Zeitung Heute : Früh übt sich

Wer gut liest, lernt gut. Davon geht zumindest die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung aus, die sich ABC-Schützen aus sieben Bundesländern genauer angesehen hat. Elf Fragen und Antworten erklären, wie Eltern gute Grundschulen erkennen können, wer am besten abgeschnitten hat und warum die Kleinen noch Musterschüler sind.

Anja Kühne

IGLU 2004 – WO SIND DIE BESTEN GRUNDSCHULEN IM LAND?

Was bedeutet Iglu?

Iglu ist die Abkürzung für „Internationale Grundschul- Lese-Untersuchung“. Im Sommer 2001 haben Forscher dafür fast 150000 Viertklässler aus 35 Staaten im Lesen geprüft, in Deutschland 10000 Schüler von 245 Schulen aller Bundesländer. Hier wurden außerdem Mathematik und Naturwissenschaften in der nationalen Studie „Iglu-E“ getestet. Die Ergebnisse wurden Anfang 2003 veröffentlicht.

Warum wurden jetzt nur sieben Bundesländer einzeln bewertet?

Als die Bundesländer sich zur Teilnahme entschlossen, waren die Pisa-Ergebnisse für Deutschland noch unveröffentlicht. Es war noch nicht so bekannt, dass die deutsche Schule ein Leistungsproblem hat und dass die Bundesländer unterschiedlich abschneiden.

Warum ist Berlin nicht dabei?

In Berlin haben zu wenig Schulen an Iglu teilgenommen, um einen differenzierten Ländervergleich zu ermöglichen. Die Senatsverwaltung für Bildung begründete dies mit den hohen Kosten, die eine größere Stichprobe verursacht hätte. Allerdings hat sie sich inzwischen eines anderen besonnen und eine eigene Grundschuluntersuchung in Auftrag gegeben. Die „Element-Studie“ wird von der Humboldt-Universität erstellt und soll zusätzlich klären, ob sich die Fortschritte der Fünft- und Sechstklässler an Grundschulen von denen an grundständigen Gymnasien unterscheiden.

Wie gut sind deutsche Grundschulen im internationalen Vergleich?

Die Iglu-Ergebnisse aus 2003 zeigen, dass die deutschen Grundschüler mit ihren Leistungen im Lesen über dem Durchschnitt der getesteten Länder auf Platz 11 liegen. Auch in Mathematik und in Naturwissenschaften lagen sie im oberen Drittel. Sie sind also im internationalen Vergleich deutlich besser als die deutschen 15-Jährigen, die im Pisa-Test unterdurchschnittlich abschnitten und nur auf Platz 21 lagen. Selbst die deutschen Spitzen, Baden-Württemberg und Bayern, schafften es international nur ins Mittelfeld. Bei Iglu führen im Lesen Schweden, die Niederlande, England und Bulgarien.

Was sind die größten Schwächen der deutschen Grundschule?

Ein Drittel der Schüler kommt beim Lesen nicht über die Kompetenzstufe II hinaus. Diese Schüler werden in ihrer Schullaufbahn in allen Fächern Probleme haben. Ein Fünftel der deutschen Kinder verlässt die Grundschule mit Defiziten in Mathematik. Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten sind in ihren Leistungen im Schnitt rund ein Jahr hinter den anderen zurück. In keinem anderen Land fühlen sich die Eltern so schlecht durch die Schule über ihr Kind informiert wie in Deutschland.

Warum steht das Lesen bei der Untersuchung im Vordergrund?

Lesen ist eine Schlüsselqualifikation. Wer gut liest, kann sich im Leben gut zurechtfinden, meinen die Forscher.

Welches Bundesland ist das Beste?

Im Lesen liegen die Schüler in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen jeweils deutlich über dem deutschen Mittelwert. Hier ist die Spitzengruppe der Schüler groß, die Schlussgruppe recht klein. Nordrhein-Westfalens Schüler schneiden im Lesen nur ein bisschen schlechter als der deutsche Schnitt ab, Brandenburg und Bremen aber deutlich schlechter: Die Schüler liegen etwa ein Dreiviertel-Schuljahr hinter denen in Baden- Württemberg. In Bremen erreichen 21 Prozent nicht die Kompetenzstufe II (in Baden-Württemberg nur sieben Prozent). Auch in Mathematik ist Bremen besonders schwach. Bei den Naturwissenschaften beträgt der Abstand zwischen Baden-Württemberg und Bremen fast ein Schuljahr. 8,4 Prozent der Bremer Viertklässler bewegen sich in den Naturwissenschaften noch auf Vorschulniveau. In Rechtschreibung sind Bayerns Viertklässler am besten, die in Bremen wiederum am schlechtesten.

Was ist anders an Baden-Württemberg?

Die Iglu-Forscher weigern sich zu erklären, welche Faktoren für den Erfolg Baden-Württembergs verantwortlich sind. Zu den Besonderheiten des Schulwesens gehört jedenfalls: 82 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg haben mehr als zwei Jahre lang einen Kindergarten besucht (Bremen 57 Prozent). Iglu zeigt, dass Kinder, die ein Jahr in Kindergärten oder Vorschulen waren, ihren Altersgenossen im Schnitt um ein halbes Jahr voraus sind. Schon 1996 bemühte sich Baden-Württemberg um eine enge Kooperation zwischen Erzieherinnen und Grundschulen. Baden-Württemberg schult seine Schüler im Schnitt einen guten Monat früher ein als im deutschen Mittel üblich. In Bremen sind 22 Prozent älter, als sie nach dem Einschulungsstichtag sein sollten. Die Grundschüler lernen in Baden-Württemberg auch jahrgangsübergreifend. Begabte Schüler können seit 1998 gleich in Klasse 2 starten. Die Schulverwaltungen bemühen sich um Zusammenarbeit mit den Eltern.

Baden-Württembergs und Bayerns Schüler haben mehr Unterrichtsstunden. Ende der vierten Klasse ist der Gesamtabstand zu Brandenburg fast ein Dreivierteljahr. Die Zahl der Sitzenbleiber in Baden-Württemberg ist gesenkt worden. Kein anderes Bundesland schickt einen so hohen Prozentsatz seiner Schüler aufs Gymnasium. Die Ursache liegt darin, dass es dort berufliche Gymnasien gibt, auf denen besonders Realschüler ihre Chance auf ein Abitur ergreifen.

Die deutschen 15-Jährigen können international, anders als die Viertklässler, nicht mithalten. Wie lässt sich das erklären?

In der Grundschule werden Schwächen systematisch angegangen. Die Lehrer und der Lehrplan in der Oberschule gehen nicht davon aus, dass sie sich bei ihren Schülern weiter um die Sprachfähigkeiten kümmern müssen, wie der Leiter der Iglu-Studie, der Schulforscher Wilfried Bos, kritisiert. Wegen des dreigliedrigen Systems, das fest in der deutschen Schultradition verankert ist, neigen Real- und Gymnasiallehrer dazu, schwache Schüler an die jeweils untere Schulform abgeben zu wollen, um homogene Lerngruppen zu erreichen. Dabei wäre eine individuelle Förderung auch im dreigliedrigen Schulsystem möglich, wie Bos sagte.

Besagt Iglu etwas über die Empfehlung für die weitere Schullaufbahn? Können sich Eltern danach richten?

Nur bedingt. Kinder aus der Oberschicht erhalten in Deutschland viermal so oft eine Empfehlung fürs Gymnasium wie Kinder aus der Unterschicht. Bei nachweislich gleichen kognitiven Fähigkeiten haben Kinder aus den beiden oberen Sozialschichten eine 2,6 -fach höhere Chance auf eine Gymnasialempfehlung. Besonders schlechte Chancen, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, haben Unterschichts- und Migrantenkinder in Baden-Württemberg. Kinder, die im Iglu-Test gleich abschnitten, hatten im Übrigen völlig unterschiedliche Deutschnoten. In Bayern und Baden-Württemberg wird offenbar am strengsten zensiert.

Woran erkennen Eltern eine gute Grundschule?

Die deutsche Grundschule ist nach Iglu die modernste Schulform der Republik, viele Reformansätze gehören hier bereits zum Alltag: viele Lehrer individualisieren im Unterricht: Schwächere Schüler bekommen mehr Zeit und bearbeiten anderes Material als stärkere. Bisher sind besonders gute Grundschulen aber nicht an einem Gütesiegel zu erkennen. Die Eltern können sich am besten auf Mundpropaganda verlassen oder das Angebot und das Leitbild einer Grundschule im Internet ansehen. In lebendigen Schulen schirmen sich die Lehrer nicht voneinander oder von den Eltern ab und sind gerne bereit, sich fortzubilden.Foto: Fotex

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