FRÜHERER POLNISCHER BOTSCHAFTER JANUSZ REITER : „Boykottaufrufe sind moralisch inkonsequent“

Ist der Umgang mit Julia Timoschenko im Nachbarland Ukraine für die Polen ein Thema – und womöglich sogar ein Grund, die gemeinsam ausgerichtete Fußball-Europameisterschaft infrage zu stellen?

Selbstverständlich ist der Umgang mit Julia Timoschenko in Polen ein Thema. Das Schicksal der früheren Ministerpräsidentin ist wegweisend für die Zukunft der Ukraine. Es ist die große Frage, wohin dieses Land steuert. Und es liegt absolut nicht in unserem Interesse und auch nicht in dem der Ukrainer, das Land nach Osten driften zu lassen. Insofern halte ich nicht viel von den aktuellen Aufrufen zum Boykott der Europameisterschaft. Sie sind politisch nicht sehr vernünftig – und auch moralisch inkonsequent.

Was halten die Polen denn von einem Boykott?

Die große Mehrheit ist dagegen. Das liegt auch daran, dass wir uns so nahe an der Ukraine befinden. Sie ist unser Nachbar, wie es dort weitergeht, ist für uns sehr wichtig. Allerdings ist die Zukunft der Ukraine auch für ganz Europa von großem Interesse. Insofern müssen wir mit den Emotionen, was den Fall Timoschenko betrifft, richtig umgehen. Die Europameisterschaft dort war gedacht als Signal, dass die Ukraine zu Europa gehört – ein Signal für die Ukraine selber, aber auch für die EU-Europäer. Brauchen wir dieses Signal plötzlich nicht mehr? Die richtige Antwort ist: Wir brauchen es umso mehr. Wo finden wir denn eine bessere Plattform, um nach Julia Timoschenko zu fragen, als während dieses Fußballturniers? Das Land hat ja nicht nur den Präsidenten und seine Regierung, es hat auch regierungskritische Medien. Und es gibt dort, wenn auch nicht sehr stark ausgebildet, eine Zivilgesellschaft mit kritischen Bürgern, die man erreichen kann.

Sie sagen also: Politiker, fahrt hin und macht den Umgang mit Timoschenko vor Ort zum Thema?

Die Politikerpräsenz ist eine diplomatische Frage. Mir geht es vor allem darum: Je mehr Europäer in die Ukraine fahren, dort den Fußballspielen zusehen und das Land erleben, umso besser ist es für alle Beteiligten. Das letzte Mal, dass die Ukraine Teil unseres Bewusstseins war, war zu Zeiten der orangenen Revolution. Seither ist die Ukraine ein fernes Land. Die Wahrnehmung kann sich aber verändern durch eigene Erfahrung. Und das liegt auch im längerfristigen Interesse von Europa.

Haben Sie selbst vor, zu EM-Spielen in die Ukraine zu reisen?

Ich hatte das eigentlich nicht vor und wollte mir nur einige Spiele in Polen ansehen. Aber in der jetzigen Situation würde ich nicht ausschließen, dafür auch in die Ukraine zu fahren.

Das Gespräch führte

Rainer Woratschka.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar