Friedensnobelpreis : Verblüffte Welt

Die Entscheidung des Osloer Nobelkomitees löst viel Erstaunen und viel Beifall aus. Nur drei Mal gibt es heftige Kritik: bei den Taliban, im Irak – und in den USA.

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Überlebensgroß. Obama-Porträt auf Berliner Pflaster am Brandenburger Tor. Foto: Steffi Loos/ddpddp

Viel Kopfnicken, viel Verwunderung, nahezu überall auf der Welt, zumindest bei denen, die gefragt werden oder ungefragt irgendwo auftreten oder schreiben und ein Publikum finden. Und dreimal völlige Ablehnung: in der Zeitung „Wall Street Journal“, im Irak und bei den Taliban.

„Barack Obama gewinnt den Nobelpreis: Wofür?“, steht am sehr frühen New Yorker Freitagmorgen in der Online-Ausgabe der Zeitung. „Dafür, dass er sich mit Hillary Clinton versöhnt hat?“ Und: „komplett bizarr“. Und die Taliban sagen „ungerecht“.

Einer ihrer Pressesprecher redet mit der Nachrichtenagentur AFP, ein Telefongespräch, es fallen die Worte, Obama habe „in Afghanistan keinen einzigen Schritt in Richtung Frieden“ unternommen, „wir haben in seiner Friedensstrategie keinen Wechsel wahrgenommen“, „wir verurteilen den diesjährigen Preis“.

Ein Pressesprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai sagt, Obamas „harte Arbeit und seine neue Vision für die globalen Beziehungen, sein Wille und seine Anstrengungen, auf dem Weltniveau freundschaftliche und gute Beziehungen und weltweiten Frieden zu schaffen, machen ihn zum angemessenen Empfänger des Friedensnobelpreises. Wir beglückwünschen Obama.“

Das sind sie also, die Meinungsfronten. Mal mehr, mal weniger deutlich, am allerdeutlichsten dort, von wo Obamas nobelpreiswürdige „außerordentliche Bemühungen für die Stärkung der internationalen Diplomatie und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern“ ausgehen, von den Vereinigten Staaten nämlich, und in jenem Land, auf das sie sich – neben den außerordentlich undiplomatischen Bemühungen, dem Krieg gegen die Taliban – in besonderem Maß richten. Afghanistan.

Verschwommener, undeutlicher, abwägender sind die Meinungen dort, wo Amerika keinen Krieg führt, wo die Diplomatie im Bemühen um internationale Zusammenarbeit das wohl wichtigste – und tatsächlich auch neue – Werkzeug ist. In Russland zum Beispiel.

„Eine Entscheidung, welche die ganze Welt verwundert“, heißt es in den Nachrichten des russischen Staatsfernsehens um 15 Uhr, während Archivbilder von Obamas Inaugurationsfeier einen Hände schüttelnden, lachenden US-Präsidenten zeigen. Sogar amerikanische Journalisten würden sich darüber wundern, dass die Wahl auf Obama gefallen sei, sagt der Sprecher. Im Februar sei die Nominierungsfrist abgelaufen? Da war Obama gerade einen Monat im Amt. „Der Nobelpreis ist wohl eher ein Vertrauensvorschuss“, schließt er und weist dann auf die Lage in Afghanistan und Irak hin.

Die russischen Staatsmedien zeigen sich allerdings gut vorbereitet auf diese Überraschung. Nach dem Beitrag über Obama läuft auf allen großen Fernsehkanälen ein früher aufgezeichnetes Interview mit Präsident Dmitri Medwedew, in dem er sich gibt wie Michail Gorbatschow Ende der 80er Jahre, ganz so, als würde Medwedew sich selbst für den nächsten Friedensnobelpreis empfehlen wollen. „Wir müssen für eine Welt ohne Atomwaffen kämpfen“, sagt er mit ernstem Gesicht. Und dass er es für sehr wahrscheinlich halte, mit den Amerikanern bis Ende des Jahres einen Vertrag über die Verringerung der strategischen Nuklearwaffen zu unterzeichnen.

Ebenfalls gut vorbereitet auf die Nobelpreis-Nachricht – oder besser gesagt: längst beeindruckt von der nun preisgekrönten Arbeit des US-Präsidenten sind die Obsthändler von Kairo. Sie verkaufen Obama-Datteln. Prall, hellrot und zuckersüß. „Wir lieben Obama, und darum nennen wir unsere Superdatteln nach ihm”, sagt einer von ihnen, der Händler Omar Ashraf auf einem kleinen Markt im Stadtteil Dokki. Im Jahr zuvor hatte er seine Premiumsorte noch Nasrallah genannt – nach dem Hisbollah-Chef im Libanon.

Doch seit der neue Mann im Weißen Haus am 4. Juni für seine Rede an die muslimische und arabische Welt in Kairo war, tragen die Früchte seinen Namen. Seit seinem Amtsantritt schon gilt Obama nicht zuletzt wegen seines Mittelnamens Hussein und seiner muslimischen Wurzeln in der arabischen Welt als Sympathieträger. Zu den ersten Gratulanten der Region gehörte indes ausgerechnet der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad. „Wir hoffen, der Friedensnobelpreis wird ihm den Anreiz geben, Gerechtigkeit in die Welt zu bringen“, ließ er seinen Sprecher erklären und fügte gleich den aus iranischer Sicht entscheidenden Lackmustest hinzu: „Wenn er das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat aufgibt, kann er beweisen, dass er den Preis zu Recht erhalten hat.“ Anders sieht das die 23-jährige Teheraner Studentin Neggeen Salehi. „Ich finde, Obama hat den Preis verdient, obwohl er noch keine konkreten politischen Erfolge im Mittleren Osten vorzuweisen hat“, sagt sie der Nachrichtenagentur Reuters. Obama aber sei entschlossen, etwas Positives zu erreichen, und darum „hat er den Preis vor allem für seine guten Absichten und weniger für seine guten Taten erhalten“.

Mit Skepsis dagegen reagierten die Menschen im benachbarten Irak, obwohl sie Obamas Bemühungen anerkennen, die US-Truppen abzuziehen und die Gewalt im Land zu bekämpfen. „Immerhin besser als Bush“, sagt ein 45-jähriger Wachmann vor einer Bank in Bagdad zu einem Reporter von AFP. „Obama hat die Lage im Irak und in anderen Staaten beruhigen können.“ Unter ihm habe Amerika mit den islamischen und arabischen Ländern einen neuen Anfang gemacht.

Ein anderer geht dazwischen und sagt, der Chef des Weißen Hauses habe die Auszeichnung nicht verdient. Alle Probleme im Irak und in Afghanistan seien ungelöst. „Noch haben wir keinerlei Resultate gesehen“, kritisiert auch der Politologe Walid Kazziha von der Amerikanischen Universität in Kairo. „Obama ist immer noch in der Probezeit. Das Ganze ist wie eine Bezahlung der Ware vor der Lieferung.“

Und was macht Amerika? Ähnlich früh wie das „Wall Street Journal“ „komplett bizarr“ schreibt, schreibt einer „Wow“. Es ist der Wortlaut einer SMS von Regierungssprecher Robert Gibbs an den Fernsehsender CBS. Ansonsten herrscht wenig Begeisterung. Selbst dem Präsidenten wohlgesonnene Kommentatoren reagieren zurückhaltend. Nicholas Kristof von der „New York Times“ schreibt: „Er hat gute Arbeit geleistet, aber das erscheint mir doch sehr verfrüht.“ Jeffrey Goldberg vom „New Yorker“: „Er sollte den Preis vielleicht zurückgeben, bis er tatsächlich irgendwo Frieden gestiftet hat.“ Jon Halperin von „Time“ befürchtet, der Preis werde „die Erwartungen an ihn noch steigern, seine Kritiker verärgern und ein polarisiertes Amerika noch weiter spalten“. Anzeichen dafür gibt es bereits reichlich. Die konservative Bloggerin Ana Marie Cox zum Beispiel sagt: „Anscheinend bekommt man jetzt den Friedensnobelpreis schon allein dafür, dass man nicht George Bush heißt. Ich habe gehört, Joe Biden macht sich jetzt Hoffnung auf den Preis für Chemie.“

Hoffen, freilich auf etwas anderes, das tut auch Obamas Familie in Kenia. Onkel Ezra, der von der Nachricht zu Hause in der Nähe von Nairobi überrascht wurde, schaltete zuerst CNN ein, war zufrieden, dass sowohl Kenias Präsident Mwai Kibaki als auch die Friedensnobelpreisträgerin von 2004, Wangari Maathai, gratulierten. Dann telefonierte er. Den ältesten Halbbruder Obamas, Malik, erreichte er beim Beten. Zu Mama Sarah, der kenianischen Oma im Westen des Landes, kam er nicht durch. Und nach all dem klingelte bei ihm selbst das Telefon, er nahm den Hörer ab und sagte: „Ich hoffe, dass der Nobelpreis ihm bei dem helfen wird, was er tun will. Dass Menschen sich als Menschen begegnen und nicht als Farben.“

Aus Kairo, Moskau, New York und Berlin berichten Martin Gehlen, Moritz Gathmann, Sebastian Moll und Ingrid Müller.

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