Zeitung Heute : Friedels Revier

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Von Dieter Fockenbrock

Das ist nicht mehr der alte Friedel Neuber. Als Babcock-Borsig, der größte Anlagenbaukonzern Deutschlands, zusammenbrach, wirkte der Mann völlig hilflos. „Was macht der Aufsichtsratsvorsitzende?“, fragte diplomatisch ein Babcock-Kontrolleur. Offen würde er auch heute noch keine Revolte gegen Neuber wagen, den einst mächtigsten Wirtschaftsführer an Rhein und Ruhr. Der Fall Babcock macht das Ende der Ära Neuber deutlich. Denn die Regie führt in diesen Tagen ein anderer. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement. Der hinterließ „schwer Eindruck“, heißt es anerkennend aus der Verhandlungsrunde. „Souverän, gut vorbereitet und mit dem klaren Ziel vor Augen, eine Katastrophe in Oberhausen zu verhindern“, führte der Landeschef die schwierigen Gespräche mit Managern, Bankern und Großaktionären. Dass Clement am Ende scheiterte, wird nicht nur ihm, dem Politiker, angelastet, sondern vor allem Friedel Neuber. Denn Clements Aufgabe war eigentlich seine.

Die Babcock-Krise ist auch Neubers Krise: Der „rote Friedel“ ist entzaubert. Früher, da hätte es nur einiger Telefonate mit befreundeten Bankern, Politikern oder Unternehmern bedurft, und die Sache wäre gelaufen. Früher war Friedel Neuber auch noch Chef der mächtigsten deutschen Landesbank in Düsseldorf, da funktionierte das „System Neuber“ bestens. Das hat ihm den Ruf des „Paten vom Rhein“ eingebracht.

Doch das ist Vergangenheit. Heute regieren andere, heute holen ihn seine Sünden ein. Er hat die Ausmaße der Babcock-Krise nicht rechtzeitig erkannt. Immer wieder hat Neuber den Konzern gerade noch vor dem Zusammenbruch bewahrt. Diesmal ist es schiefgegangen, die anderen Banken zogen nicht mit, verweigerten Babcock, letztlich aber Neuber die Unterstützung.

Dem obersten Strippenzieher im Industrierevier ist die Macht zwischen den Händen zerronnen. Und das nicht erst seit August letzten Jahres, als Neuber das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Westdeutschen Landesbank (WestLB) niederlegte. Da hatte er den Höhepunkt seiner Karriere längst überschritten.

Es war ein Durchmarsch vom Kaufmannslehrling bei Krupp an die Spitze der wichtigsten Landesbank der Republik. Dass ein Nicht-Banker ein Finanzinstitut mit 400 Milliarden Euro Geschäftsvolumen führt, ist heute undenkbar. Für Neuber war es normal. Solange er die Fäden in der Hand hielt, war es eben eine Staatsbank. „Aber anscheinend passt dieses Modell nicht mehr in unsere Zeit“, sagte er vor einem Jahr. Er sollte Recht behalten. Auf Druck Brüssels wird die WestLB als erste deutsche Landesbank geteilt in ein öffentlich-rechtliches Förderinstitut und eine Privatbank. Dass der Umbau erst nach seinem Abschied in Gang kommt, ist kein Zufall: „Ich bin halt ein öffentlich-rechtlicher Banker.“ Das klingt nach Wehmut.

„Rot“ wird der gebürtige Duisburger deshalb genannt, weil er seit seiner Jugend SPD-Mitglied ist. Er selbst sagt, er sei „seit 25 Jahren nicht mehr parteipolitisch aktiv“. Aber was heißt das schon? Neubers Karriere an die Spitze der WestLB ist ohne den SPD-Filz an Rhein und Ruhr schwer vorstellbar. 1962 zog er nicht nur als jüngster SPD-Abgeordneter in den Düsseldorfer Landtag ein, sieben Jahre später wurde er auch schon Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes – ebenfalls als jüngster Kandidat. Und als er 1981 mit 47 Jahren die Führung der WestLB übernahm, war das für damalige Verhältnisse nicht minder ungewöhnlich.

Ohne SPD-Steigbügel wäre ihm das nicht gelungen. Und Neuber bekam genug Gelegenheiten, sich zu revanchieren. Immer dann, wenn ein Unternehmen ins Trudeln kam, stand die WestLB parat. Zuletzt beim Ferienflieger LTU, der beinahe abgestürzt wäre.

Über 20 Jahre verkörperte Neuber sozialdemokratische Beziehungskultur. Flankiert von seinen Freunden Johannes Rau sowie Heinz Schleußer, der im Düsseldorfer Finanzministerium den finanziellen Rahmen für die Industriepolitik absteckte, konstruierte Neuber mit der Westdeutschen Landesbank ein einzigartiges Geflecht aus Politik und Wirtschaft. Auf den roten Friedel konnte sich die Düsseldorfer Staatskanzlei verlassen. Umgekehrt galt das auch.

Das System Neuber funktionierte ganz einfach. Wer für Schachzüge des WestLB-Chefs eventuell einmal benötigt wurde, bekam einen Beiratsposten. Drei solcher Beiräte mit 160 Mitgliedern leistet sich die öffentlich-rechtliche Bank, einen für Wirtschaft, einen für öffentliche Kunden und einen für die Sparkassen. Das Register liest sich wie das Who is who der NRW-Wirtschaft und Gesellschaft: Dazu gehört Fritz Pleitgen, der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, genauso wie Klaus Lederer, der umstrittene Ex-Chef von Babcock Borsig.

Neuber setzte aber auch auf seine privaten Kontakte. So gründete er eine illustre Runde mit Politikern und Wirtschaftsführern, den „Investmentclub 72“. Die Herren trafen sich auf dem idyllisch gelegenen, WestLB-eigenen Wasserschloss Krickenbeck an der niederländischen Grenze. Dort pflegten sie nicht nur ihre Aktiendepots, sondern auch ihre Freundschaften.

Vor zwei Jahren drohte sich Neuber dann in seinen eigenen Verbindungen zu verstricken. Die Grenzen zwischen Privatem, Geschäft und Politik waren verwischt, die so genannte Flugaffäre hätte Neuber samt einiger nordrhein-westfälischer Spitzengenossen fast von der Bildfläche gefegt. Selbst der Bundespräsident stand schwer unter Druck. Die WestLB soll Mitgliedern der Landesregierung mit ihren Charter-Jets so etwas wie eine Privatfluglinie zur Verfügung gestellt haben. Neuber hat die öffentliche Aufregung darüber nie so recht verstanden, sein Ruf war fortan aber schwer angeschlagen.

Nie käme es ihm in den Sinn, andere im Sinne eines echten Paten kaufen zu wollen. Dafür ist der Einmetersechsundneunzig-Mann viel zu preußisch, pflichtbewusst. Nach dem Politskandel funktionierte Neubers System zwar immer noch, aber es bröckelte. Sein politischer Freund Rau war in Berlin, an die Spitze der Ruhrkonzerne rückte eine neue Managergeneration. Und: Die Wähler waren den roten Filz in Nordrhein-Westfalen leid.

Einmal im Jahr, vor Weihnachten, kamen sie alle zusammen: Neuber lud in die Düsseldorfer Tonhalle zum besinnlichen Konzert. Vom Ministerpräsidenten bis zum Sparkassenchef aus Ostwestfalen waren alle dabei. Doch Empfänge und der große Auftritt waren nie seine Sache. „Verantwortung ist mir wichtig, Macht nicht“, beteuerte er immer wieder. Am Wochenende zog er sich denn auch lieber ins beschauliche Krickenbeck zurück. Dort wohnt er im Turmzimmer des mittelalterlichen Gemäuers, das von der WestLB für den Chef hergerichtet worden war.

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