Zeitung Heute : Frühlingsgefühle

HEIK AFHELDT

Na endlich! Nun kommt doch ein Hauch von Hoffnung.Die Statistiker in Nürnberg vermelden einen Rückgang der registrierten Jobsuchenden im März um 196.000.Sogar in Berlin sind es 5.124 weniger ArbeitsuchendeVON HEIK AFHELDTKein Ruck durch den Arbeitsmarkt, aber immerhin ein gutes Zeichen.Nur nicht gut genug! Im Vergleich zu den anderen Hochlohnländern, die ja genauso von der Globalisierung herausgefordert werden, sehen die gesamtdeutschen Zahlen noch immer alt aus.Fast alle anderen Industrieländer haben ihre Arbeitslosenquoten in den letzten 12 Monaten deutlich reduziert - und das nicht mit statistischen Tricks.Gegen den Strom schwimmen offensichtlich nur Österreich (von 7,0 auf 7,3), Japan (von 3,3 auf 3,6) und Deutschland mit Quoten von jetzt 12,1 gegenüber 11,7 Prozent Arbeitslosen vor einem Jahr! Am kräftigsten war der Rückbau des Übels "Massenarbeitslosigkeit" im Laufe nur eines Jahres in Großbritannien (von 6,2 auf 4,9 Prozent) und in den Niederlanden (von 6,1 auf 4,9 Prozent)! Warum hecheln die sonst fixen Deutschen den guten Entwicklungen anderswo so mühsam hinterher? Und wieweit trägt der Frühjahrsschwung in Germanien nun? Braucht es wirklich die 10 bis 15 Jahre, die Gesamtmetall-Chef Werner Stumpfe ansetzt, bis wieder so etwas wie Vollbeschäftigung in diesem Lande erreicht ist? Oder ist das Eis nun endgültig gebrochen? Wer Antworten auf diese Fragen will, tut gut daran, die jüngsten "Erfolgszahlen" mit dreierlei Maß zu messen.Was ist normal im Frühling und im Verlauf des Jahres - die saisonale Komponente -, was geht auf das Konto des Konjunkturaufschwungs und was bleibt schließlich als Effekt des vielgescholtenen Strukturwandels an eigentlichem Wachstum. Im März geht es immer aufwärts, nicht nur in der Natur, es sei denn strenger Frost bringt die Regel durcheinander und die Bauwirtschaft auch.Die höchste Beschäftigung mißt man im Jahresverlauf regelmäßig im 3.Quartal und da im September, die niedrigste im Januar oder Februar.Das hatte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ein wenig "verschluckt", als er kürzlich die aufsehenerregende Zahl von 600.000 neuen Jobs nannte, die im Laufe dieses Jahres entstehen könnten.Von den knapp 200.000 weniger Arbeitslosen geht also ein gut Teil auf das Frühlingserwachen.Nimmt man das Muster früherer Märzevolutionen, dann liegt man mit rund 130.000 nicht so falsch. Auf das Konto der bisher eher lahmenden deutschen Konjunktur buchen die Wirtschaftswissenschaftler zwischen 30 und 35 Prozent der Arbeitslosigkeit.Das wären dann entsprechend etwa 1,6 Millionen, die bei einer kräftig anziehenden Konjunktur wieder in Lohn und Brot gelangten.Keine Utopie, wenn man die beeindruckenden Stellenzuwächse in nahezu allen anderen EU-Ländern in den letzten 12 Monaten sieht.In den Vereinigten Staaten sind es sogar über 3 Millionen! Ob das in Deutschland nicht auch endlich möglich wäre und wie man es möglich macht, das ist hier die entscheidende Frage. Zumindest theoretisch läßt sich vom Konjunkturverlauf der Einfluß des Strukturwandels auf den Wachstumspfad einer Wirtschaft trennen.Je schneller eine Wirtschaft sich auf die veränderten Wettbewerbsverhältnisse auf den Märkten einstellen kann, und je mehr die staatlichen Rahmenbedingungen sie dabei unterstützen, desto besser für Investitionen, Wachstum und Beschäftigung.Das ist selbst unter Ökonomen heute weithin unbestritten.Und hier liegt der große deutsche Pferdefuß.Die sozialen Kosten eines schnellen Strukturwandels sind enorm und sie tun weh.Es müssen ja nicht nur alte Maschinen und Apparate entfernt und ersetzt werden, nein unangenehmer, die alten Jobs verschwinden und die neuen verlangen andere Kenntnisse und Fähigkeiten - und oft einen Wohnortwechsel.Aber weh tun auch die Kosten der hohen Arbeitslosigkeit, eine Folge konservierter und oft noch subventionierter, überholter Strukturen.So bleibt der Standort Deutschland ein zu lahmer Reformer, trotz aller Beschwörungen in den Partei- und Wahlprogrammen.Im Zweifel heißt es immer noch: Für den Bestand und Besitzstand - oder schlimmer, Rücknahme der ersten Reformschritte nach den Wahlen.Und genau das führt nicht schnell und nicht dauerhaft aus dem leisen Frühling am Arbeitsmarkt in einen langen, warmen Beschäftigungssommer.

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