Zeitung Heute : Friede, Freunde, Pepsi-Cola

In einer Zeremonie schwören die Iraker dem alten Regime ab, dafür gibt es ein US-Diplom und etwas zu trinken

Susanne Fischer[Mossul]

Es ist eine Risikoabwägung: Können wir in Mossul nach dem Weg zur Polizeiakademie fragen? An einem Tag, an dem dort, unter Obhut der US-Armee, ranghohe Mitglieder der unter Saddam allein regierenden Baath-Partei offiziell dem alten Regime abschwören? Klingt das nicht, je nachdem an wen man gerät, wie: „Wo bitte geht es hier zum Massenverrat?“ Die Wegskizze der Armee-Pressestelle hilft nicht zum Ziel, kein Polizist in Sicht, bleibt nur der Kioskbesitzer am Straßenrand. „Sie wollen zur nationalen Versöhnung?“, fragt er grinsend. „Immer geradeaus!“ Versöhnung also, nicht Verrat. Kein böser Blick, offenbar weiß jeder in der Stadt Bescheid. Das soll nicht die einzige Kuriosität bleiben an dieser Veranstaltung, die auch ein Musterbeispiel dafür ist, wie im Irak Besatzer und Besetzte in zwei Welten leben – selbst dann, wenn sie etwas scheinbar gemeinsam tun.

Vor dem Tor wartet eine riesige Menschenmenge. Mann für Mann werden die Iraker eingelassen und nach Waffen durchsucht. Junge und alte Männer, einige im Anzug, andere in der Dschalabia, dem traditionellen knöchellangen Gewand. Frauen sind nicht dabei, denn wer hier wartet, hat für den Geheimdienst gearbeitet oder für die Spezialpolizei, reine Männersachen.

Der Saal für den feierlichen Eid liegt auf einem Hügel, ein Flachbau mit großen Fenstern und weißen Plastikstühlen. Drinnen müssen sich die Männer erst einmal bücken für den Eintritt in die neue Zeit. An niedrigen Tischen unterzeichnen sie eine „Einverständniserklärung zur Lossagung von der Partei“. Schwarz auf Weiß hinterlegen sie ihre Kapitulation, verabschieden sich von 20, 30, 40 Jahren ihres Lebens, mit einer Formel, die wenig Raum lässt für Missverständnisse: „Ich weise die Baath-Partei und Saddam Hussein und sein Regime ausdrücklich zurück. (…) Ich werde allen Anordnungen der Koalitionsverwaltung gehorchen.“ Je zwei US-Soldaten setzen als Zeugen ihr Kürzel darunter.

General Frank Helmick von der 101. Airborne Division betritt die Bühne. Blitzsaubere beige Uniform, viele Lachfalten, trotzdem wirkt er streng heute. „Sie sind aus freien Stücken hier“, ruft er den Männern zu, „und Ihr einziger Nutzen wird das Gefühl sein, ein Kapitel Ihrer Vergangenheit abgeschlossen zu haben.“ Ein irakischer Ex-General bittet die Männer aufzustehen. „Heben Sie die rechte Hand und sprechen Sie mir nach. Aber bitte laut und deutlich.“ 100 Stühle rücken, 100 Männer stehen auf und heben die rechte Hand, einige bis zur Schulter, andere gerade mal auf Bauchnabelhöhe.

Die Mienen wirken verschlossen, nichts Heiteres liegt im Raum, gut gelaunt sind allein die US-Soldaten, die immer wieder begeistert feststellen, dies sei „great“, großartig, ein „Meilenstein für den neuen Irak.“ Durch die Reihen der Iraker hingegen mäandert vor allem ein Wort: Gehälter. „Seit zehn Monaten haben wir keinen Pfennig bekommen“, klagt Khalid Hassan, „ich hoffe, wenn ich hier mitmache, werde ich endlich wieder bezahlt.“ Hassan, 40, war Sergeant der irakischen Armee und zuständig für politische Führung in der Luftabwehr. „Von mir hängen 18 Menschen ab, wie soll ich meine Familie unterstützen ohne Einkommen?“ Ein anderer hofft: „Wenn nachts Amerikaner kommen, um mein Haus zu durchsuchen, lassen sie mich vielleicht in Ruhe, wenn ich die Urkunde über den Schwur vorzeige.“

General Helmick hört sie nicht. Er sitzt vorne auf dem Podium und freut sich, dass so viele dem Aufruf zur Lossagung gefolgt sind. Der Vorsprecher beginnt. „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen…“ Lautes Echo aus dem Saal. „…und bei meiner Ehre, den Aufbau eines neuen Irak zu beschützen.“ Das Echo wird leiser. „Und ich erkläre hiermit öffentlich, dass ich keinerlei Kontakte mehr zur Baath-Partei habe und auch in Zukunft nicht haben werde.“ Die Worte der Männer verrauschen zu Gemurmel, das Versprechen, „niemals Angriffe gegen das irakische Volk oder gegen die Koalitionstruppen zu unterstützen“, ist kaum noch zu verstehen.

Die Generäle applaudieren, die Menge klatscht mit, aus Lautsprechern dröhnen die größten Hits von Billy Joel, Kellner in roten Westen tragen Schokoladenkuchen und Pepsi herbei. Am Ausgang schüttelt General Helmick allen die Hand und überreicht das Lossagungs-Diplom mit Goldkante. Abtreten, die Nächsten bitte. Bücken, unterschreiben, schwören und raus. Weil der Andrang größer ist als erwartet, wird das Verfahren nach der ersten Gruppe beschleunigt, werden Kuchen und Cola gestrichen.

Die nächsten hundert Männer erheben sich zum Eid. Ungefragt beginnt einer, noch während er die rechte Hand zum Abschwur hochhält, die angeblichen „Lügen“ über Saddam Hussein richtig zu stellen: „Die Massengräber im Süden, von denen immer alle reden – da liegen keine Schiiten, sondern irakische Soldaten, die die Amerikaner 1991 im Golfkrieg getötet und verscharrt haben.“ Er spricht in normaler Lautstärke, für jeden der Umstehenden gut zu verstehen. Manche nicken, andere blicken weg, niemand widerspricht. Dann wendet sich der Aufklärer wieder der Zeremonie zu und nimmt vom US-General Händedruck und Urkunde entgegen.

Auch Ramadan Aitei, 36, früher Spezialwache am Bagdader Flughafen, will etwas erzählen. Er sei, obwohl Baathist, vom alten Regime schlecht behandelt, sogar erst unschuldig zum Tode verurteilt worden, dann stattdessen jahrelang ins Gefängnis gesteckt worden. „Und jetzt lässt mich auch das neue Regime im Stich?“ Wie viel Wahrheit in den persönlichen Geschichten steckt, lässt sich schwer beurteilen. Tatsache aber ist, dass alle, die heute zum Abschwören gekommen sind, seit April 2003 kein Gehalt bekommen haben und als ehemalige Mitglieder der Spezialpolizei oder des Geheimdienstes auch sonst schwer Arbeit finden im „neuen Irak“, von dem General Helmick so gerne spricht. „Man hat uns von der Gesellschaft isoliert“, sagt Aitei, „aber wir müsen doch auch leben. Werden wir nach dem Schwur endlich unsere Gehälter bekommen?“

Das wissen nur die Amerikaner. Und zwar schon sehr genau. „Nein!“, erklärt General Helmick ohne Zögern den Journalisten. „Wir werden nicht zahlen, das ist bereits entschieden. Sonst heißt es hinterher, sie hätten es alle nur des Geldes wegen getan.“ Drinnen geht das Schwören in die vierte Runde. Wieder wandern hundert rechte Hände in die Höhe. In einer der hinteren Reihen ballt ein bärtiger Mann die Rechte zur Faust. Statt der Worte des Vorsprechers murmelt er unablässig „Gott vergib mir.“

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