Zeitung Heute : Frisch aus dem Netz

Sie will Freunde einladen. Kochen kann sie nicht. Jemand rät: Das beste Kochbuch ist das Internet! Der Selbstversuch wird erste Sahne.

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Von Jeannette Krauth Das Zeug klebte furchtbar. Couscous-Krümel mit Eifäden verbanden meine Finger, panierten in einer dicken Schicht die Handflächen und den Löffel. „Bällchen formen“ stand doch da, aber selbst wenn es mir gelang, einen Klops zu rollen, durchzogen ihn spätestens in der Pfanne tiefe Risse. Es war zum Heulen. „Das dauert bestimmt ein bisschen“, hatte meine Mitbewohnerin Sara gesagt, als sie meinen Rezeptausdruck für Couscous-Bällchen mit Minzsoße sah. „Ach was, schau mal, das Rezept ist ganz kurz“, hatte ich da noch getönt, und sie schlich aus dem Raum. Das war jetzt zwei Stunden her.

Dazu muss ich sagen: Sara ist eine begnadete Köchin, sie besitzt Küchengeräte wie Reiskocher oder Ei-Kappen-AbschneideSchere. Ich hingegen kann ganz gut Rührkuchen. Wenn es herzhaft sein soll, mache ich Backgemüse: Paprika, Auberginen, Kartoffeln, Zucchini in große Stücke schneiden, mit Olivenöl aufs Backblech, Knoblauch und Zwiebeln dazu, würzen, warten, fertig. Das ist die Krönung meiner Küchenkünste.

Wenn Gäste mehr als einmal kommen, muss ich Kochbücher durchblättern. Ab und zu mag ich das auch, es ist so ähnlich wie Ikea-Kataloge wälzen: Man stellt sich vor, wie es wäre, wenn. Wie so ein Alltag in diesem Wohnzimmer mit Flokatiteppich wäre, oder wie es wäre, seinen Freunden nach einer durchzechten Nacht getoastete Weißbrotscheiben mit dick Käse drauf zu servieren, so wie das Jamie Oliver beschreibt.

Nach meiner ersten Nudelsoße, die Sara mitaß, empfahl sie mir ein Repertoire an Kochseiten im Internet. Weil das eine praktische Jeden-Tag-Methode im Gegensatz zum Kochbuch ist: Hat man Paprika im Kühlschrank, die bald Runzeln bekommt und weg muss, gibt man „Paprika“ in eine der Suchmaschinen ein, etwa von www.chefkoch.de, woraufhin diese gleich 21 703 Treffer ausspuckt. Aus denen sucht man die Variante, die man mag: in meinem Fall etwas ohne Hackfleisch.

Aber was man tut, wenn der Teig nicht zusammenhält, stand nicht im Rezept. Da stand ich nun und rührte und rollte und ärgerte mich. Irgendwann kam mir die Idee mit der Mehlschwitze meiner Oma. Mehl musste dazu! Das bindet. Siehe da, es funktionierte. Als nachts Gäste zum Trinken da waren, tischte ich kalte Couscousbällchen auf, und Jamie hätte mir stolz zugenickt, hätte er gesehen, wie gierig sie die Bällchen in die Tunke dippten und sich noch eins und noch eins nahmen und keins übrig blieb.

Die Kunst beim Internetkochen ist, in der Flut von Kochseiten im Netz zu navigieren und genau die zu finden, die das Mehl als Nothilfe eben nicht vergisst. Die Seiten haben Namen wie studentenkochbuch.de (schnell, einfach, billig), frag.mutti.de (Putztipps inklusive), kochen-und-genießen.de (erklärt Begriffe wie „abflämmen“ – was bedeutet, dass Eischnee im Ofen gebräunt wird), gesunde-rezepte.de (erfüllt alle Vegetarier-sind-Körneresser-Klischees), marions-kochbuch.de (perfekt für das Buffet einer 70er-Jahre-Mottoparty). Allen ist gemein: Seit drei, vier Jahren wachsen sie, werden immer häufiger angeklickt.

Kochen ist in, im Fernsehen kochen sie ja auch alle, Bioprodukte liegen in jedem Supermarkt, der Mensch schert sich wieder um das, was er in seinen Körper füllt.

Ganz begeistert von www.chefkoch.de war ein Bekannter,weil er die „Berliner Lufttorte“ hier gefunden hat, ein verschollenes Rezept aus Kindertagen, und lernte, wie man gebrannte Mandeln in der Mikrowelle macht. Mit mehr als drei Millionen Besuchern pro Monat ist chefkoch.de die größte Kochseite in deutscher Sprache, 64 000 Rezepte gibt es hier. Erfunden wurde chefkoch.de aber nicht aus Liebe zum Kochen, sondern weil „wir eine Seite machen wollten, die wie ein Archiv funktioniert“, das war Mitte der 90er Jahre noch etwas Besonderes, erzählt Macher Alexander Meis, und Rezepte hätten sich als Datenobjekte angeboten.

Mittlerweile arbeiten 15 Menschen für chefkoch.de. Eine Versuchsküche gibt es nicht. Navigiert man sich aber durch die zahlreichen Werbeanzeigen, findet man so etwas wie Nachbarschaftshilfe: „Wie kocht man Pudding ohne Puddingpulver?“, fragt „Chaoskind“, und „Meeresnixe“ antwortet: 30 Gramm Kakao, 40 Gramm Maisstärke, 50 Gramm Zucker in einem halben Liter Milch aufkochen. Über zehn User geben „Almyra“ Tipps, was sie auftischen kann, wenn die Schwiegereltern kommen, die „nicht gerne was Neues probieren, keine Pasta mögen“ und es zudem nicht so viel kosten soll. Sie sagen: Kennen wir auch, keine Panik, mach mal diese Suppe, die kannst du vorbereiten, servier Kartoffeln, das mögen ältere Männer.

Kochen ist eine prima Beschäftigung für Stadtmenschen, die etwas mit den Händen tun wollen. Braucht recht wenig Kondition, Talent ist scheinbar durch Lesestoff zu ersetzen, und eine Essenseinladung dient auch noch dem Sozialkontakt. Im Prinzip ist es das Gleiche wie ums Feuer sitzen, Fell kraulen, gleichzeitig in saftige Keulen beißen und die Mundwinkel wischen. Eben Instinkte befriedigen.

Wenn chefkoch.de der Großsupermarkt ist, dann ist kochen-international.de ein Spezialitätenladen. Die puristische Seite, keine Fotos, ordentlich aufgelistete Rezepte, entstand, als ein BWL-Student im Supermarkt Kängurufleisch entdeckte und zu Hause ratlos vor dem Pfund stand: Wie das jetzt bearbeiten? Auf australischen Kochseiten entdeckte er ein Rezept – das erste Sammlerstück für seine Seite, die elf Jahre später mehr als 200 000 Menschen pro Monat besuchen.

Kay Schlüter, heute 32, Berater bei der Handelskammer in Iserlohn, erfüllt auch Suchaufträge: Für einen Arzt, der Jahre in Südafrika gelebt hat und dort „Affendrüsensteak“ mit Freude aß, fand er das Rezept. Den ekligen Namen bekommt das Steak wegen seiner Soße mit Chutney und Chili, die so scharf ist, dass sie „Affen die Tränen in die Augen treibt.“ Es finden sich auf seiner Seite auch Rezepte für Krokodil und Meerschweinchenfleisch (angeblich hat die peruanische Regierung angekündigt, „es als Tiefkühlprodukt in deutsche Läden zu bringen“, ein Trend, den Schlüter nicht verpassen will). Es geht dem Mann ums Besondere, drei Viertel aller Rezepte hätte er selbst probiert, es ärgert ihn, wenn Kochseiten nach dem „copy and paste“-System gefüllt würden.

Es gibt da schon abstruse Sachen im Netz. Menschen, die aufgeschnittene Würstchen mit roter Soße auf grauem Tischtuch fotografieren (Gericht „Wurstfloß“) oder User wie Greta, die neben dem Rezeptplausch noch über das Wetter auf ihrer Kräuterwanderung am Wochenende schreibt (11 128 Beiträge hat sie verfasst, durchschnittlich 6,16 pro Tag).

Ich will nur so viel Beistand beim Kochen, dass ich glaube, kochen zu können, und zwar am besten: Jetzt! Sofort! Und dann soll man mir das bitte so haarklein und einfach erklären, dass ich nicht selbst nachdenken muss, wie ich den Couscous binde. Der Geheimtipp für solche Ansprüche ist eine Seite aus der Schweiz: www.waskochen.ch dreht zu jedem Rezept ein Filmchen und bietet Einkaufslisten. Das Motto der Seite: Um 18 Uhr im Büro, um 20 Uhr klingeln die Gäste. Was kochen?

Ausgedacht hat sich das Esther Kern, 36 Jahre alt, Journalistin. Zwei Straßen entfernt vom Hauptbahnhof in Zürich, öffnet sie die Türe ihres Büros, eine kleine Frau, die hervorragenden Espresso serviert, ohne Keks und Milch und Schnickschnack. Das passt zu ihrer Seite: einfache, gute Zutaten. Vor fünf Jahren stellte sie das erste Video online: „Kalbsplätzli an Pesto“, das hatte sie zuvor mal bei Freunden gegessen. Mit deren Rezepten fing es an, sie kochten, Esther Kern filmte mit der Handkamera. Mittlerweile hat sie etliche Privatküchen gesehen, eine Tour zu Berliner Küchen ist geplant, 10 Prozent ihrer Nutzer kommen aus Deutschland.

Wer ist der typische Internetkoch? In den Küchen, die Esther Kern gesehen hat, stand stets ein Mix aus Töpfen von Ikea „und dazu ein, zwei spezielle Sachen, etwa die Pfanne aus Gusseisen und ein gutes Messer, dazu ein Erbstück von der Oma.“ Oft gab es ein Jamie-Oliver-Kochbuch im Regal und solche von Betty Bossi, dem Schweizer Dr.-Oetker-Pendant. Berufstätig und zwischen 30 und 40 Jahren seien ihre User. Das deckt sich mit Studien anderer Seiten: chefkoch.de-Nutzer sind meist erwerbstätige Frauen, die in Zwei-Personen-Haushalten leben und gut verdienen. Internetköche wollen wissen, wie man Essen macht – jenseits des überstrapazierten Satzes „ich koche gern für Freunde“. Und interessant wird das offenbar, wenn Studium Geschichte ist und eine durchgemachte Nacht tagelang in den Knochen klebt. „Es ist weder der Gourmet, der am Wochenende sieben Gänge kocht, noch die Hausfrau mit 30-jähriger Erfahrung“, sagt Esther Kern.

Nach dem Couscous-Zeitfresser-Rezept weiß ich, welche Worte Warnung sind: reiben, formen, füllen. Das kostet Zeit. Zweiter Versuch also. Ich nehme die Schweizer Seite waskochen.ch und Andreas’ Rezept für Regenbogenforelle: ist schnell und macht was her. In die Forelle kommt Koriander, sie wird gebacken und mit Salzkrustenkartoffeln und Salat serviert. Die Gäste loben. Muss ja nichts bedeuten. Aber als ich am Morgen danach die Küche betrete, haben meine Übernachtungsgäste gespült und zwei Pakete Altpapier runtergetragen.

Das muss heißen: Ich kann kochen.

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