Zeitung Heute : Freunde in der Not

Zwei, die sich gefunden haben: Warum Ronald Schill in Bolko Hoffmanns Partei eintrat

Tanja Stelzer[Düsseldorf]

Die Parteizentrale ist ein geheimer Ort. Ein Kellerraum, aber den könne er wirklich nicht zeigen. Bolko Hoffmann bittet um Verständnis, das sei doch zu, naja, er stockt… Intim? Wir müssen mit seinem Büro Vorlieb nehmen. Dabei stört ihn nicht, dass man von dort aus einen Blick in die Privatgemächer werfen kann. Ein Hometrainer ist durch die Tür zu sehen, durch die alle paar Minuten eine mit weißer Spitze beschürzte Bedienung kommt und Wasser bringt, Kaffee, Käsekuchen.

Wir sind zu Besuch bei Bolko Hoffmann, dessen Name meist mit dem Zusatz „der Millionär“ genannt wird. Hoffmann ist Herausgeber des Börsenblättchens „Effecten-Spiegel“ sowie Chef der gleichnamigen Beteiligungsgesellschaft, die unter anderem 0,5 Prozent der Audi-Aktien hält und knapp 45 Prozent der Informations AG von Moritz Hunzinger, die mal den Minister Scharping ins Badewasser und zum Anzugkaufen geschickt hat. Außerdem ist Hoffmann Gründer der Pro-DM-Partei und seit einer guten Woche der neue Partner von Ronald Schill, der nach seinem Rauswurf aus dem Hamburger Senat und seiner eigenen Partei noch einmal zur Wahl antreten will. Hoffmann residiert in einem granitverschalten Block in der Düsseldorfer Innenstadt, dessen Herz ein Büro im Stil einer Kapitäns-Kajüte ist. Die weiße Schleiflack-Täfelung dämpft den Ton; von hier aus scheint der Hamburger Wahlkampf unendlich weit weg.

Die Luft hängt schwer von After Shave im Raum, Bolko Hoffmann lehnt im lederknirschenden Chefsessel, den obersten Hemdknopf geöffnet, das Haar quer über die Glatze gekämmt, die gepflegten Hände im Schoß gefaltet. Er sieht gar nicht mal so unseriös aus wie auf dem Foto, das man von ihm kennt und auf dem er eine etwas überdimensionierte, entfernt an die 70er erinnernde Brille trägt. Das Foto verwendet Hoffmann in den Abonnement-Anzeigen des „Effecten-Spiegels“, die gerade zum Jahreswechsel wieder erschienen sind: ganzseitig in „FAZ“, „Süddeutscher Zeitung“ und „Welt“, mit der Überschrift: „An der Börse kann man wieder Geld verdienen“. Ein ungewohnt zahmer Slogan.

Bis vor einer Woche galten Bolko Hoffmann und Ronald Schill als Rivalen. Es gab gerichtliche Auseinandersetzungen um das Parteikürzel von Schills einstiger Partei Rechtsstaatlicher Offensive, die sich nicht „PRO“ nennen darf, weil Bolko Hoffmann fand, das erinnere zu sehr an seine Pro-DM-Partei. Es gab sogar eine Verleumdungsklage von Schill gegen Hoffmann. Jetzt stellt Hoffmann gleich als Erstes klar: „Ich habe nie gegen Schill prozessiert, nur gegen die Schill-Partei.“ Und dieser unseligen Verleumdungsklage liege ein Missverständnis zugrunde.

Partei der Ehrenamtlichen

Jetzt also ist Schill der Pro-DM-Partei beigetreten. Die Pro-DM-Partei, die nach Hoffmanns Angaben zuvor „deutlich unter hundert Mitglieder“ hatte, konnte in der vergangenen Woche 500 Neuzugänge verbuchen. Und Hoffmann macht wieder Politik. Das geht so: „Wir kleben 14000 Plakate“, erzählt er und rechnet blitzschnell vor: Die bekomme er zum halben Preis, genau wie die Stellschilder, also könne er von den 500000 Euro Wahlkampfkosten, die Schills Leute kalkuliert hätten, die Hälfte abziehen, und wenn er die Wahlkampfkostenrückerstattung einberechne, koste ihn der Spaß gar nichts. In der Pro-DM-Partei arbeiteten alle ehrenamtlich, es gebe keine Angestellten, keine Spesen, nur die Miete, die die Partei für den Raum im Keller zahlt, den er nicht zeigen kann.

Es klopft, die Prokuristin kommt rein, zwei Din-A-4-Zettel in der Hand mit Schill-Porträts darauf, das eine rot, das andere blau umrahmt, darunter der Schriftzug „Pro-DM/Schill“. Ob rot besser sei oder blau, will die Prokuristin wissen. Ihr scheine blau seriöser. Hoffmann guckt ein wenig ratlos. Das muss Hamburg entscheiden. Er hält sich da raus. „Wir machen nur den Einkauf, die Gestaltung und das Programmatische übernehmen die.“

Der Zusammenschluss war schnell geregelt. Vor der Einigung am Hamburger Flughafen vor einer Woche hätten er und Schill nur mal kurz telefoniert, über das Programm erst gar nicht verhandelt. Ansonsten herrscht Arbeitsteilung: Schill kümmert sich um die innere Sicherheit („da hab’ ich keine Ahnung von“, sagt Hoffmann), er um die wirtschaftliche Programmatik – „da kommen wir uns nicht in die Quere“. Wenn Hoffmann redet, hört sich Politik nach einem Import-Export-Handel an.

Politik als Geschäft? Neinnein, politische Ambitionen habe er immer gehabt, wehrt sich Hoffmann. Das stimmt. Er gehörte in den 80er Jahren zur Spitze der Bürgerpartei, die gegen hohe Steuern und Bürokratie wetterte. Außerdem gab es natürlich vor der Bundestagswahl 1998 jenen 20-Millionen-Mark-Werbefeldzug der Pro-DM-Partei, mit der Hoffmann die Einführung des Euro verhindern wollte. Schließlich erzählt er noch beiläufig, dass er ja mit Jürgen W. Möllemann eine ähnliche Kooperation geplant hatte, wie er sie nun mit Ronald B. Schill eingegangen sei. „Wir wollten das zusammen im Osten machen.“

Der Fehler der Bürgerpartei laut Bolko Hoffmann: Sie habe sich zu weit rechts positioniert. Und da paktiert er ausgerechnet mit Schill? Der sei doch „auf keinen Fall so weit rechts“ wie ihn andere einordneten, entgegnet er. Und was ist mit jener Rede im Bundestag, in der Schill sinngemäß gesagt hatte, der Staat hätte sein Geld besser für Katastrophenhilfe gespart, als es für ausländische Sozialhilfeempfänger und Entwicklungshilfe auszugeben? Der Inhalt der Rede sei ihm nicht bekannt, sagt Hoffmann und guckt so naiv, wie es einem 65-jährigen Unternehmer in einem knirschenden Leder-Chefsessel möglich ist. Bestimmt sei Schill Ausländern gegenüber ähnlich eingestellt wie er. Seine Freunde seien zu einem Drittel Ausländer, und durch eine jüdische Freundin habe er die schönsten Golfplätze der Welt gesehen. Und was den Anlass für Schills Rauswurf betrifft, den angeblichen Versuch, Ole von Beust zu erpressen – er sei sicher, dass die Sache nicht so gelaufen sei, wie von Beust sie dargestellt habe. Hoffmann schließt die Diskussion ab mit einer originellen Charakterisierung seines neuen Partners: „Schill hat politisches Fingerspitzengefühl.“ Ein rhetorisches Talent wie Schill, scheint es, kann Hoffmann in seiner Partei gebrauchen.

Aber es ist nicht so, dass Bolko Hoffmann keine Ideen hätte. Der deutschen Wirtschaft fehlten 50 Milliarden Euro, sagt er, und die könne man beschaffen, indem man Schwarzgeld aus dem Ausland zurückhole. Den Steuersündern müsse man nur anbieten, eine siebenjährige Anleihe mit einem Zinssatz von zwei Prozent zu zeichnen. Nach Ablauf der sieben Jahre sei das Geld legalisiert. Das so zurückgewonnene Geld könne zu zwei Dritteln in westliche Firmen fließen, die auf dem Sprung seien, Deutschland zu verlassen, und zu einem Drittel in den Aufbau Ost.

„Mann ohne Tiefgang“

Der Aufbau Ost ist in der Vorstellung Hoffmanns eher ein Abbau. Er findet: „Den Osten kann man herrlich abreißen!“ Hoffmann hat beobachtet, dass die Leute im Osten im Winter immer die Fenster aufreißen, wegen des schlechten Raumklimas, in den Plattenbauten sei es viel zu warm. Hoffmann hat nach Banklehre und Studium mal im väterlichen Betrieb für Isolierstoffe gearbeitet, er kennt sich aus. Seien die Platten weg, könne man neu bauen – wegen der Energieersparnis „haben Sie das Haus nach 23 Jahren umsonst.“

Hamburg ist angesichts der offen stehenden Fenster im Osten ein wenig aus dem Blick geraten. Auf die Frage, was ihm das Engagement in Hamburg bringt, antwortet Hoffmann recht offen: Wenn es Pro-DM in die Bürgerschaft schafft, muss die Partei keine Unterschriften mehr sammeln, um zur Bundestagswahl anzutreten. Hamburg selbst, daraus macht er kein Hehl, interessiert ihn wenig.

Damit es auch wirklich klappt mit dem Sieg, sucht die Pro-DM-Partei für Hamburg noch einen politischen Berater. Moritz Hunzinger wird es wohl nicht. Der hat seinem Mehrheitseigner Hoffmann Hausverbot erteilt: „Mit Schill geht man nicht ins Bett“, sagt Hunzinger, der auch sonst keine freundlichen Worte für Hoffmann hat: Er nennt ihn „Wirrkopf“, einen „Mann ohne jeden Tiefgang“, dessen alleiniger Antrieb es sei, Macht anzuhäufen. Hoffmann wiederum verkündet, er wolle die Hunzinger AG aufteilen und im Sommer den Firmengründer absetzen, er selbst würde nur die lukrativen Tochterunternehmen Action Press und Infas behalten. Die PR könne Hunzinger alleine weitermachen.

Bolko Hoffmann besitzt privat übrigens keine Aktien. Sein Gehalt, das er als Chef der Effecten-Spiegel AG bezieht, sei hoch genug, „ich brauche das nicht, mit Aktien zu spekulieren.“ Er spricht den Satz aus, als sei das ein unanständiges Geschäft.

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