Zeitung Heute : Früchte des Trotzes

Nach seinem Wahlsieg versprach er den Bettelnden Essen und den Besitzlosen Äcker. Doch Lula da Silva gibt den Armen nicht mehr als sein Vorgänger. In der Stadt Conquista, im Herzen Brasiliens, glauben sie dennoch an ihren Präsidenten. Und sagen: „Wir wollen es hier schaffen, und er wird es auch.“

Frauke Niemeyer,Ralf Südhoff

Von Frauke Niemeyer und

Ralf Südhoff

Vitória da Conquista will genauso sein wie die Städte am Strand. Das fällt einem Ort auf 1100 Metern Höhe natürlich nicht leicht. Doch in Conquista, wie hier alle sagen, kreisen noch um Mitternacht die Biergläser unterm Sternenhimmel, in den Open-Air-Bars wummern Sambatrommeln durch die Nacht. Das Thermometer zeigt acht Grad. Kellner schleppen Tabletts mit Papayas und Humpen mit Caipirinha voller Eis, das nie schmilzt.

Strand und Meer sind acht Busstunden entfernt von Conquista, erbaut im nordöstlichen Hochland, im Herzen Brasiliens. Hier sind die Nächte kalt, und das Land ist so karg, dass der Wind den roten Sand an die Hauswände bläst.

Na und? Cezar Lisboa, graumelierter Charmeur, Soziologe und Berater des Bürgermeisters, schmiegt sich wohlig in seine dicke Lederjacke und glaubt, dass die Zukunft Brasiliens auch hier liegt: „In kaum einem Land klafft so ein tiefer Graben zwischen Arm und Reich wie in Brasilien. Aber vielleicht haben wir in Conquista die Chance, das mit Lula zu ändern!“

Denn Conquista ist trotzig. Sie schert sich nicht um Kälte und Trockenheit, sie will der Ungerechtigkeit trotzen. Darin fühlte sich Conquista vor einem Jahr bestärkt wie nie.

Der kleine Lula

Am Neujahrstag 2003 übernahm zum ersten Mal in der Geschichte Brasiliens ein Mann der Arbeiterpartei PT die Macht im Präsidentenpalast, und Luis Inácio „Lula“ da Silva versprach mit feuchten Augen, den Bettelnden Essen zu geben und den Besitzlosen Äcker. Die Armen in Brasilien hatten einen neuen Helden, und die Globalisierungskritiker weltweit gleich mit. Doch ob ein Drechsler das größte Land Südamerikas in Bewegung bringen kann, das zeigt sich vor allem im Inneren des Riesenreiches, wo die meisten der 180 Millionen Brasilianer leben, in Orten wie Conquista: einer Stadt mit 250000 Einwohnern und Durchschnitts-Einkommen von 500 Real im Monat, rund 130 Euro.

Wenn es gelingen kann, dann in Conquista: Seit 1996 regiert hier ein kleiner Lula, ein Bürgermeister aus der PT, der die Bürger über den Haushalt mitbestimmen lässt und den größten Teil in Bildung und Gesundheit steckt. In Projekte, die auch der Soziologe Lisboa entwirft. „Und seit Jahren hoffen wir auf Unterstützung aus Brasilia“, sagt er. Für seine kleinen Reformen. Für die Bewohner Conquistas. Für Glauber, zehn Jahre.

Glauber hat ein zuckersüßes Lächeln. Und messerspitze Ellenbogen. Die kriegt jeder zu spüren, der sich vor ihn drängt am Tor der „Conquista Criança“, der Schule der Kinder Conquistas. Glauber will der Erste sein. Und kaum auf der weiten Sandfläche voller Schulhäuser, in denen die Jungs Capoeira tanzen, Nähmaschinen rattern und die Mädchen Gospels schmettern, erzählt Glauber. Vom Leben auf der Straße, wo er mit seiner Bande vor allem eins gelernt hat: „Leute zu beleidigen.“ Von seinem Vater, der keine Zeit hat, und seiner Mutter. „Die ist abgehauen“, sagt er ungerührt. Von Kämpfen mit anderen Banden. Von Alexandre, „meinem Freund“.

Vor zwei Jahren wurden Glauber und Alexandre in die „Conquista Criança“ aufgenommen, um sie von der Straße zu holen. Seitdem lernen sie lesen und schreiben, rechnen und vor allem: trommeln. Glauber stellt sich mit seinen beiden blauen Trommeln in die Sonne und legt los, Schlag auf Schlag, immer weiter, immer härter, sein Gegenüber fest im Blick. Was er mal werden wolle? „Natürlich Trommler.“ Und Alexandre? „Alexandre war nach der Schule wieder auf der Straße.“ Mit seiner Bande. Bis man ihn fand. „Mit sieben Kugeln im Körper.“

„Was sollen wir tun?“, fragt Maria de Lourdes Freitas in ihrem Minibüro, „wir können es nicht bei allen Kindern schaffen.“ Es bei allen versuchen, das wäre schon ein Traum: Die Hand der Direktorin ruht auf dem Stapel neuer Aufnahmeanträge, die Eltern und Sozialarbeiter geschickt haben. „Ich lehne sie ab, weil es den Kindern noch nicht schlecht genug geht“, stöhnt sie. Mehr Geld müsste sie organisieren, „wir bräuchten noch 1000 Plätze“. Die Stadt hilft, so gut sie kann, aus einst 37 Kindern sind in fünf Jahren 370 geworden, auch dank der deutschen evangelischen Kirche, dank einiger Sponsoren. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Und was macht Lula?

„Lula?“ Maria de Lourdes zögert kurz. „Lula blickt anders auf soziale Probleme als seine Vorgänger.“ Pause. „Für uns hat er keinen Unterschied gemacht.“

Der kleine Zuschuss aus Brasilia hat sich nicht erhöht, nicht für ihre Schule, nicht für Conquistas neue Sozialprojekte. Und nicht für Brasiliens Notleidende: Lula, „Präsident der Armen“, hat die Sozialausgaben faktisch eingefroren. Er gibt nicht mehr aus als sein Vorgänger.

„Und unser größtes Problem kommt noch“, sagt Maria de Lourdes. In ein paar Jahren muss Glauber seine Trommeln und die Schule verlassen, so wie jetzt seine älteren Kameraden, die Conquista Criança entlässt ihren ersten Jahrgang. Statt schießen können sie schreiben, statt dealen können sie nähen. Aber braucht sie auch jemand?

Damit Glauber eine Zukunft hat, ist mehr nötig: Wirtschaftskraft. Lula tut dafür vor allem eins: Er spart, er gleicht den Haushalt aus. Von den Investoren, die er so umwirbt, hat Conquista natürlich noch keinen gesehen. Hier investieren nicht Nike und BASF, sondern Afonso, Raimundo – oder João.

João Nascimento baut gerade mal wieder um. Die grünen Papayas und Guaven, die Mangos und die Ananas, all die Kisten passen kaum noch unter seinen Schirm auf dem Markt, und die Sonne wandert immer weiter und weicht seine Früchte auf. „Ein Real, nur ein Real!“, schallt es von allen Seiten: So weit das Auge reicht, alle stapeln sie hier Früchte.

Doch Nascimento ist zufrieden: „Früher habe ich eine Kiste in drei Tagen verkauft“, sagt er, „jetzt sind es oft 20.“ Macht rund 2400 in 365 Tagen, denn Nascimento ist jeden Tag hier, 14 Stunden lang. „Nur neulich hatte ich frei.“ Der Händler grinst unter seinen dunklen Bartstoppeln. „Da ist der Lieferwagen nicht gekommen.“

Dass Nascimento sich vor Arbeit kaum retten kann, verdankt er einem von Cezar Lisboas Projekten: Die „Bank der Armen“ hat ihm und drei Freunden je einen Minikredit über umgerechnet 200 Euro gegeben, zu niedrigen Zinsen, und statt Garantien gilt die Sippenhaft: Zahlt einer nicht zurück, müssen die anderen einspringen. Nascimento hat das Geld in immer größere Bestellungen von Mangos und Ananas gesteckt, die er sonst nie vorab hätte bezahlen können. Jetzt verdient er immerhin rund zehn Euro am Tag. Doch richtig lohnen würde sich nur der Großhandel, um selbst an Händler zu liefern, „dafür würde ich sofort noch mehr arbeiten!“, sagt Nascimento. So könnte er im Land der Superreichen und der Superarmen zum Mittelständler werden, er und seine drei Kollegen. Aber dafür reicht kein Kleinkredit der Welt. Und die normalen Kredite?

Lulas Strategie ist so unvermeidlich wie folgenschwer: Weil die Spekulanten schon die Flucht antraten und der Real abstürzte, als sich sein Wahlsieg nur anbahnte, setzt er auf Stabilität und lockt die Anleger mit astronomisch hohen Zinsen zurück. Doch die machen frisches Geld teuer. „Die normalen Banken kann ich nicht bezahlen“, sagt João Nascimento. Er rettet lieber die nächste Kiste vor der Sonne: „Und ich habe wenig Hoffnung, dass Lula daran was ändern kann.“

Der hat ohnehin ganz andere Sorgen: 400000 Landlose besetzen inzwischen eine brasilianische Großfarm nach der anderen, campieren unter Plastikplanen und Pappverschlägen vor dem VW-Werk in São Paulo, vor Ministerien in Brasilia, und sie fordern überall das Gleiche: Land! Wie von Lula vor einem Jahr versprochen.

„Das Land gibt den Menschen die Würde zurück“, sagt Heraldo Calazans. Um den Leiter der Landlosensiedlung Caldeirão zu treffen, der oft selbst auf dem Markt von Conquista stand, ist eine kleine Reise nötig: Gut zwei Stunden geht es mit dem Bus auf der Ausfallstraße nach Süden raus, vorbei an den Leuchtherzen der Stundenmotels, vorbei an den staubigen Fußballplätzen mit durchgebogenen Torlatten, im Zickzack vorbei an den Schlaglochkratern im Asphalt. Dann nur noch Steppe und verdorrte Bäumchen, doch sie sind nicht tot: Sie werfen auch im Sommer ihre Blätter ab – um Wasser zu sparen.

Wer seit drei Jahren auf Regen wartet, muss mit jedem Tropfen Wasser haushalten, ob Baum oder Bauer. Heraldo Calazans kommt gerade von seinen acht Hektar Scholle und guckt zufrieden. „Ich habe heute 150 Kilo Maniok-Mehl gemahlen“, sagt er nicht ohne Stolz. In Caldeirão reihen sich weiße Steinhäuser so klein wie Garagen aneinander, ein Dutzend Jungs und Mädchen samt einem Alten mit Holzbein spielen davor Ball; eine Mutter mit ihren zwei Kindern fährt mit ihrem hölzernen Pferdekarren noch mal raus aufs Feld – auf ihr Feld.

Conquista wäre nicht das trotzige Conquista, wenn hier nicht schon zig landlose Familien ihre Parzelle bekommen hätten, wie die 120 hier inmitten der Steppe, in der „Sertao Nordestino“. „Die Menschen, die hier leben, sind zäh“, sagt Calazans. „Wie Maniok und Vieh. Sie können überleben.“ Aber können sie auch mehr als das?

Warten auf den Aufschwung

Als Lula die Wahl gewann, versprach er, den Landlosen Boden zu geben und den neuen Landbesitzern Rat und Startkapital, denn nur so haben sie eine echte Chance. Doch nun gibt der Präsident offen zu, dass die Agrarreform in der Bürokratie feststeckt. Ein Trupp Agraringenieure war neulich hier in der Siedlung und gab Tipps. Aber warum waren die Caldeirãos eigentlich nicht auf dem Markt in der Stadt? „Der Truck ist kaputt“, sagt Calazans und zeigt ratlos auf den eingestaubten Laster. „Uns fehlt seit einem Jahr das Geld zum Reparieren. Seitdem müssen wir unsere Ernte mit dem Linienbus zum Markt schaffen.“ Doch der verirrt sich nur alle paar Tage in die Steppe. So verdienen die Bauern immer weniger und können noch weniger investieren, um endlich mehr zu verdienen.

Ganz zu schweigen von den 5000 Landlosen, die allein in Conquista noch auf ihre Parzelle hoffen, von den Hunderttausenden im ganzen Land oder von den 44 Millionen Armen, die seit einem Jahr auf den Lula-Effekt warten – doch Lula wartet selbst. Bis sich die Investoren beruhigen, bis die Zinsen sinken, bis die dümpelnde Wirtschaft anspringt, bis er es wagen kann: Sozialausgaben erhöhen, Kleinunternehmer fördern, Beamte auf Trab bringen, Großgrundbesitzer enteignen. Drei Jahre bleiben ihm noch bis zu den nächsten Wahlen. Kann er es noch schaffen?

Bauer Calazans wiegt seinen Kopf und schaut die Dorfstraße hinunter. Hinter der Holzkapelle versinkt die rote Sonne im brasilianischen Hochland, die Kälte übernimmt wieder ihre nächtliche Herrschaft. „Wir wollen es schaffen“, sagt er dann trotzig. „Und jeder hier glaubt, dass Lula es schaffen will.“

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