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Christian Tretbar

US-Wissenschaftler haben den Zusammenhang von Reichtum und Intelligenz untersucht. Zu welchen Ergebnissen kommen sie?


Vielleicht ist es eine beruhigende Erkenntnis des US-Wissenschaftlers Jay Zargorsky: Wer reich werden will, muss nicht unbedingt schlau sein. Dumm nur, das der Umkehrschluss, wer nicht schlau ist wird schneller reich, auch nicht zutrifft. Aber einen Zusammenhang zwischen Reichtum und Intelligenz gibt es schon.

Das hat der US-Wissenschaftler an der Ohio State University jetzt auch festgestellt. Er widmete sich der Frage: „Muss man intelligent sein, um reich zu werden?“ Und die simple Antwort lautet: Nein. Die etwas differenzierte Betrachtung seiner Untersuchung zeigt aber durchaus Unterschiede. Seine Studie basiert auf einer Langzeituntersuchung, die seit 1979 mit 7403 Amerikanern jährlich durchgeführt wird. 1980 mussten sich die Probanden einem Intelligenztest unterziehen und im Jahr 2004 mussten sie detailliert Auskunft über ihr Einkommen, ihre Vermögensverhältnisse und über finanzielle Schwierigkeiten geben. Zargorsky wollte bewusst zwischen Einkommen und Wohlstand unterscheiden. „Finanzieller Erfolg bedeutet mehr als nur das Einkommen, weil Wohlstand aufgebaut werden muss, damit er in brenzligen Situationen als Puffer dienen kann“, sagte Zargorsky. So mussten die Probanden angeben, ob sie Grundstücke besitzen und was sie aktuell wert sind, ob sie Aktien haben oder Erspartes. Außerdem wurde nach gesperrten Kreditkarten und ausstehenden Rechnungen gefragt.

Den größten Einfluss hatte die Intelligenz demnach beim Einkommen. So ist jeder IQ-Punkt mehr zwischen 202 und 616 US-Dollar Jahreseinkommen wert. Anders ausgedrückt: die Differenz im Einkommen zwischen einer Person mit einem normalen IQ-Wert (etwa 100) und einem überdurchschnittlichen Wert (130) liegt zwischen 600 und 18 500 US-Dollar. Wenig Einfluss hatte die Intelligenz dagegen bei der Frage nach dem Ersparten und den finanziellen Schwierigkeiten. Zargorsky kommt sogar zu dem Schluss, dass Menschen mit einem höheren IQ weniger sparen als Menschen mit niedrigerem. Schulden machen auch nicht nur „dumme“ Menschen. Sechs Prozent der Befragten mit einem IQ-Wert über 125 gaben an, eine völlig überzogenes Konto zu besitzen und elf Prozent der Schlauen bezahlen sogar gelegentlich ihre Rechnungen nicht.

Wie bei jeder empirischen Studie gibt es natürlich auch hier Bedenken bei der Interpretation der Ergebnisse. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Intelligenztest bereits 1980 gemacht wurden und somit implizit davon ausgegangen wird, dass Menschen in einem Zeitraum von 24 Jahren nicht schlauer geworden sind. Die Grundaussage seiner Studie wird aber auch von anderen, früheren Studien gestützt. Die meisten Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass nur ein kleiner Teil, etwa 20 Prozent, von unterschiedlichem beruflichem Erfolg mit unterschiedlich hoher Intelligenz erklärt werden kann. Einen etwas größeren Zusammenhang sehen Richard Lynn und Tatu Vanhanen bei der Betrachtung von Staaten. Sie untersuchten 2002 die wirtschaftliche Entwicklung von 185 Ländern zwischen den Jahren 1820 und 1998 und sie stellten fest, dass vor allem die Intelligenz der Bevölkerung ein wichtiger Faktor für unterschiedliches Pro-Kopf-Einkommen und verschiedenes wirtschaftliches Wachstum war.

Elisabeth Stern, Wissenschaftlerin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und früher am Max-Planck-Institut Berlin hat sich mit den Auswirkungen der Intelligenz auf gesellschaftliche Prozesse beschäftigt. Zargorskys Grundaussage kann sie zwar bestätigen, aber wichtiger ist für sie die Frage, wie zemetiert die Besitzstände in einem Land sind. „Und in den USA sind sie sehr fest zementiert, dadurch ist es kaum vorstellbar, dass selbst Dümmere, die reich geboren wurden, so schnell aus dieser Schicht herausfallen“, sagte Stern. Vor allem in Osteuropa sei das etwas anders, weil es da weniger vererbtes Vermögen gebe. Nur in Russland sei Geld nicht immer eine Frage der Intelligenz, denn auch dumme Menschen können korrupt sein. Da geht es den Russen nicht anders als dem Rest der Welt: Schlau ist nicht gleich reich – und umgekehrt.

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