Zeitung Heute : Friedrich Merz?

Helmut Schümann

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Friedrich Merz (CDU) könnte nach der Wahl vielleicht wieder Chef der Unionsfraktion werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Amt? Welches Amt? Fraktionsvorsitz der CDU/CSU? Horst Seehofer (CSU), der ehemalige Gesundheitsminister, hat diesen Job gerade für Merz gefordert. Aufs „ehemalige“ im Gesundheitsminister muss man noch zu sprechen kommen. Aber gut, Fraktionsvorsitz, das kann der Merz, das hat er schon mal gemacht, und nicht mal schlecht. Er kann aber auch Finanzpolitik. Er ist der Erfinder der Steuererklärung auf dem Bierdeckel, und wurde dafür von Partei und Parteichefin hoch gelobt. Fürs Kompetenzteam hat es dennoch nicht gereicht. Dort schreibt jetzt Paul Kirchhof Bierdeckel voll. Merz kann auch Leitkultur. Aber die geben jetzt Edmund Stoiber und Jörg Schönbohm vor. Eigentlich haben sich für alle Fähigkeiten von Friedrich Merz Nachahmer gefunden. Nur noch nicht für seine alte Leidenschaft, das Mofafahren durchs Sauerland. Nun zum „Ehemaligen“. Seehofer war mal Gesundheitsminister, bevor er zurücktrat, weil er nicht gehört wurde. Wie Merz als CDU-Präsidiumsmitglied und Fraktionsvize, weil er nicht gehört wurde. Seehofer schlägt Merz vor, ja, sollen jetzt die Frustrierten bestimmen, welche Politik im Land gemacht wird?

AMBITIONEN: Man muss wohl unterscheiden zwischen gefühlten Ambitionen und solchen, die lebbar sind. Die gefühlten Ambitionen des Friedrich Merz sind groß. Der Mann ist ehrgeizig, gescheit, scharfsinnig. Der Mann ist Jurist, war Burschenschaftler, Richter, saß im Europaparlament, und ist mit 50 auch nicht älter als Frau Merkel. Und schon zuckt es bei ihm. Die bloße Erwähnung von Frau Merkel macht die gefühlten Ambitionen zu nicht lebbaren. Die Frau Merkel hat ihn gemobbt im Jahr 2002, weil sie nicht nur CDU-Chefin sein wollte, sondern auch Fraktionsvorsitzende. Gesagt hat sie ihm allerdings, dass kein Blatt zwischen sie und ihn und Stoiber passt. Gehandelt hat sie anders, mit einer „Intrige“, und „von langer Hand vorbereitet“, wie er sagt. Solange Frau Merkel mitmischt, ist ein Gedeihen von Friedrich Merz in der Politik kaum vorstellbar. Die duzt ihn zwar, „lieber Friedrich“, doch hat Merz auch schon Altkanzler Kohl angeblafft: „Die Duzerei nervt mich!“

AUSSICHTEN: Trübe. Allein schon aus eigener Unlust, dieser Frau Merkel zu dienen. Und die wird sich keinen ins Lager holen, mag er noch so brillant sein, der Rachegefühle hegt. Brauchen könnte sie ihn vielleicht, aber wenn sie ihn wollte, hätte sie nicht Paul Kirchhof installiert. Auch die Parteibasis dürfte seine Aussichten nicht verbessern. Bei Wahlveranstaltungen wird Friedrich Merz zwar stürmisch gefeiert, aber das ist wohl nur Balsam für die gefrustete Seele. „Es gibt ein Leben neben der Politik“, hat Merz gesagt. Mofafahren im Sauerland, zum Beispiel. Neben einem Platz im Bundestag wird es dabei wohl bleiben.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Tendiert gen null.

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