Zeitung Heute : Fühlen können, was drinsteckt

NINA PETERS

Der "KONTEXTverlag" und sein Verleger Torsten MetelkaDer Besucher des "KONTEXTverlages" in der Husemannstraße am Prenzlauer Berg wird zur Begrüßung von einer Staubwolke eingehüllt, die ein Handwerker von der Decke am Eingang herunterschickt.Nur langsam wird an der Tür die schlanke Gestalt von Torsten Metelka erkennbar, dem "Kopf des Verlages", wie er sich selbst bezeichnet.In staubfreier Zone, bei Kaffee und Zigaretten, erzählt der 36jährige die kurze Geschichte seines Verlages: Um 1990 hatten sich gleichzeitig mit dem "KONTEXTverlag" am Prenzlauer Berg zahlreiche Kleinverlage gebildet.Die meisten von ihnen versuchten die aus der oppositionellen Literaturszene gewachsene Lyrik zu publizieren - meist mit geringem wirschaftlichen Erfolg.Torsten Metelka und seine Mitarbeiter setzten sich dagegen mit einem kleinen, aber eindeutigen Verlagsprogramm durch: Seit der Gründung im Jahre 1990 verstehen sie sich als "Vermittler der russischen und osteuropäischen Denkweise".Zwei bis drei Bücher erscheinen bei "KONTEXT" in einem Jahr.Das entspricht der Vorstellung Metelkas, "wenig zu produzieren, dagegen aber fundierte Themen".So stellte das Buch "Wo ich her bin ...Uwe Johnson in der D.D.R." den Versuch dar, den 1959 aus der DDR ausgereisten Schriftsteller wieder in das Blickfeld der ostdeutschen Leser zu bringen.Mit einer Auflage von 4000 Exemplaren ist dies der Bestseller des Verlages.Der Schwerpunkt Rußland zeigt sich dagegen in der jüngsten Produktion, der Edition des Lebenswerkes des russischen Theologen und Philosophen Pawel Florenski.Nicht zuletzt setzt sich der "KONTEXTverlag" für Frauenliteratur ein, die in der männerdominierten Prenzlauer-Berg-Szene oft zu kurz kam.Die in Magdeburg geborene Schriftstellerin Annett Gröschner beispielsweise wird im nächsten Jahr ihr drittes Buch bei "KONTEXT" veröffentlichen.Bisher erschienen von ihr Lyrik sowie eine von ihr herausgegebene Sammlung Berliner Schulaufsätze aus dem Jahr 1946. Der Weg Torsten Metelkas zum Verleger war, im wahrsten Sinne des Wortes, steinig.Da er nach der Schule den Wehrdienst verweigerte, wurde ihm ein Studium in der DDR nicht ermöglicht.Er lernte stattdessen Steinrestaurator in Dresden.Mitte der 80er Jahre zog Metelka nach Berlin an den Prenzlauer Berg und traf dort auf "Gleichgesinnte", die sich, wie er, in der Friedensbewegung der DDR engagierten.In dieser Atmosphäre entstand die Zeitschrift "Kontext"; bis zum Herbst 1989 erschienen sieben Hefte mit Themen aus Philosophie, Politik und Literatur.Aus dem Zeitschriftenprojekt entstand 1990 schließlich der gleichnamige Verlag, wobei sich Metelka auf das Kapital und die ehemalige Leserschaft der inzwischen eingestellten Publikation stützen konnte.Zunächst wurde das mühsame Produktionsverfahren mit Matrize und Schreibmaschine durch die Anschaffung von Computern ersetzt (Metelka: "Wir hatten ja keine Ahnung!").Doch auch ein neues Layout und der alte Leserkreis verhinderten nicht, daß der Verlag im Laufe der Zeit viele Leser im Osten verlor.Im Westen liegt der Absatz heute mit 80 Prozent sehr viel höher als im Osten.Ein Gefälle zwischen Ost und West bereitet Metelka auch bei der Festlegung der Preise Kopfzerbrechen.Die sollen nämlich "für Ostler erschwinglich sein".Gleichzeitig jedoch, so Metelka, "wird ein Buch unter 40 Mark im Westen nicht als Buch anerkannt".Daß der "KONTEXTverlag" Bücher herstellt, ist unbestritten.Überdies sind sie schön, wobei sich darüber natürlich streiten läßt.Als "Aushängeschild des Verlages" bezeichnet Torsten Metelka den schlichten Schriftzug und die Gestaltung seiner Bücher.Mit dem Motto "Man soll fühlen können, was drinsteckt" erklärt der Verleger den Aufwand durch teure Handarbeit, den nicht mehr viele Buchbinder auf sich nehmen.Und oft steckt auch mehr drin als das, was Metelka mit der "klassischen Buchform" bezeichnet.Eine CD beispielsweise.Else Lasker-Schüler wird dann nicht nur visuell, sondern auch in Form einer Collage aus Stimmen der Zeit erfahren.NINA PETERS

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