Zeitung Heute : Früchte und Zorn

Ihre Waren bleiben an der Grenze liegen, und ihre Regierung behält das gute Land für sich. Gaza versinkt in Anarchie – und mit ihm jene, die versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen

Georg Cadeggianini,Julia Theres Held[Gaza]

Gazas Hoffnung ist grün. Und diesmal ist es nicht das Grün der Hamas-Fahnen. Diesmal ist es das Grün von Paprika.

Samir El Schaef steht auf dem sandigen Boden von Rafah Yam, einer der ehemals israelischen Siedlungen im Süden des Gazastreifens. Er ist zufrieden an diesem Morgen. Kistenweise schleppen seine Arbeiter glänzende Paprika aus den Gewächshäusern, stapeln sie zu Türmen, hieven sie auf Lastwagen. Vier Tonnen haben sie bereits aufgeladen. Es ist die erste Ernte in dieser Wintersaison. Und für Samir El Schaef und seine Arbeiter ist es die erste eigene Ernte seit der Besetzung durch Israel vor 38 Jahren.

Es sind die Früchte dieses Winters, die über die wirtschaftliche Zukunft des Gazastreifens entscheiden. Mehr als 13 Millionen Euro sollen mit dem Export in den nächsten Monaten umgesetzt werden – das wäre ein Fünftel des Exportvolumens von Gaza, das zu den ärmsten Regionen der Welt zählt. Samir El Schaef weiß, was von diesen Tagen abhängt. Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, sagt er. Im August waren die israelischen Siedler abgezogen, endlich, sagt er, „haben wir dieses Land zurückbekommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir es auch verdient haben.“

Doch die Zuversicht fällt immer schwerer, und es sind vor allem die eigenen Leute, die die Hoffnungen vernichten. Nahezu täglich feuern militante Hamasanhänger Kassam-Raketen auf israelisches Gebiet. Ausländer werden entführt und EU-Beobachter vertrieben. Außerdem bekriegen sich kurz vor den palästinensischen Wahlen Ende Januar lokale Gruppen untereinander. Die Anarchie greift um sich – und sie ergreift auch jene, die verzweifelt versuchen, sich endlich eine stabile Existenz aufzubauen. Fast jedes Mal, wenn es Unruhen gibt, schließen die Israelis die Grenzen, und die Waren, die eigentlich für den Export gedacht sind, verderben vor den Mauern.

Samir El Schaef glättet mit dem Zeigefinger seinen sauber gestutzten Schnauzbart. Sein beiger Zopfpullover ist farblich aufs Hemd abgestimmt, der halblange Mantel sitzt perfekt. Nur die gegerbte Gesichtshaut verrät die vielen Jahre Feldarbeit. Als einfacher Arbeiter hat der 43-jährige Diplomingenieur sein Leben lang im Auftrag der israelischen Siedler gepflanzt; für 40 Schekel am Tag, weniger als acht Euro. Seit dem Abzug kontrolliert er im Auftrag des von der Regierung finanzierten Agrarprojekts GAP mehr als 200 Gewächshäuser in den ehemaligen Gebieten der Siedler, die von hier aus ganz Israel und auch Europa mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgt hatten. 60 Schekel kann El Schaef seinen Arbeitern am Tag zahlen. Das macht ihn stolz. Denn 60 Schekel, rund zwölf Euro, sind eine Menge Geld in einem Gebiet, in dem über drei Viertel der Bevölkerung mit weniger als zwei Euro täglich auskommen müssen.

Schon eine Stunde nach dem Abzug der letzten Siedler vor vier Monaten stand El Schaef bereits im Sand von Rafah Yam. Drei Tage und drei Nächte am Stück hat er mit seinen Arbeitern Wasserleitungen verlegt, zerstörte Gewächshäuser repariert und Stauden an Seilen hochgezogen. Insgesamt habe man 4000 Gewächshäuser von den Siedlern übernommen, sagt er – ein Großteil in sehr schlechtem Zustand. Die aufgebrachten Siedler, die zum Abzug gezwungen worden waren, hatten Beschimpfungen an die Wände geschmiert. Computeranlagen, Packstationen und Heizanlagen waren häufig komplett vernichtet – oft genug aber auch von den Palästinensern selbst. „Wenn du all die Jahre im Gefängnis sitzt und sich dann plötzlich die Tore öffnen, fällt die Kontrolle manchmal schwer“, sagt El Schaef.

Außerhalb der streng bewachten Gewächshäuser des Regierungsprojekts liegt das Land brach. Eine Düne, dann Wüste, schließlich ein Wall aus Gestrüpp und Dreck. Hier beginnt das Land von Abu Anwar Schaluf. Auf dem Schotterweg steht einer seiner Söhne, die Kalaschnikow im Anschlag. „Dieses Land“, sagt Abu Anwar Schaluf und weist in die Runde, „gehört unserer Familie seit über 200 Jahren.“ In den letzten Jahrzehnten hatte die Familie allerdings nicht viel davon. Schaluf, 55, mit grauem Schnauzer und dem traditionellen Kopftuch der Palästinenser, steht auf dem kargen Boden und sagt: „Früher war hier alles voller Olivenbäume.“ Mit Beginn der zweiten Intifada vor fünf Jahren jedoch hatte das israelische Militär die Fläche mit Bulldozern abrasiert und zur Sicherheitszone erklärt. Nun sinken die Schuhe im Sand ein.

Schaluf hatte große Hoffnung in den Abzug gesetzt. Am Tag der Räumung hisste er die palästinensische Flagge, feuerte Salven in die Luft und betrat stolz all die Plätze, die ihm zuvor verboten waren. Heute, vier Monate später, ist die Hochstimmung verflogen. Für den zerstörten Boden bekommt er keine Aufbauhilfe. Und das Land, auf dem nebenan die profitablen Gewächshäuser stehen, will die Palästinensische Autonomiebehörde behalten. Schaluf zählt nicht auf die Regierung. Er weiß von Nachbarn, die mehr Papiere vorweisen konnten, als er je haben wird. Trotzdem haben sie ihren Grund nicht wiederbekommen.

Der Staat lasse sie im Stich, klagen viele Bauern. Aber das lässt Ali Sha’at, einer der zuständigen Minister, nicht gelten. Er sitzt hinter seinem mächtigen Schreibtisch in Gaza-Stadt. Das Büro ist groß, die Möbel sind dunkel, die Teppiche schwer; äußerlich funktioniert die Bürokratie. Gelder, um einzelne Bauern zu fördern, sagt Sha’at, stünden schlicht nicht zur Verfügung. Als stellvertretender Transportminister hatte er den Abzug der israelischen Siedler mit überwacht. Ja, seitdem sei nicht viel passiert – aber daran seien die anderen schuld. Die Geberländer, weil sie versprochenes Geld nicht freischalteten, Israel, weil es die Grenzen blockiere.

Mit der Räumung der Siedlergebiete und der umliegenden Sicherheitszonen hat sich der Gazastreifen für die Palästinenser um ein Drittel vergrößert. Aber: Weit über 95 Prozent davon, schätzt Sha’at, werden in den Händen des Staates bleiben. Wer ehemaliges Siedlergebiet zurückverlange, müsse seinen Anspruch eben nachweisen – schließlich gebe es sauber geführte Grundbücher. Die Menschenrechtsorganisation B’Tselem sieht das anders: Schon die israelische Siedlungspolitik habe sich zunutze gemacht, dass vielen Palästinensern moderne Eigentumsdokumente fehlten.

Es bleibt den Bauern, die nun Kleinbauern bleiben müssen, nur die Hoffnung, dass die Grenzen offen sind, wenn sie mit ihren Erzeugnissen hinüber nach Israel wollen. Wenn sie schließen, dann überschwemmen die für den Export bestimmten Waren den lokalen Markt und die Preise sinken ins Bodenlose.

Karni, keine fünf Kilometer westlich von Gaza-Stadt: Der einzige Exportübergang gilt als der Flaschenhals der palästinensischen Wirtschaft. Ob es die grünen Paprika auf die andere Seite schaffen, hängt nicht zuletzt vom guten Willen der israelischen Grenzbeamten ab. Die Lage ist übersichtlich an diesem Tag. Nur wenige Lastwagen stehen auf dem mehrere Hektar großen Areal. Alle 20 Meter überwachen Kameras das Geschehen. Gabelstapler löschen die Ladung: Erdbeeren, Makrelen, rosa Lilien. Auf Förderbändern zuckeln die Paletten durch schmale Tore hinter die zwölf Meter hohe Betonmauer. Hier wird die Ladung gescannt, zur Not per Hand durchsucht, auch mehrere Stunden lang. Über den turnhallengroßen Kontrollräumen ist nichts weiter als ein Netz gespannt. Regnet es, wird die Ware nass.

Es ist kurz nach elf, als sich an diesem Tag die Tore in der Mauer plötzlich schließen. Auf einmal geht nichts mehr. Die Arbeiter finden sich in Grüppchen zusammen, einer schenkt Tee aus. Mehrmals täglich würden hier die Übergänge geschlossen, erzählen sie. Manchmal blieben sie tagelang zu. Die Kisten bleiben, wo sie stehen, Gemüse, Obst und Fisch. Die Sonne lässt das Eis auf den Makrelen schmelzen. Sie sollten heute noch an israelische Restaurants geliefert werden, erzählt der Fahrer. Immer wieder holt er frisches Eis aus dem Wagen und wirft es auf die Fische. Wenn er Glück hat, ist die Grenze wieder offen, bevor das letzte Eis geschmolzen ist. Ohne Eis wird der Fisch vom israelischen Fahrer auf der anderen Seite einfach wieder zurückgeschickt.

150 Lastwagen sollen von diesem Jahr an den Checkpoint von Karni passieren dürfen. Das hat Israel versprochen. Anfang 2007 sollen es 400 werden. Aber bisher sieht es noch anders aus: An normalen Tagen schaffen es wegen der aufwändigen Kontrollen 25 bis 30 Lastwagenladungen über die Grenze, an schlechten vier. Sobald israelische Beamte auf ihren Monitoren etwas Verdächtiges entdecken, müssen sie die Tore schließen. Heute war es ein leerer Benzinkanister, gleich neben Tor 27. Aber der Fischhändler hat Glück. Nach einer knappen Stunde öffnen die Sicherheitsleute die Tore wieder.

In Rafah Yam sind die letzten Kisten verladen. Noch heute Abend sollen die Paprika an die Grenze. Direkt vor dem Checkpoint will der Fahrer übernachten, um sich am Morgen einen guten Platz in der Warteschlange zu sichern. 14 Mal wird Samir El Schaef am nächsten Tag mit seinen Fahrern telefonieren, wird von Verzögerungen erfahren und um die Ernte bangen. Am nächsten Abend wird er erzählen, dass alles glatt gelaufen ist. Insgesamt 18 Tonnen grüne Paprika haben seine Fahrer über die Grenze gebracht. Die ersten eigenen.

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