Zeitung Heute : Früh feiern

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

Es gab mal einen Trend, der hieß Afterwork-Party. Parties mitten in der Woche, die schon um 18 Uhr anfingen. Damit die arbeitende Bevölkerung mal in der Woche ausgehen kann – und am nächsten Tag nicht mit Ringen unter den Augen am Schreibtisch hängt und über zu kurze Nächte jammert. Eine tolle Idee, bei der viele Lokale, auch in meiner alten Heimat, mitmachten. Da stand man also schon um halb acht in der Disco, es war laut und stickig wie sonst um Mitternacht, man tanzte und trank Bier, um halb neun schon das fünfte, und rief „losholnocheinsisjanochfrüh“. Man war dann zwar schon gegen halb elf zu Hause, aber so betrunken, so dass man am nächsten Tag überhaupt nicht zur Arbeit erschien.

Das Konzept, fand ich, geht nicht auf, mein Interesse am Trend erlosch. Bis ich neulich im Radio mal wieder die Ankündigung für eine Afterwork-Party hörte. Die Afterwork-Lounge von Radio Eins, in der „Trompete“ am Lützowplatz. Radio Eins, das hör ich doch immer zum Frühstück. Da gibt es eine Sendung, in der die geheimen Tagebücher von Christoph Grissemann und Dirk Stermannn verlesen werden. Da erzählen sie Schauergeschichten aus dem Redaktionsalltag: Wie die Mitarbeiter im Hof eingebuddelt werden und die Mäuler aufsperren müssen, damit die Chefs ihre Golfbälle da einlochen können, zum Beispiel. Und die „Trompete“, das ist doch die Bar, die dem Schauspieler Ben Becker gehört. Lauter Indizien für einen schönen Abend, fand ich, verabredete mich, und um halb zehn standen wir vor der Tür in der langen Schlange – so spät, damit wir nicht um halb elf schon ganz betrunken sind.

Drin war es feucht-heiß, meine Brille beschlug und klarte auch nicht wieder auf. Wir schoben uns an schwitzenden, tanzenden, grinsenden Menschen vorbei, weiter, immer weiter, irgendwo musste es doch eine Raststelle geben, dann sahen wir sie: An der Bar wurde was frei. Erschöpft fielen wir auf die Hocker und sahen uns um. Hohe Schuhe, tiefe Ausschnitte, kurze Röcke und bauchfrei gab’s, und braun gebrannte Männer mit Muskeln in engen T-Shirts auch. Bier und Sekt flossen in Strömen. Kool and the Gang sangen „Celebration“. Wir waren in Mallorca gelandet. Nur neben uns, da saß die Wall Street. Wenn auch schon ziemlich ramponiert. Drei Männer Ende 30, Anzug, zerknittertes Hemd, gelockerter Schlips. Die Börsenkurse standen schlecht, nun schauten sie, wie ihre Aktien hier standen. Sie fischten Damen aus dem Gewühl und fragten „willsu ’s trink’n?“, wedelten mit den Armen, warfen Gläser um und hauten anderen Gästen an den Kopf. Der Barmann pfiff die Türsteher herbei, die drei mussten gehen. Gloria Gaynour sang „I will survive“.

Grissemann und Stermann beenden ihre Tagebucheintragungen immer mit der Bemerkung, dass das alles doch mit Radio nichts mehr zu tun habe.

Da haben sie Recht.

Die Afterwork-Lounge von Radio Eins findet donnerstags ab 18 Uhr in der „Trompete“ am Lützowplatz statt. Der Sender sendet auf der Frequenz 95,8. Und was Grissemann und Stermann zu sagen haben, kann man auch im Internet nachlesen: www.stermann-grissemann.com

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