Zeitung Heute : Für den Fall

Es gibt keinen Kronprinzen. Würde Josef Ackermann verurteilt, wäre die Deutsche Bank in Not

Rolf Obertreis

Es gibt keinen „Plan B“. Offiziell jedenfalls. Nach außen hin beschränken sich die Vorkehrungen der Deutschen Bank auf die Infrastruktur und weitreichende Terminplanungen. An der Düsseldorfer Königsallee wird Josef Ackermann in den nächsten Monaten zwei Mal pro Woche in der Niederlassung der Bank ein Büro in Beschlag nehmen, bevor er morgens den Weg zum wenige Straßen entfernten Landgericht an der Neubrückstraße nimmt. Längst sind nachmittägliche und abendliche Sitzungen mit Mitarbeitern anberaumt, die jetzt nicht nach Frankfurt eilen, sondern nach Düsseldorf reisen. Eigentlich, sagen Kollegen bei der Deutschen Bank, ändere sich für Globetrotter Ackermann nicht viel: Er sei ohnehin permanent unterwegs, zwischen Frankfurt, New York und London. Jetzt komme eben Düsseldorf hinzu.

Das Bemühen in den Türmen der Deutschen Bank an der Frankfurter Taunusanlage ist unverkennbar: Den Prozess tief hängen. Auch die Strategie von Ackermanns Anwalt Eberhard Kempf ist klar: Das Verfahren möglichst schnell und mit möglichst geringem Schaden zu Ende bringen. Freispruch oder Einstellung gegen Geldbuße. Trotz aller Beschwichtigungsversuche: Die Nervosität in der Deutschen Bank ist groß, zumal ihr Ruf auch wegen der Kirch-Verfahren gegen Aufsichtsratschef Rolf Breuer längst beschädigt ist. Und die Bank derzeit mit in den Strudel des Parmalat-Skandals gerissen wird, weil sie noch im September eine Anleihe aufgelegt hat. Es brennt an allen Ecken.

Andererseits blühen in der Bankbranche derzeit Fusions- und Übernahmefantasien. Es könnte auch um die Deutsche Bank gehen. Schon länger wird der Citigroup Interesse nachgesagt. In einer solchen Phase ist Vorstandssprecher Ackermann wichtiger denn je. Eine Strafe im Mannesmann-Prozess wäre katastrophal – für den Banker, vor allem aber für die Bank: Der Schweizer, vor gerade mal 20 Monaten an die Spitze gerückt, müsste seinen Hut nehmen. Dabei stehen die 70000 Mitarbeiter hinter ihm. Ackermanns Ansehen in der Bank ist bedeutend größer als das seines Vorgängers Rolf Breuer.

Einen potenziellen Nachfolger aber gibt es nicht. Die einst hochgehandelten Herbert Walter und Thomas Fischer haben das Haus verlassen und führen jetzt jeweils Dresdner Bank und West LB. Natürlich trauen sich die Kollegen im Vorstand und im noch wichtigeren „Group Executive Committee“ den Spitzen- Job zu. Die Statur des stets freundlichen und souveränen, aber auch knallharten Ackermann haben sie nicht. Der Schweizer hat die Führungsstruktur der Bank so stark auf seine Person zugeschnitten, wie vor ihm kein anderer. Nicht einmal die legendären Hermann Josef Abs oder Alfred Herrhausen. Wenn Ackermann fällt, fällt die Deutsche Bank in ein gefährliches Loch.

Nicht nur das: Auch die deutschen Banken, der Finanzplatz und der Wirtschaftsstandort Deutschland würden ihren wichtigsten Fürsprecher verlieren. Ackermann gilt als Kopf der Finanzplatz-Initiative Deutschland, in die auch Finanzminister Hans Eichel und die Bundesbank eingebunden sind. Der Schweizer, vermuten Beobachter, hat diesen Job nicht ganz uneigennützig übernommen. Er könnte für ihn, für Berlin und für die Deutsche Bank im Mannesmann-Prozess ein, wie Banker sagen, nicht unwichtiges „Asset“ sein.

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