Zeitung Heute : "Für All für Keines für Rucksack"

ANJA KÜHNE

Nichtschwimmer klammern sich im Wasser an einen Rettungsring.Und Einsprachige im internationalen Schriftverkehr? Sollen sie nach einer Übersetzungssoftware greifen? - Lieber nicht, muß die Antwort nach einem Test des PT, des Pons Personal Translator plus 98 (Deutsch-Englisch, Englisch-Deutsch), wohl heißen.Denn die Funktion eines Rettungsrings für blutige Anfänger kann selbst diese mehrfach preisgekrönte Software nicht ausfüllen: Sprachen folgen keiner Logik, der mit einem erschwinglichen Programm zuverlässig beizukommen wäre.So müssen Einsprachige leider immer noch einsprachig bleiben - es sei denn, sie riskieren, daß sie sich selbst grobe Fehler einprägen und daß es beim Empfänger der Übersetzungen zu Mißverständnissen kommt.

Das wissen die Entwickler des PT.Sie setzen voraus, daß die Benutzer - Menschen "ohne perfekte Englischkenntnisse", wie es auf dem Klappentext heißt, - in der Lage sind, die übersetzten Texte zu überarbeiten.Der Sinn der Software liegt laut Umschlagtext darin, "den Aufwand für Übersetzungstätigkeiten drastisch zu verkürzen".Wie groß der Nachbereitungsbedarf ist, hängt dabei von der Vorlage ab: "Einfach gebaut" und in "nüchternem Sprachstil" gehalten soll sie sein.Aber wie einfach und wie nüchtern? Die Benutzer sind vor Überraschungen nicht sicher.Ein Beispiel: "Für all das braucht man keinen Rucksack" übersetzt der PT mit "One needs this for space for nones for rucksack".Obwohl die Benutzeroberfläche übersichtlich aufgebaut und das Programm einfach zu bedienen ist, kann der Aufwand somit selbst bei einfachen Texten so groß sein, daß man die Arbeit besser gleich selbst erledigt.

Anspruchsvolleres Vokabular bereitet dem PT, der mit einem 486er PC betrieben werden kann und mit Windows 95, 3.1 oder NT läuft, dabei die geringsten Probleme, denn er verfügt über ein Lexikon mit 360 000 Einträgen.Einmal übersetzte Sätze können im Satzarchiv gespeichert und später automatisch übernommen werden - Profis können damit die Zeit für die Nachbereitung verkürzen.Wer mit Windows 95 oder NT 4.0 arbeitet, kann über das Zusatzprogramm "PT direkt" auf die Wörterbücher und die Übersetzungsfunktion auch von anderen Windows-Anwendungen aus zugreifen.Der gesamte PT kann von Word 97 aus genutzt werden.

Unter der Datei "Übersetzungsweise" kann man das Sachgebiet, zu dem der zu übersetzende Text gehört, anklicken - vom Feld "Haushalt und Freizeit" über "Religion" bis zu "Recht".Der PT soll dann diejenige von verschiedenen möglichen Übersetzungen auswählen, die zu dem Kontext am ehesten paßt: So heißt "memory", wenn es um den Computer geht, nicht "Erinnerung", sondern "Speicher".Merkwürdig mutet es jedoch an, daß der PT seine eigenen Übersetzungen, selbst wenn das richtige Gebiet gewählt ist, nicht wieder korrekt zurückübersetzen kann: "Die Festplatte ist eingerichtet" übersetzt der PT mit "The fixed disk is established".Zurück ins Deutsche übertragen lautet der Satz nun "Die Festplatte ist feststehend".

Wählt man die Option "Bezug von Pronomina erkennen", soll das Programm auch dann Personal- und Possessivpronomina richtig übersetzen, wenn im Deutschen das natürliche vom grammatischen Geschlecht abweicht.Dies funktioniert allerdings nicht mehr, wenn drei solcher Sätze aufeinander folgen: "Das Mädchen ist traurig.Es hat Hunger.Ihm ist kalt" übersetzt der PT mit: "The girl is sad.She is hungry.He is cold."

Gut reagiert der PT auf Reflexivkonstruktionen: "Sie zog sich ihre Hosen an" wird richtig mit "She put her pants on" übersetzt.Auch ist das Programm nicht in der Lage, deutsche Sätze ins Progressive zu bringen, und überfordert ist es auch mit den Englischen Tenses: "Sie arbeitet seit dreißig Jahren in der Firma" übersetzt der PT mit "They (!) work in the company for thirty years".Genausowenig weiß das Programm, daß Verben in Sätzen, in denen eine abgeschlossene Vergangenheit ausgedrückt wird, im Past Tense stehen müssen und daß im if-Teil eines Satzes nie "would" stehen darf.

Weitere Regeln, die der PT nicht kennt: "Wer" wird nur in Fragesätzen mit "Who" übersetzt, in Aussagesätzen dagegen mit "whoever" oder "he who"."To make" bedeutet im Englischen meist "herstellen", nicht "machen".Also: "Peter does his homework", und nicht "Peter makes his homework", wie das Programm übersetzt.

Könnte es sich für Menschen, die des Englischen nicht oder kaum mächtig sind, dennoch lohnen, den PT einzusetzen, um sich englischsprachige Texte zu erschließen? Dies scheint von beiden Anwendungsmöglichkeiten noch immer die bessere zu sein, mit groben Unfug muß aber auch hier gerechnet werden: "Let there be no end" wird zu "Dort gelassen werde, nein, enden".

Technische Probleme gab es im Test mit der Funktion "Abbruch".Sie wird angeklickt, wenn das Programm für eine Übersetzung zu lange braucht und man den Vorgang vorzeitig beenden will.Mehrmals stürzte das Programm bei dieser Option ab und konnte nur durch einen Warmstart wieder in Gang gebracht werden.Die Hotline, die vom Band einen Rückruf binnen 24 Stunden verspricht, hat sich nie gemeldet.Die Zeit für Übersetzungen mit dem PT sollte man lieber für Englischstunden aufwenden.

Der Personal Translator Plus 98 (v.Rheinbaben und Busch Verlag) kostet 498 Mark.Systemvoraussetzungen: 486er oder Pentium-Prozessor, Arbeitsspeicher 16 MByte.Weniger Leistungsmerkmale hat die Ausführung "Personal Translator PT 98" für 198 Mark.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar