Zeitung Heute : Für Hisbollah, bis zum Tod

Eine Reise in den zerbombten Südlibanon

Astrid Frefel[Tyros]

Die Fahrt in den Süden des Libanon ist eine Fahrt gegen den Flüchtlingsstrom. Erst am Nachmittag wird er dünner, dann, wenn die israelischen Jets die meisten Bomben abwerfen. An diesem Tag soll es nach Sidon, Tyros und Nabatije gehen, Städte, die die Israelis am schwersten bombardieren, Städte, von deren Umgebung aus die Hisbollah ihre Raketen gen Israel abschießen, Hochburgen ihrer Miliz; gerade rückt Israel mit Panzern dort vor. Aber schon kurz hinter Beirut ist die Hauptstraße zerbombt. Alle fahren zu schnell, bloß weg. Auf einer Brücke kommt es zum Stau, Panik entsteht.

In Friedenszeiten ist Nabatije eine lebendige Kleinstadt, nun ist schon die Abzweigung ein Trümmerfeld, und in der Stadt sieht es gleich darauf nicht besser aus. Immer wieder Bombenkrater, die Altstadt und der Markt ein einziges Feld von Bruchsteinen, das Spital ohne Strom und Wasser. Nur die gelben Hisbollah-Fahnen flattern noch im ganzen Ort.

Ein paar Straßenzüge weiter sitzen einige Männer vor einem Café, das heil geblieben ist, und rauchen Wasserpfeife. Einer will gleich die Pässe sehen. Das Misstrauen gegenüber Fremden ist groß. Man fürchtet sich vor Spionen, die dem Feind neue Angriffsziele verraten könnten.

Nur zehn Prozent der Menschen seien geflohen, behaupten die Männer, aber der Augenschein zeigt eine andere Wahrheit. Nabatije ist fast eine Geisterstadt. Und auch jetzt noch reißt der Strom derer nicht ab, die aus den umliegenden Dörfern flüchten. Im Café fragen sie nach dem Weg, der jeden Tag ein anderer ist, nach immer neuen Bombardements.

In der Ferne steigen nun Rauchsäulen auf, dort ist die israelische Bodenoffensive im Gang, am Sonntagmittag gibt es in Marun el Ras sogar erstmals Straßenkämpfe zwischen israelischen Soldaten und Hisbollah-Kämpfern. Aber die Männer tun unerschrocken. „Unter jedem Sandkorn gibt es hier einen Kämpfer“, meint einer. Dann lobt er die militärischen Erfolge der Widerstandsbewegung und lädt auch gleich zur Siegesfeier ein. Hisbollah-Chef Nasrallah? Ein Held. Sie stehen mit jedem Tag mehr hinter ihm, obwohl doch er es war, der den Konflikt ausgelöst hat, unter dem sie nun leiden.

In der Hafenstadt Tyros müssen die Fischer nun untätig in der Kneipe sitzen – aber sie alle sind ebenfalls unverrückbar für Nasrallah. „Auch wenn er uns das Bier verbietet“, scherzt einer und nimmt einen Schluck aus der Efes-Dose. Von der Bucht in Tyros, wo man bis nach Haifa sieht, lassen sich die Bombeneinschläge in den libanesischen Grenzdörfern mit bloßem Auge verfolgen, und dennoch haben die Fischer entschieden zu bleiben. „Ich kann auch hier sterben. Es ist billiger als die 700 Dollar für die Taxifahrt nach Beirut zu bezahlen“, sagt einer. Angst haben sie nur davor, dass die Hisbollah ihre Raketenabschussrampen näher an den Ort heranholt, denn die Erfahrung zeigt: Wo immer solche Rampen vermutet werden, schlägt die israelische Armee gnadenlos zu.

Das Nadelöhr der Flüchtlingsroute liegt zwischen Tyros und Sidon, schon am ersten Tag ist hier die Brücke über den Litani-Fluss zerbombt worden. Die Umfahrung ist ein Feldweg, auf dem es immer wieder zu totalen Blockaden kommt. Wenn hier etwas passiert, sitzen alle in der Falle. Donnernde Einschläge sind zu hören. „Keine Angst, das sind nur Flugblätter“, beruhigt ein älterer Mann. Schließlich kommen die gelben Zettel angeweht, die meisten zerfetzt, die Kinder machen sich einen Spaß daraus, das Puzzle zusammenzusetzen.

Zwei Karikaturen sind auszumachen. Die eine zeigt Hassan Nasrallah, wie er sich hinter Zivilisten versteckt. Er ist so schlecht gezeichnet, dass sogar die Einheimischen Mühe haben, ihn zu erkennen. Nicht einmal ein müdes Lächeln haben sie für die psychologische Kriegsführung der Israelis übrig. „Seit Jahrzehnten kämpfen sie gegen uns, aber sie haben keine Ahnung von uns und unserer Mentalität“, das ist alles, was sie zu sagen haben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben