Zeitung Heute : Frühjahrssalon in Genf: Die kleine, ganz große Frühjahrsschau

Er ist Europas einziger internationaler Automobilsalon, der alljährlich über die Bühne geht - der Frühjahrssalon am Lac Léman in Genf. Und obwohl er, gemessen an seiner Ausstellungsfläche, einer der kompaktesten Salons ist, ist er trotzdem einer der größten. Denn praktisch keine auf dem internationalen Markt vertretene Marke lässt es sich nehmen, in Genf ihre Neuheiten zu präsentieren. Dabei gibt es für keinen Hersteller irgendeinen Heimvorteil wie etwa in Paris oder Frankfurt am Main, denn die Schweiz hat keine eigene Autoproduktion. Und da der Ausstellungsraum knapp ist in den Hallen gleich neben dem Flughafen, erhalten auch die ganz großen Marken nur begrenzten Platz. Das zwingt, diesen Raum optimal zu nutzen und sich bei den Ausstellungsstücken auf das Wesentliche der jeweiligen Marke zu konzentrieren, repräsentativ zu sein - für die Attraktivität dieser Frühjahrsschau ein großer Gewinn. Denn keine andere Schau zeigt so übersichtlich, welche Trends und Entwicklungen wirklich aktuell sind.

Einer dieser Trends ist ganz offensichtlich der zu einer neuen Formensprache der Autodesigner. Denn die lange Zeit das Autodesign beherrschenden rundum runden Karosserien ohne Ecken und Kanten machen zusehends einer mit scharfen Kanten und ganz neuen Fahrzeugsilhouetten arbeitenden Linie Platz. Das geht einher mit neuen charaktervollen Gesichtern in der Menge, wie sie zum Beispiel der neue Lancia Thesis und das neue Renault-Oberklassemodell Vel Satis tragen. Gerade der neue Renault ist nach dem bereits sehr eigenwilligen Avantime, der in diesem Jahr nach vielen Ausstellungsauftritten endlich in die Serienproduktion geht, eine der provokantesten neuen Formen - und das nicht etwa als Showcar oder Designstudie, wie den kantigen aber durchaus realitätsnahen Cadillac Vizón oder als Einzelstück und Kleinserie, sondern als ausgemachtes Großserienmodell in der automobilen Oberklasse. Hier überrascht er nicht nur mit seiner mehr als eigenwilligen Front und dem charaktervollen Heck, sondern vor allem auch mit völlig neuen Dimensionen bei Radstand, Höhe und Sitzposition. Der Vel Satis tritt die Nachfolge des mit ihm verglichen eher unscheinbaren Safrane an. Der gehörte, was Technik und Fahrleistungen angeht, zweifellos zu den Spitzenangeboten auf dem Markt. Das allerdings in einem so unauffälligen Gewand, dass man ihn problemlos übersehen konnte.

Dieses Schicksal teilte er mit dem Lancia Kappa, dem Spitzenmodell der besonders noblen Marke unter dem Fiat-Dach. Auch der Lancia k gehörte bei Technik, Fahrleistungen, Komfort und Ausstattung zu den Top-Modellen auf dem Markt, das allerdings vor lauter Understatement völlig übersehen wurde. Wer sich wirklich einmal hinters Steuer des Lancia k setzte, war denn auch meist angenehm überrascht - doch viel zu wenige fühlten sich von diesem Auto angesprochen. So war der Kappa zwar ein Geheimtipp unter Kennern - doch für einen Erfolg als Großserienmodell reichte das natürlich nicht aus. Da kann man nur hoffen, dass der Kappa-Nachfolger Thesis hier endlich für eine Wende sorgt. Denn sein Gesicht mit dem markanten Lancia-Grill und den eigenwilligen Scheinwerfern kann man ebensowenig übersehen wie das ebenfalls sehr charaktervolle Heck. Und wer, neugierig gemacht, in dieses Auto einsteigt, wird noch mehr als beim Kappa angenehm überrascht sein, welche Qualitäten in diesem Auto stecken.

Nur wenige Genfer Neuheiten sind solche charaktervollen Gesichter in der Menge. Doch Elemente neuen Designs finden sich, wenn auch weniger ausgeprägt, zum Beispiel beim Braco/Brava-Nachfolger Fiat Stilo mit seiner scharfen Kante an den Flanken. Mit einer ungewohnt neuen Silhouette mit neuen Größenverhältnissen und insbesondere mehr Fahrzeughöhe überrascht auch der Peugeot 307, der die Nachfolge des sehr viel flacheren 306 antritt. Diese an kompakte Minivans angelehnte Silhouette schafft Platz vor allen für die Passagiere, ohne dass man das Auto dafür länger machen muss. Mit einer fast identischen Silhouette tritt neben dem Peugeot 307 auch der neue Honda Civic in seiner Schrägheckvariante auf. Von dieser Form ist der Weg nicht mehr allzu weit zu kompakten Minivans - der Fahrzeugkategorie, die sich durch besonders schnelles Wachstum auszeichnet. So bekommt der Renault Scénic als einer der ersten Vertreter dieser Klasse, dem Opel als ein nicht minder erfolgreiches Modell seinen sogar siebensitzigen Zafira zur Seite stellte, zusehends Konkurrenz.

Zu diesen Konkurrenten gehören neue Kompaktvans vor allem aus Fernost, wie zum Beispiel der Honda Stream, der Suzuki Liana oder der Daewoo Rezzo sowie eines der neuesten Modelle aus Deutschland mit dem Stern als Markenzeichen. Denn neben der soeben überarbeiteten A-Klasse tritt nun auch deren um 17 Zentimeter gewachsene Langversion an und dazu noch ein auf der gleichen technischen Basis entwickelter kompakter und zugleich betont preiswerter neuer Minivan mit dem Namen Vaneo, der übrigens südlich von Berlin im Werk Ludwigsfelde vom Band rollt.

Das ist ein Auto, das es neben seiner Pkw-Version als Kombi künftig auch als Kastenwagen und damit als kleinsten Mercedes-Transporter geben wird. In diese Kategorie der flinken Transporter gehört auch der Fiat Doblo. Der ist mehr als nur ein Nachfolger des Fiorino, denn mit ihm hat Fiat ein Auto auf die Räder gestellt, das eine überzeugende Antwort auf die französischen Erfolgsmodelle Peugeot Partner/Citroën Berlingo von PSA und Kangoo von Renault ist, den es in Genf nun auch in einer Allradversion zu sehen gibt. Die reinen Pkw-Versionen dieser Modelle gehören zu den besonders preiswerten Familienautos mit Minivan-Raumangebot.

Es sind Neuheiten aus dem Bereich der kompakteren Klassen, die in diesem Frühjahr den Genfer Salon prägen. Dazu gehört als nunmehr fünfte Variante der aktuellen 3er-Generation der BMW Compact, als künftig kleinstes Jaguar-Modell der neue X-Type und als dritte Variante des Skoda-Erfolgsmodells Fabia die Limousine. Unter diesen kompakteren Autos findet man allerdings auch sehr leistungsstarke Versionen, wie zum Beispiel den neuen Corsa GSi als Spitzenmodell der kleinen Opel-Klasse mit 92 kW (125 PS) und sein Pendant Lupo GTI von Volkswagen sowie den Seat León Cupra 4. Und zu den sportlichen Autos gehören auch die neuen MG-Modelle der MG Rover Group, die in Genf nun auch die Kombiversion des Rover präsentierte und zugleich mit viel Optmismus auftrat, den Untergang der Marke Rover doch noch vermeiden zu können. Ebenfalls ein neuer Kombi kommt von Citroën. Nachdem die Marke mit dem Doppelwinkel soeben erst die Limousine seines neuen Topmodells C5 vorgestellt hat, wurde nun in Genf der Kombi enthüllt. Der ist im Gegensatz zu vielen betont sportlichen lifestyle-orientierten Kombis ein sehr praxisbetontes Auto, bei dem man allerdings keine Abstriche beim Komfort machen muss. Im Gegenteil, denn mit der neuesten Generation der für Citroën so typischen Hydropneumatik bietet dieses Auto einen in dieser Klasse beispiellosen Komfort und kann sich durchaus zur technischen Avantgarde rechnen - was für die Linie des C5 leider nicht zutrifft.

Lohnend bei vielen Neuheiten in Genf ist ein Blick unter die Motorhaube. So hat bei BMW die geradezu revolutionäre Valvetronic Premiere, die den Verzicht auf die Drosselklappe erlaubt, Volkswagen präsentiert im Passat W8 einen leistungsstarken Vierliter-Achtzylinder in W-Form mit einer Leistung von 202kW (275 PS), die über vier angetriebene Räder auf die Straße gebracht wird, Porsche hat mit dem 911GT2 durch Beschränkung auf die wesentlichsten Ausstattungslemente eine extrem sportliche Fahrmaschine mit nur zwei angetriebenen Rädern und 340kW (462 PS) auf die Räder gestellt und für das obere Luxussegment steht der Aston Martin V12 Vanquish mit seinem 331 kW (450 PS) leistenden Zwölfzylinder, für den man allerdings auch eine runde halbe Million Mark auf den Tisch legen muss.

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