Zeitung Heute : Fritzchens Mondfahrt

Andreas Conrad

Wie erschafft man eine Mondlandschaft? Eine, die nicht aussieht, als sei sie soeben von den Kulissenbauern zusammengeschaufelt worden? Für Fritz Langs Science-Fiction-Film „Frau im Mond“ von 1929 löste man in Babelsberg das Problem so: Der Mondwüstensand wurde erst auf heißen Blechen geröstet und dann mit Windmaschinen verteilt.

Ebenso wichtig war eine glaubhaft wirkende Rakete. Für deren Bau hatte der Regisseur den Raumfahrtexperten Hermann Oberth verpflichtet, der die Probleme einer Reise ins All bislang aber nur in der Theorie durchdacht hatte. Die Zusammenarbeit mit den mehr an der Optik als am Fortschritt interessierten Filmleuten gestaltete sich daher oft schwierig.

Das Drehbuch stammte von Langs Frau Thea von Harbou: Sechs Menschen brechen zum ersten Flug Richtung Mond auf, wo reiche Goldvorkommen erwartet werden. Pioniergeist und Geldgier prallen aufeinander, schon auf der Erde dramatischer Konfliktstoff, in der unwirtlichen Mondlandschaft bald ein tödlicher Konflikt – mit der Folge technischer Komplikationen: Ein Sauerstoffbehälter wird beschädigt, wie vier Jahrzehnte später bei Apollo 13. Einer muss sich opfern und zurückbleiben, aber dann sind es doch zwei, der Ingenieur Hans Windegger (Gustav von Wangenheim) und die Studentin Friede Velten (Gerda Maurus), die „Frau im Mond“. So ist das eben mit der Liebe in den Zeiten der Weltraumfahrt.

Nach Ende der Dreharbeiten im Juli 1929 schloss Oberth mit Ufa und Lang einen Vertrag ab, dass er die Versuche mit einer Flüssigkeitsrakete in den Babelsberger Studios fortsetzen könne. Ziel war eine echte Rakete, die zur Premiere starten sollte. 10 000 Reichsmark wurden zur Verfügung gestellt, der Vertrag sah eine Ufa-Beteiligung an allen Einnahmen aus dem Projekt bis ins Jahr 2020 vor. Das von Oberth und seinem Mitarbeiter Rudolf Nebel skizzierte Modell war zwei Meter hoch und ähnelte stark der späteren „Vergeltungswaffe“ V2. Nach den Berechnungen der Raketenbastler schien eine Flughöhe von 40 Kilometern möglich, die Ufa-Werbeleute waren begeistert und erhöhten in ihren Pressemeldungen auf 70 Kilometer. Sogar mögliche Startplätze wurden genannt, als erster das „Greifswalder Oie“ genannte Inselchen nordöstlich von Peenemünde. Die Raumfahrtpioniere hatten aber mehr versprochen, als sie halten konnten. Die Rakete, die zuletzt 35 000 Reichsmark verschlungen hatte, flog nie, wäre auch, so vermutete Nebel, beim Test sofort explodiert. Schon bei Brennversuchen mit der von ihm entwickelten Kegeldüse hatte sich Oberth schwere Verletzungen zugezogen.

Doch auch ohne Knalleffekt wurde die Premiere der „Frau im Mond“ am 15. Oktober 1929 im Ufa-Palast am Zoo ein großer Erfolg, die erste übrigens, die in Deutschland live im Rundfunk übertragen wurde. Der Journalist Willy Ley, der Lang und Oberth zusammengebracht hatte, war dabei: „Das Raumschiff schießt in den Himmel. Riesige Feuerfontänen zucken über die Leinwand. Das Publikum ist nicht mehr zu halten. Der erste Beifall braust los, übertönt das Orchester, braust hinauf zu den Logen derer, die den Film geschaffen haben.“

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