Zeitung Heute : Fremdgeboren

MARKO MARTIN

Stipendiaten der Villa Aurora lesen im Berliner LiteraturhausMARKO MARTIN"Ein wahres Schloß am Meer" hatte Thomas Mann einst die "Villa Aurora", den Exil-Wohnsitz von Martha und Lion Feuchtwanger im kalifornischen Pacific Palisades, genannt.Nach dem Tod der Feuchtwangers aber verfiel das Haus - bis sich, auf Initiative von Fritz Raddatz, dem damaligen Rowohlt-Verleger Michael Naumann und der "Pressestiftung Tagesspiegel", ein Freundes- und Fördererkreis konstituierte, um die Villa Aurora zu retten.Dies gelang, nicht zuletzt auch durch eine Finanzspritze des Auswärtigen Amtes.Am Donnerstagabend wurden im Literaturhaus nun auch dem Berliner Publikum die Projekte, die sich um das Feuchtwanger-Domizil ranken, näher gebracht.Der SPD-Bundestagsabgeordnete Freimut Duve, Vorstandsvorsitzender des "Freundes- und Fördererkreises", legte dar, wie die Villa ein Begegnungszentrum für Kultur und Toleranz werden und jedes Jahr ausgewählten Stipendiaten eine ruhige Arbeitsstätte bieten wolle.Der Zufall wollte es, daß aber auch die deutschen Schriftsteller, die nach der quasi offiziellen Einführungsrede ihre in der Villa Aurora geschriebenen Texte lasen, auf ihre Art "Fremdgeborene" sind: Manfred Flügge kam in Dänemark zur Welt, Irina Liebmann in Moskau, Zafer Senocak wurde in Ankara geboren und der Dichter Said im Iran.Manfred Flügge las Tagebuch-Passagen, in denen L.A.als Ort der Nachahmungen, Imitationen und Versatzstücke erscheint, als "eine durch und durch ironische Stadt", die ein Beharren auf "Authentizität" so ziemlich unmöglich macht.Irina Liebmanns Ansatz war dagegen ein radikal anderer: Die chromblitzenden Wagen auf dem Hollywood-Boulevard wurden in ihren Text mit den mattgrün gestrichenen Panzern der russischen Armee kontrastiert, die gerade ein tschetschenisches Dorf beschossen.Fernsehbilder, Kindheitserinnerungen an russische Lieder und Reminiszenzen an das im Vergleich dazu eher sanfte Kalifornien wurden hier in einer harten, rhythmischen Sprache miteinander in Beziehung gebracht; zweifellos ein ästhetisches Wagnis, das allerdings frei blieb von jeglicher stereotypen Betroffenheits-Rhetorik. Die Gedichte, die der seit Jahrzehnten im bundesdeutschen Exil lebende Said vortrug, zogen eine andere Verbindungslinie, wußte doch der Iraner sehr gut, was es heißt, aus der Heimat vertrieben zu sein und in der Fremde plötzlich eine neue Sprache, aber auch eine neue Wirklichkeit buchstabieren zu müssen.Eines seiner anrührendsten Poeme handelte von einem alten Delphin, der an der Küste vor Pacific Palisades mit dem Gast vom anderen Kontinent kommuniziert, die Reste seiner Deutsch-Kenntnisse hervorholt und sich bei dieser Gelegenheit melancholisch an die Emigranten von einst erinnert.Das alles war nicht ohne Pathos geschrieben und doch auf herzzerreißende Weise schön. Zafer Senocak, 1960 geboren, war der Jüngste der hier vorgestellten Aurora-Stipendiaten, aber auch er beschrieb in seinen in Kalifornien entstandenen Gedichten existentielle Fremdheitserfahrungen.In der "Stadt, die keiner gegründet haben will" sucht er die Selbstvergewisserung, findet aber im Meer "keine blauen Buchstaben / sondern nur / Münzen mit fremden Namen".Diese Verunsicherung gerinnt allerdings nie zu Wehleid, sondern ist Provokation genug, sich weiter auf die Suche zu begeben.

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