Zeitung Heute : Frühling - aber wenig wächst

HEIK AFHELDT

7510 Aussteller aus 68 Ländern zeigen, was die Industrie rund um den Globus an innovativen Produkten anzubieten hat.Märkte und Messen waren und bleiben, trotz Internet, eben die geeigneten Plätze um zu vergleichen - vor allem Preise, Konditionen und Qualitäten von Gütern.Aber in Hannover wird man auch die Qualität der deutschen Wirtschaftspolitik beurteilen.Die Eröffnungsreden sind schon geschrieben.Man wird wieder von der bedeutenden Rolle der deutschen Industrie, von den Exporterfolgen und den großen Zielen hören, den "Standort Deutschland" attraktiver zu machen und die Arbeitslosigkeit im Lande nachhaltig zu senken.Über den aktuellen Zustand der deutschen Wirtschaft werden je nach Redner beruhigende oder kritische Worte fallen.Wie aber steht es wirklich um sie?

Ein Teil der Antworten kommt aus der Statistik.Sie hinkt zwar den tatsächlichen Fakten immer ein wenig hinterher, aber alle Zahlen zeigen: Der Schwung hat schon im letzten Quartal des vergangenen Jahres deutlich nachgelassen, und der Frühling 1999 bringt leider nur die Pflanzen zum Blühen.Die Exporte verlaufen eher schleppend, Produktion und Investitionen auch, und die Kauflust schrumpft gar.Selbst die Inflation ist fast eingeschlafen.Kein Wunder, daß die Jobmaschine nicht rund läuft.Alle warten auf die versprochenen neuen Arbeitsplätze.Aber die Chancen, daß 1999 ein guter oder gar sehr guter Wirtschaftsjahrgang werden kann, stehen schlecht.Wer laut singen will, aber sich den Mund zuklebt, steht dumm da.Gerhard Schröders "moderne Wirtschaftspolitik" findet eher im Bremserhäuschen als im Führerstand der Lokomotive statt.Kaum eines der inzwischen verabschiedeten Gesetze macht der Wirtschaft Mut und den Weg zu mehr Erfolg leichter.Im Gegenteil.Und die Tarifparteien haben bei ihren Abschlüssen auch nicht voraus, sondern rückwärts auf die erfreulichen Ergebnisse des vergangenen Jahres geschaut.

Das schlägt auf die Stimmung und schlägt sich nieder in den Index-Zahlen zum Geschäftsklima, die zur Zeit neue Minusrekorde aufweisen.Ob nun die erhofften Aufträge in Hannover die miese Stimmung drehen, ist mehr als zweifelhaft.Dazu ist schon zu viel Porzellan zerschlagen - und zwar im eigenen Haus.In anderen Teilen Eurolands sieht es viel besser aus, in Irland, Spanien und sogar Frankreich.Die amerikanische Wachstumsmaschine läuft weiterhin auf hohen Touren und produziert unentwegt neue Beschäftigung.In Japan scheint der Trend nach unten gestoppt, und selbst die Krisenregionen in Südostasien und in Lateinamerika erholen sich langsam von ihren Fieberanfällen.Die Börsen dort senden ganz erfreuliche Signale, und auch der Internationale Währungsfonds gibt eine vorsichtige Entwarnung.

Für die deutsche Wirtschaft und ihre im Grunde starke und leistungsbereite Industrie wäre es viel besser, das Ausland stellte in Hannover nicht Maschinen und Apparate aus, sondern seine erfolgreichen wirtschaftspolitischen Rezepte für mehr Wachstum und Beschäftigung.Allerdings wäre zu befürchten, daß kein deutscher Politiker an deren Ständen halt machen würde, um sich ernsthaft informieren zu lassen.Dagegen wäre der Stand "Wirtschaftspolitik in Deutschland" auf einer solchen Messe eine Lachnummer.Keiner würde begreifen, wieso ein Land mit so wenig Erfolgen bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit anderen seine Rezepte verkaufen wollte.Aber man würde verstehen, warum Gerhard Schröder die Schnapsidee einer europäischen "Beschäftigungsbehörde" verfolgt.

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