Zeitung Heute : …Fritz Kuhn?

Stephan Haselberger

„Namen sind Nachrichten“, besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Fritz Kuhn (Grüne) könnte nach der Wahl vielleicht Fraktionschef werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Fritz Kuhn wird gern mit Wolfgang Schäuble verglichen, und tatsächlich gibt es die eine oder andere Übereinstimmung zwischen dem ehemaligen CDU- Chef und dem früheren Grünen-Vorsitzenden. Wie Schäuble ist Kuhn ein für nahezu jedes Amt geeigneter und gehandelter Generalist. Und wie Schäuble wird er wegen seiner analytischen Kraft von vielen in der eigenen Partei respektiert – aber nur von wenigen geliebt. Von Kuhn geht keine Wärme aus; auf etliche Grüne wirkt sein scharfer Intellekt arrogant. Im Parteikörper weckt seine Person Abstoßungsreaktionen: So mancher nimmt ihm seine Auftreten übel. Kuhn ist daran keineswegs unschuldig. Er hat die Aversionen lange Zeit durch einen kaum gezügelten Ehrgeiz befördert. Nach der Bundestagswahl 2002 versuchte er, Rezzo Schlauch, seinem langjährigen Weggefährten und Freund, den Fraktionsvorsitz zu entreißen – mit tatkräftiger Unterstützung seines Förderers Joschka Fischer. Gewählt wurden schließlich weder Schlauch noch Kuhn, sondern die Hamburgerin Krista Sager und die Thüringerin Katrin Göring-Eckardt – ein Ergebnis, das Kuhn nach dem 18. September 2005 korrigieren will.

AMBITIONEN: Natürlich hat Kuhn, derzeit Wahlkampfmanager der Grünen, seinen Anspruch auf den Fraktionsvorsitz noch nicht offiziell erhoben. Aber Grünen-intern zweifeln weder Freund noch Feind daran, dass der 50-Jährige noch einmal nach der Fraktionsführung greifen wird, sollte sich eine Chance bieten. Als Kovorsitzende ist Renate Künast im Gespräch, die nach einer Wahlniederlage von Rot-Grün ebenfalls an die Fraktionsspitze strebt. Für beide wäre die Zusammenarbeit nichts Neues: Als Doppel hatten „K und K“ (Grünen-Spott) erfolgreich die Parteiführung übernommen , bevor Künast 2001 Verbraucherschutzministerin wurde und Kuhn 2002 über die Weigerung der Parteibasis stolperte, die Trennung von Parteiamt und Abgeordnetenmandat aufzuheben.

AUSSICHTEN: Kuhns Chancen auf ein Comeback hängen zuallererst vom Wahlergebnis ab. Liegt es deutlich unter dem Acht-Prozent-Erfolg von 2002, kann er daraus als Wahlkampfmanager keine Ansprüche ableiten – im Gegenteil. Wie Spitzenkandidat Fischer müsste er anderen den Selbstbehauptungskampf der Grünen überlassen. Zieht die Partei mit gutem Ergebnis in die Opposition, hat Fischer selbst den ersten Zugriff. Ob er davon Gebrauch macht, ist offen. Für die Entscheidung des Obergrünen dürfte die politische Konstellation eine wichtige Rolle spielen. Kommt es zu einer großen Koalition, könnte sich das politische Alphatier Fischer in der Pflicht sehen, den Linkspopulisten Oskar Lafontaine in die Schranken zu weisen und die Rolle des Oppositionsführers zu übernehmen. Wer Fischer kennt, weiß, dass er sich die Erneuerung der politischen Linken – und um nichts Geringeres geht es aus seiner Sicht – noch am ehesten selbst zutraut. Zieht Fischer sich jedoch zurück, hat Kuhn noch die Widerstände in der Fraktion gegen sich zu überwinden. Die Amtsinhaberinnen Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt wollen ihre Posten jedenfalls nicht kampflos räumen. Beide können mit der heimlichen Unterstützung von Parteichef Reinhard Bütikofer rechnen, der an Kuhns Wiederaufstieg kein Interesse hat. Der geübte Schachspieler Bütikofer, darin CDU-Chefin Angela Merkel nicht unähnlich, denkt stets in potenziellen Bedrohungen seiner Machtposition. Er weiß: Kuhn wäre ein gefährlicher Gegenspieler. Denn auch das unterscheidet den Allgäuer Kuhn vom Badener Schäuble: Den Kampf um das Erbe des Patriarchen hat er noch nicht verloren.

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