Zeitung Heute : Freudig erregt Zupacken

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

Ob nur mir immer die vielen Zwillinge auf den Straßen auffallen, weil ich selber welche habe? Jedenfalls sind sie mit den ersten Sonnenstrahlen wieder verstärkt unterwegs; man erkennt sie an ihren Doppelkarren. Wir Zwillingsmütter grüßen uns dann mit einem ganz bestimmten Nicken, kein verabredeter Gruß wie bei Motorradfahrern oder Seglern, aber dieses gewisse Einvernehmen – Ich weiß schon, wie es uns geht – das ist da. Manchmal kommen wir auch ins Gespräch: An den Ampeln wird dann ähnlich wie bei den Bikern und Wassersportfreunden ein wenig über Chassis und Fahrgeschwindigkeit der Wagen gefachsimpelt, aber dann heizen wir auch schon weiter. Denn Zwillingsmütter haben einen ziemlich strammen Schritt. Auch beim Raus- und Reinsetzen unserer Kleinen aus dem und in das Doppelgefährt geht alles zackzack. Widerstand zwecklos, sonst käme man ja nie ans Ziel.

Manchmal habe ich mich da gefragt: Sind Zwillingsmütter wirklich anders? Robuster, handfester, pragmatischer, weil sie in der gleichen Zeit das Doppelte schaffen müssen? Gelassener, weil sich eh alles irgendwie hinschaukelt? Sind sie vielleicht sogar glücklicher? Eine Studie darüber habe ich noch nicht entdeckt, wie es überhaupt kaum Fachliteratur zum riesengroßen Thema der Zwillingselternschaft gibt. Dabei werden es Jahr für Jahr mindestens zehntausend Zwillingseltern mehr. Tendenz steigend aufgrund zunehmender Hormonbehandlungen und späterer Schwangerschaften, bei denen die Chancen für Zwillinge sechs Mal größer sind.

Säuglingsschwester Christine Hörth, die seit sieben Jahren eine Zwillingsgruppe im Charlottenburger „Haus des Säuglings“ leitet, ist jedenfalls überzeugt: Zwillingsmütter sind anders. Allein ihr Handgriff bei der Begrüßung sei zupackender, überhaupt ihre ganze Verfassung freudig erregter. Das geht natürlich runter wie Öl. Seit ich das weiß, schüttele ich die Hände noch viel kräftiger. Jan und Josefine verhalten sich der Welt gegenüber auch recht offen: Von ihrer Doppelkarre aus heben sie mit einem deutlich vernehmbaren „Hej!" die Rechte, es muss nur irgendjemand vorbeilaufen. Gerne auch ein Wildfremder.

Diese Coolness macht sich natürlich gut, wenn ich mit den beiden mal wieder an einer Kreuzung stehe. Immer seltener werde ich dort gefragt, ob das mit Zwillingen nicht wahnsinnig anstrengend sei. Für eine ausführliche Antwort wäre die Zeit einer Ampelphase ohnehin zu knapp.

Mein Herz schütte ich sowieso lieber woanders aus. Zum Beispiel einmal im Monat abends bei anderen Zwillingsmüttern, nachdem wir handfest, wie es unsere Art ist, die Brut zu Bett gebracht haben. Auf meine Frage bei unserem letzten Treffen, ob sie Zwillingsmütter für anders halten, reagierten alle mit einem freudig erregten „Na klar!“

Haus des Säuglings, Gierkezeile 9, Zwillingsgruppe mittwochs 14 - 15.30 Uhr. Telefon 902 917 040. Information zu weiteren Zwillingsgruppen „Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.“, Boppstraße 10, Telefon 259 006-43.

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