Zeitung Heute : Freundlichkeiten suchen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Man soll ja keine Vorurteile hegen, aber von diesem Kerl da mit der Glatze war eigentlich nichts anderes zu erwarten. Breitbeinig saß er auf seiner Bank im Bus, hatte eine Tasche neben sich und blockierte somit zwei Sitzplätze. Der Bus war so voll, dass viele standen, aber mit dem Typen wollte sich keiner anlegen, da hatte der spacke Herr Rentner schon das mulmige Gefühl, eine dumme Antwort und noch eine Faust hinterher zu kriegen. Dabei wollte er eigentlich nur höflich fragen, ob man wohl mal so gnädig sei, die Tasche vom Sitz zu nehmen. War das nun ein Mangel an Zivilcourage, gerade bei diesem Menschen daran zu denken, dass der Klügere in solchen Fällen nachgibt? Und wer wollte nicht klüger sein?

Im Alltag begegnen uns diese Szenen immer wieder. In den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße, im Geschäft. Zugegeben: Nicht alle Senioren adelt ein sonniges Gemüt, manche zeigen sogar gern ihre Haare auf den Zähnen oder nörgeln an Kleinigkeiten herum, um den lieben langen Tag mit weltverbessernden Vorschlägen um die Ecke zu bringen. Aber wer von uns ist nicht schon mal mit optimistischem Hochgefühl in den Tag gestartet, den Kopf voll mit positiven Gedanken, wild entschlossen, sich über nichts zu ärgern. Und dann: diese arrogante Zicke im Fotoladen, diese Kellnerin, die einen ignoriert, weil man keine Flasche Champagner bestellen wird, dieser flapsige Busfahrer, der wahrscheinlich so unfreundlich ist, weil ihn Fahrgäste nerven. Oder weil der BVG-Vorstand viel zu viel verdient. Oder weil schon wieder Umleitung/Stau/Demo den Fahrplan so durcheinanderwirbeln, dass nun jeder Dritte beim Einsteigen motzt: Von wejen Pünktlichkeit, det ick nich lache. Oder so. Ja, es gibt viele Gründe, unfreundlich zu sein. Aber noch mehr, trotzdem lächelnd durch den Tag zu wandeln.

Letztens in Budapest. Dreimal ist es geschehen. Haben Jungmenschen in Bus und Tram dem Herrn Rentner freundlich ihren Sitzplatz angeboten. So weit ist es also gekommen. Man sieht ziemlich alt aus. Und in Berlin, da wär’ das nie passiert...

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