Zeitung Heute : Für die schnelle E-Mail vom Fernseher aus

KURT SAGATZ

HANNOVER .Selbst wenn alle in Privathaushalten installierten Computer mit Modem und Internet-Anschluß ausgerüstet wären, würden die Online-Medien nicht einmal ein Drittel der deutschen Haushalte erreichen.Tatsächlich nutzen erheblich weniger Menschen die neuen Medien.Jüngste Zahlen gehen davon aus, daß hierzulande nur jeder Zehnte den Weg ins Netz bereits gefunden hat.Inzwischen mußte die geräteherstellende Industrie feststellen, daß selbst durch immer niedrigere Systempreise der Computerabsatz nicht im gewünschten Maße gesteigert werden kann, daß somit den meisten Deutschen das Fernsehgerät als Multimedia-Zentrale ausreicht.Was also liegt näher, als den Fernseher zum Sprungbrett ins Internet zu machen?

"Viele junge Menschen beispielsweise im Studium nutzen heutzutage wie selbstverständlich E-Mails.Nun wollen auch deren Eltern auf diese Weise mit ihren Kindern kommunizieren, ohne sich allerdings erst mit einem Computer vertraut zu machen", beschreibt Jim Beveridge von der Microsoft-Tochter WebTV die Situation nicht nur in Amerika.Um dies zu ändern, ist das Unternehmen zur CeBIT Home eine Partnerschaft mit der Deutschen Telekom und dem ZDF eingegangen.Das Ziel: In einem Pilotverfahren werden in einem ersten Schritt 50 Haushalte in Deutschland mit einer Settop-Box ausgestattet, mit der das TV-Gerät auf einfache Weise zum Internet-Terminal verwandelt wird.Damit soll zum einen die Akzeptanz solcher Systeme getestet werden.Zum anderen will man herausfinden, wie die Hard- und Software für eine spätere Markteinführung aussehen muß.Die Software für den Testlauf stammt dabei von der Microsoft-Tochter, die Telekom sorgt über den bundesweit zum Ortstarif verfügbaren Dienst T-Online für die richtige Verbindung, und das ZDF will sich mit erweiterten Programminhalten für den interaktiven TV-Teil des Pilotversuches, der im zweiten Schritt auf 300 Teilnehmer ausgedehnt werden soll, beteiligen.Die Geräte im PAL-Standard stammen anfangs ausschließlich von Pace Micro Technology, später sollen auch Boxen von Philips hinzukommen.

Die Möglichkeiten der Neuen Medien sind sicherlich auch für all jene interessant, die sich sonst nicht für Computer erwärmen können.E-Mails, Internet-Surfing, Homebanking - dies ist nicht nur etwas für PC-Cracks.Allerdings zeigen die Erfahrungen mit Pay-TV, daß die potentiellen Nutzer häufig vor den Kosten zurückschrecken.Die Preise für WebTV in Deutschland stehen noch nicht fest, eine ungefähre Richtschnur sind die Preise in den USA.Dort kosten die WebTV-Geräte derzeit 199 Dollar, die Monatspauschale für das Internet beläuft sich auf rund 25 Dollar.Bis Ende 1997 wurden in den Staaten 400 000 Boxen verkauft, zum Jahresende 1998 sollen es eine Million sein.

Wer nicht bis zum Ende des Pilotversuches von Telekom und Microsoft warten will, kann sich das Internet bereits heute ins Wohnzimmer holen - und zwar mit Systemen von Loewe, die ebenfalls auf der CeBIT zu sehen sind.In zwei Fernsehgeräte der "Xelos"-Familie wurde die entsprechende Technik integriert.Bei "Xelos@media TV-Online" handelt es sich um ein Fernsehgerät mit eingeschränkter Computertauglichkeit, also mit einer Art festinstallierter Settop-Box für den Internet-Zugang über ISDN.Per Knopfdruck an der Fernbedienung kann einfach zwischen TV-Sendung und Internet gewechselt werden, selbst ein Mausersatz ist in die Kontroll-Einheit integriert.Zum Schreiben von Texten wird eine Infrarot-Tastatur mitgeliefert.Die Software sorgt dafür, daß die eigentliche für den PC konzipierte Web-Seite auch auf dem Fernsehmonitor gut lesbar ist.Zur weiteren Vereinfachung stellt Loewe überdies einen speziellen Online-Channel mit 14 vorausgewählten Themengebieten zur Verfügung, der unter anderem einen TV-Programmführer und eine Netz-Suchmaschine beinhaltet.Mit einem 61-Zentimeter-Bildschirm ausgerüstet kostet das Gerät 4200 Mark, das sind 1300 Mark mehr als für das selbe Gerät ohne Internet-Features.

Schon etwas tiefer in die Tasche greifen muß man für den "Xelos@media TV-Active" von Loewe.In das moderne TV-System mit 71-Zentimeter-Flatline-Bildschirm wurde ein Hochleistungscomputer eingebaut, der alles enthält, was einen normalen Computer ausmacht.Allerdings kostet der "TV-Active" auch stolze 6700 Mark.Dafür erhält der Nutzer ein Gerät, daß ohne Abstriche all das bietet, was ein Schreibtisch-PC kann.Selbst vor speziellen Internet-Techniken wie Java muß man sich damit nicht fürchten, während der "TV-Online" bei der Darstellung dieser Technologien wie auch mit Homebanking Schwierigkeiten bekommt.Wer allerdings nur eben einmal eine E-Mail an den Sohn oder die Tochter am fernen Studienort schreiben will, kommt mit beiden Geräten zurecht oder muß eben auf den Abschluß des Telekom-Microsoft-Piloten warten.

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