Zeitung Heute : Frösteln in Portugal

CARLA RHODE

Ein Ort wie am Ende der Welt.Die Zeit scheint stillzustehen, wird hier überhaupt gelebt? Armselige, verlassene Häuser, abgeblätterte Fassaden, kaum Menschen weit und breit.Früher sollen dort Schmuggler durchgezogen sein, das Dorf liegt im Norden Portugals an der spanischen Grenze, von der einstigen Geschäftigkeit ist aber nichts mehr zu spüren.Sogar die Züge kommen zu spät, dann wird die Bahnstation geschlossen, ein Ort auf dem Abstellgleis.Daß eine Autobahn gebaut wird, ist kein Trost, sie wird an Vila de Santiago vorbeiführen.Inmitten dieser Verlassenheit wirken auch die wenigen Kinder wie streunende Hunde.Sie bleiben sich selbst überlassen, die Erwachsenen kümmern sich nicht um sie.Viele Eltern sind sogar weggezogen, nach Lissabon oder in die Schweiz, ihre Kinder haben sie bei einer ältlichen Frau gelassen, dort haben sie zwar einen Schlafplatz, von Obhut oder Fürsorge kann aber keine Rede sein.

Ein deprimierender Film, entsprechend düster und häßlich sind die Bilder, und es regnet unaufhörlich.Der Himmel ist dunkel, die Erde matschig und aufgeweicht und mit Pfützen übersät.Langsam gleitet die Kamera in die dunklen Wohnungen hinein, tastet sich an schäbigem Mobiliar entlang, schleicht bedeutungsvoll über primitiv gestrichene Wände und Türen.Auch die Handlung entwickelt sich im Zeitlupentempo.

Handlung? Gloria und Ivan sind die Hauptfiguren, sie sind zwölf bzw.dreizehn Jahre alt und freunden sich miteinander an.Doch will das Wort Freundschaft eigentlich gar nicht passen, denn Gefühle werden nicht gezeigt.Die Kinder beobachten sich nur, ihre Gesichter sind ernst und verschlossen, nur ein einziges Mal lachen sie miteinander, als sie mit dem Fahrrad zwischen trocknender Wäsche herumfahren.Nachts streifen sie am schwarzen Fluß entlang und fahren mit dem Boot in eine Felsenhöhle hinein.Erforschen sie ihr Seelenleben, die irritierende Situation an der Schwelle zum Erwachsenwerden? Die Vermutungen bestätigen sich nicht, es gibt weder Metaphern noch Schlüsselszenen, die Regisseurin Manuela Viegas, deren Debütfilm das ist, zeigt nichts weiter als ein freudloses, trübes Dasein, in dem einfach nichts passiert.Ein Rummelplatz bringt für wenige Minuten mit bunten Glühlämpchen ein bißchen Farbe in die dunklen Bilder, aber damit noch längst kein Leben.

Bei soviel Tristesse ist der Manierismus nicht weit.Denn so signalhaft sich die spröden Einstellungen auch geben, es gibt darin nichts zu entdecken, die Bilder bleiben leer.Ebenso andeutend und verhalten wie die Beziehung zwischen Gloria und Ivan bleibt, entwickelt sich auch das Verhältnis zwischen zwei ungleichen Brüdern.Vicente (Jean-Christophe Bouvet), der ehemalige, nun pensionierte Bahnhofsvorsteher, wird von seinem weitaus jüngeren Bruder Mauro (Franciso Relvas) gehaßt.Der wurde aus dem Gefängnis entlassen, hat dessen Haus niedergebrannt und läßt ihn auch jetzt nicht in Ruhe.Mauros höhnisches Grinsen ist typisch für das Gefühlsklima dieses Films: Es macht frösteln.

Heute 9.30 Uhr (Royal-Palast), 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International)

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