Zeitung Heute : Frotteeschlappen für Schlafmützen

ANDREAS CONRAD

Man soll nie vorschnell urteilen: Diese Festspiele, so schien es, würden in die Annalen als die Berlinale des gedruckten Worts eingehen.Schon bald nach dem Start konnte man zwei neue Bücher ins Regal stellen: "The Thin Red Line" von James Jones und "Breakfast of Champions" von Kurt Vonnegut.Doch dann riß die Serie der Buchpräsente, dieser kleinen Aufmerksamkeiten der Verleihfirmen für die Berichterstatter, leider ab, und ganz anderes schiebt sich mittlerweile in den Vordergrund: Frotteeschlappen! Mit einer Empfehlung des Palace Hotels!

Das mag als Anspielung auf die unausweichliche Schlafmützigkeit der Berichterstatter im letzten Festivaldrittel gemeint sein, die sich nur noch von Party zu Party schleppen und allenfall mal im Kino etwas Schlaf finden.Auch die Dreingabe zu den Latschen, das Aigner-Duftwässerchen "Clear Day", zielt offenbar in diese Richtung.Und nicht zuletzt Der Tagesspiegel, die Morgenzeitung für Ausgeschlafene, sei hier erwähnt.Neben den Schlappen des Palace Hotels und dem Eau de Toilette steckte er in der Tüte, die den Gästen der Berlinale-Party im Atrium des Deutschen Bank Unter den Linden als Souvenir mitgegeben wurde.

Doch noch stehen wir in einer Eisdiele, sie heißt Lampe und befindet sich in der Friedrichstraße unter der S-Bahn.Ab und zu hört man deren Poltern, schreckt kurz auf und bestellt sich zur Beruhigung einen Tee.Buena Vista hat zum Presseempfang geladen, und da der offizielle Beitrag in diesem Jahr die Kästner-Neuverfilmung "Pünktchen und Anton" von Caroline Link ist, schien das Eistüten-Ambiente angemessen für die Plaudereien am Rande des Festivals.

Die Filmförderungsanstalt und die Export-Union des Deutschen Films haben derweil zum Empfang bei der Deutschen Bank geladen, dort wo heute wieder die hiesige Guggenheim-Niederlassung zur Vernissage bitte."Gerhard Schröder, Bundeskanzler" prangte optimistisch auf der langen Gästeliste.Der ließ sich dann zwar vertreten, aber dennoch mußte niemand über mangelnde Prominenz am üppigen Palace-Büffet klagen.

Später gab es auch einen Scheck: 350 000 Mark fließen vom Prokino Filmverleih an die Filmförderungsanstalt zurück, der nicht länger benötigte Förderbetrag für den Verleih von "Lola rennt".Natürlich war Regisseur Tom Tykwer dabei, als die symbolische Pappe überreicht wurde, seine Darsteller Franka Potente, Moritz Bleibtreu und Joachim Król assistierten.

Doris Dörrie war ins Atrium gekommen, Produzentin Regina Ziegler, das schon mehrfach bei solchen Terminen gesichtete Jurymitglied Jeroen Krabbé, Michael Gwisdek und Winfried Glatzeder - kurz: die üblichen Verdächtigen.Am nächsten Abend würde man sich wiedersehen, beim alljährlichen Empfang des Forums.Oder bei Senator Film, die 20jähriges Bestehen im Café Keese feiern.Oder bei Arte.Oder nachher bei der "Gierig"-Party im WMF.Oder ...Ach nein, wir gehen jetzt doch lieber ins Bett.

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