Zeitung Heute : Für das Weihnachtsgeschäft gut gerüstet

BARBARA HELD

Wenn Partystimmung und Trinkfreudigkeit die richtigen Maßstäbe für die Zukunftsaussichten einer Branche sind, dann wird der elektronische Buchhandel den traditionellen Varianten des Geschäftes bald den Rang ablaufen: An kaum einer anderen Stelle der 50.Internationalen Frankfurter Buchmesse wurde die abendliche "Happy Hour" so ausführlich und gutgelaunt gewürdigt, wie im Erdgeschoß der Halle 4, auf das sich diesmal der Kernbereich der Multimedia-Anbieter reduzierte.Anders als im Vorjahr hatten sich viele Verlage entschlossen, ihre elektronischen Titel wieder gemeinsam mit dem konventionellen Angebot auszustellen, so daß weniger reine Multimedia-Stände aufgebaut waren.Für die Erfolgsstatistik blieb der Messegesellschaft damit nur der Hinweis, daß jetzt schon jeder vierte Aussteller Elektronisches im Angebot habe.Dem interessierten Messebesucher und möglichen Endverbraucher hingegen erschwerte die neue Unübersichtlichkeit den vergleichenden Blick auf Produkte und Anbieter.

Orientierungshilfe liefert dagegen eine zunehmende Anzahl von Preisen und Wettbewerben - allen voran der schon zum vierten Mal ausgelobte Deutsche Bildungssoftware Preis " digita 98 ", dessen Kategorienpalette von allgemeinbildenden Schulfächern über Spezialgebiete der Aus- und Weiterbildung bis zu privaten Hobbyinteressen reicht.Die zum digita nomierte "Crème der Bildungsprogramme" deute das derzeit inhaltlich, didaktisch und technisch Mögliche an, erklärte Jury-Mitglied und "bild der wissenschaft"-Chefredakteur Reiner Korbmann.

So spiegelt der in der digita-Kategorie "Privates Lernen" prämierte Englisch-Konversationskurs "Columbo - Murder by the Book" (Systhema) auf hohem Niveau den allgemeinen Trend in der schier unübersehbaren Flut der CD-ROM-Sprachkurse: Weg vom interaktiven Pauken hin zum spielerisch-unterhaltsamen Lernen mit allen Multimedia-Mitteln.Im "Multilingua MovieTalk"-Heimkino können Ehrgeizige so lange üben, bis sie den Slang von Inspector Columbo beherrschen.Wer faul ist, guckt einfach nur den Film.Ebenfalls auf eigenständige Bewegung, sogar recherchierende Neugier im interaktiven Raum, setzt " Dr.Mathe ", die digita-ausgezeichnete online-Nachhilfe des Schulbuch-Verlags Cornelsen.Keineswegs nur Kindern antwortet der Online-Dienst individuell auf mathematische Fachfragen.Die bunten Seiten bieten darüber hinaus eine Sammlung von bisher gestellten Fragen mit ihren Antworten, allgemeine Lernhinweise, Musterlösungen und Biographien bedeutender Mathematiker.

Für den Trend, CD-ROMs zu Geschichte und Kultur immer stärker mit Originaldokumenten und wissenschaftlichen Anmerkungen zu unterfüttern, steht schließlich die vom Mainzer Musik-Verlag Schott herausgegebene Edition: "Paul Hindemith.Leben und Werk" (Schott Wergo Music Media).Autoren und Archiv des Paul-Hindemith-Instituts brachten historische Ton-, Bild- und Filmmaterialen und das Know-How in ebenso abwechslungsreich wie aufwendig gestaltete CD-ROM ein (digita-Kategorie: Allgemeinbildende Schulen).



Besondere Publikumsattraktion und zugleich möglicher Vorbote auf eine Revolution im Buchhandel war ein recht unscheinbares Stück Hardware: Das taschenbuchgroße Rocket eBook macht mit einer Speicherkapazität von 4000 Seiten bei einem Gewicht von 600 Gramm elektronische Bücher jackentaschengerecht transportabel.Hinter dem "neuen Vertriebssystem" - der Bücher-Nachschub kann unter anderem via Internet erworben werden - der kleinen kalifornischen Firma NuvoMedia steht ein Großer: Bertelsmann ist sowohl direkt als auch indirekt über die kürzlich erworbene online-Buchhandlung barnesandnoble.com daran beteiligt.Wenn das schwarze Ding, das in den USA derzeit für rund 500 Dollar zu haben ist, im Frühjahr 1999 auf den deutsche Markt kommt, dann über ein weiteres Bertelsmann-Unternehmen: Den Club.

Etwas Wasser gehört noch in den Wein des vielfach verbesserten Angebots: Für Eltern wird es wieder ein teueres Fest, wenn sie ihren Sprößlingen die neuesten Entwicklungen unter den Weihnachtsbaum stellen wollen.Sind doch die angegebenen Mindestanforderungen (in der Regel Pentium mit 90 MHz, 32 MB Arbeitspeicher, Windows95 oder NT, 4x CD-Rom) zu scharf an der Schmerzgrenze angesiedelt.Richtige Spiel- und Lernfreude kommt erst bei mehr Power - und das heißt meist weiteren Upgrade-Investitionen - auf.

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