Zeitung Heute : Für eine Ewigkeit

Schacht Konrad wird das erste deutsche Endlager für Atommüll sein. Haben die Behörden die Gefahren im Griff?

Paul Janositz

Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg hat die Genehmigung für das Atomendlager Schacht Konrad bestätigt. Welche Konsequenzen hat das für die Atompolitik?

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will abwarten, bis das Urteil nicht mehr anfechtbar ist. Er steht dem Endlager kritisch gegenüber. Es falle weniger radioaktiver Abfall als erwartet an, auch weil der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen sei, sagte Gabriel am Mittwoch. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kritisierte diese Reaktion. Er schrieb an seinen Kabinettskollegen, er gehe davon aus, „dass Sie alles Notwendige veranlassen werden, um die Umrüstung von Schacht Konrad zu einem Endlager zügig zu beginnen“. Auch der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) plädierte am Mittwoch für den unverzüglichen Ausbau von Schacht Konrad. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ forderte er dafür einen gesonderten Lastenausgleich zwischen den Bundesländern.

Warum müssen radioaktive Abfälle überhaupt tief in der Erde eingelagert werden?

Radioaktiv strahlende Stoffe schaden der menschlichen Gesundheit. Wenn sie in die Umwelt gelangen, werden auch Tiere und Pflanzen in Mitleidenschaft gezogen. Radioaktivität lässt sich aber nicht per Knopfdruck abschalten. Sie klingt mit jedem zerfallenden Atomkern (Radionuklid) ab. Die Kennzahl dafür ist die Halbwertszeit, die Zeitdauer also, bis die Hälfte des ursprünglich vorhandenen Materials umgewandelt ist. Dies kann je nach Radionuklid nur Millionstelsekunden, aber auch bis zu Milliarden von Jahren dauern.

Woher stammen die Abfälle?

Radioaktive Abfälle stammen in erster Linie aus dem Betrieb von Kernkraftwerken, fallen aber auch beim Abbau stillgelegter Reaktoren an. Auch in Krankenhäusern, die per Nuklearmedizin Tumoren bekämpfen, entstehen Stoffe, die – meist schwach – radioaktiv strahlen. Durch zunehmende Abfallminderung fallen in Kernkraftwerken weniger radioaktive Stoffe an, als ursprünglich vermutet.

Wie soll der Atommüll eingelagert werden?

Die Abfälle müssen so verbunkert werden, dass sie innerhalb von einer Million Jahren – dem Zeitraum, den Politik und Energiewirtschaft verabredet haben – nicht in die Biosphäre gelangen können. Für Endlager geeignet erscheinen geologische Formationen, die den Abfall so dicht abschließen, dass keine radioaktiven Stoffe, etwa in Wasser gelöst, durch das Gestein nach oben gedrückt werden können. Als Absperrschicht kommen Ton, Granit oder Salz in Frage.

Kann es für eine Million Jahre überhaupt Sicherheit geben?

Die Wissenschaftler stellen Modellrechnungen an. Dabei werden Computer mit Daten über die Radioaktivität der eingelagerten Substanzen und der beim Zerfall entstehenden Produkte gefüttert. Auch die geologischen Parameter, wie die Festigkeit des Gesteins und die Verschiebung der Schichten spielen eine Rolle. Die meisten Wissenschaftler halten die Ergebnisse für zuverlässig, es gibt jedoch Kritiker. Diese verweisen auch auf unvorhersehbare Ereignisse wie Erdbeben.

Welche Standorte für Endlager gibt es?

Als mögliche Lagerstätten werden Schachtanlagen stillgelegter Bergwerke untersucht. In Deutschland gibt es mit Morsleben in Sachsen-Anhalt bisher ein zu DDR-Zeiten genehmigtes, allerdings inzwischen stillgelegtes Lager für mittel- bis schwachradioaktive Stoffe. Als mögliche Standorte für hochradioaktive Abfälle kommen derzeit noch Schacht Konrad und das umstrittene Erkundungsbergwerk Gorleben im Wendland in Betracht.

Wie weit ist die Planung für das Atomendlager in Gorleben?

In Gorleben wurde bereits 1979 das Planfeststellungsverfahren eröffnet. 2000 stoppte die damalige rot-grüne Bundesregierung für die Dauer von zehn Jahren die weitere Erkundung. Seitdem ruhen alle geologischen Untersuchungen und Erweiterungen des Bergwerks. Die Pause soll dazu genutzt werden, um Sicherheitsaspekte und konzeptionelle Fragen zu klären. Dabei geht es vor allem um die Entscheidung, ob es in Deutschland nur ein einzelnes Endlager für alle Arten strahlender Abfälle oder zwei solcher Deponien geben soll – getrennt nach schwach- und mittelradioaktiven sowie nach stark strahlenden Substanzen.

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