weltweit ein Netzwerk von Fachleuten aufgebaut. „Auf der Messe bieten wir die Möglichkeit, aus Recyclingmaterialien experimentelles Spielzeug aus Indien nachzubauen“, sagt Wegat.

Auch Judith Siller ist mit ihrem Fußballworkshop „Der Ball ist rund“ dabei. Sie betreibt in Berlin den Weltladen „A Janela“ und hat sich dem Fairen Handel verschrieben. „Für Kinder ist es besonders spannend zu erleben, wie ein Produkt entsteht“, sagt Siller. Bei ihren Workshops können sie selbst einen Ball zusammennähen. „In einer halben Stunde schaffen die meisten höchstens sechs Teile“, schmunzelt sie. Dennoch lernten sie dadurch, die Arbeit der Menschen in Entwicklungsländern wertzuschätzen. Um das Bewusstsein für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Löhne zu schärfen, zeigt sie Bilder aus den Werkstätten in Pakistan. „Der Deutsche orientiert sich an den Schnäppchenpreisen“, beklagt sie. Ihre Botschaft: „Denkt darüber nach, was ihr kauft.“

Als besondere Botschafter sollen im Rahmen des Bildungsprogramms auch Street-Art-Künstler für Gewaltfreiheit und mehr Toleranz werben. Dafür haben die Organisatoren den Graffitiwettbewerb ausgerufen, bei dem sich Schüler kreativ mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzten. „Man sagt, die Jugend ist unpolitisch. Dabei geht es bei Graffiti sehr demokratisch zu“, sagt Jurij Paderin, Gründer der Graffiti-Lobby und einer der Juroren. Die Lobby setzt sich für legale Flächen für Sprüher und Graffitiunterricht an den Berliner Schulen ein. „Mit einem Infostand wollen wir Aufklärungsarbeit betreiben“, sagt Paderin. Denn entgegen vieler Vorurteile ließen sich mit Graffiti auch Inhalte wie Kunstgeschichte, räumliches Sehen oder Kritikfähigkeit vermitteln.

Am 15. November werden die Sieger geehrt. Ihre Bilder werden im Funkturminnenhof auf großen Holzplatten gestaltet. Dann haben auch Besucher die Gelegenheit, zur Spraydose zu greifen. Selbst wenn Graffiti weltweit als Sprache der Jugend gilt: Altersbegrenzungen gebe es in der bunten Welt trotzdem nicht. „Wir haben auch 86-jährige Omas, die bei Projekten im Altersheim sprühen“, beteuert Paderin.

Mehr Informationen zum Bildungsprogramm und den jeweiligen Vereinen online unter www.importshop-berlin.de/Bildungsprogramm

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