Zeitung Heute : Für höchste Ansprüche

-

Wo man auch hinschaut, Michael Bloomberg entkommt in diesen Tagen niemand. Ob im Fernsehen, auf den Straßen oder in der Zeitung, der New Yorker Bürgermeister ist vor dem morgigen Dienstag, an dem die Bürger über seine Wiederwahl befinden, allgegenwärtig. Eine Million Dollar pro Tag lässt sich der Geschäftsmann seine Kampagne in der Schlussphase kosten – dabei hätte er es gar nicht nötig, so viel Geld auszugeben.

In den Umfragen führt der Republikaner uneinholbar mit 30 Prozentpunkten vor seinem demokratischen Herausforderer Fernando „Freddy“ Ferrer. Trotzdem pumpt er mehr als 70 Millionen Dollar in seinen Wahlkampf – alles aus eigener Tasche. Denn um öffentliche Gelder anzunehmen, hätte er seine Wahlkampfaufwendungen drastisch kürzen müssen.

Er kaufe sich sein Amt, wirft Ferrer ihm nun vor, der selbst nur gerade acht Millionen Dollar zusammenbekam und zeitweise wegen akuten Geldmangels hohe Kredite aufnehmen musste. Doch auch ohne die Ausgabenschlacht wäre der Wahlkampf ein ungleiches Rennen gewesen. Die New Yorker mögen ihren Bürgermeister und Ferrer, der sich lediglich als Bezirksbürgermeister in der Bronx einen Namen machte, hatte große Schwierigkeiten, ihn in den Debatten überhaupt in Verlegenheit zu bringen. Zu makellos ist die Bilanz des Amtsinhabers nach vier Jahren.

Bloomberg hat dafür gesorgt, dass die Stadtfinanzen wieder halbwegs in Ordnung sind, der Wiederaufbau am Ground Zero mehr oder weniger rund läuft und die Kriminalitätsrate in der Stadt auf historische Tiefststände gesunken ist. Deutlich niedriger noch als unter seinem berühmt-berüchtigten Vorgänger Rudolph Giuliani, der sich als der große Aufräumer profiliert hatte. Der blasse Bloomberg hat nicht das Charisma eines Giuliani oder eines Ed Koch, er ist weniger ein Stadtvater als viel mehr ein Manager. Er sei gefühlskalt, wird ihm nachgesagt, nicht in Kontakt mit den Leuten auf der Straße. Doch gleichzeitig spüren alle die positive Wirkung seiner Regierung der ruhigen Hand. Wo seine Vorgänger großes Brimborium wegen kleinster Fortschritte machten, erreicht Bloomberg lieber im Stillen sein Ziel. Derweil fahren die U-Bahnen, der Müll wird abgeholt und die Ratten greifen keine Kinder an – alles keine Selbstverständlichkeiten in der vielen eigentlich als unregierbar geltenden Acht-Millionen-Stadt.

Die notorisch schlechten öffentlichen New Yorker Schulen sind unter Bloombergs Führung besser geworden, und selbst das Rauchverbot, dass er in den Kneipen verhängte, haben sie ihm verziehen. Seine größte Errungenschaft aber sei, so urteilte die „New York Times“, dass er die Kriminalität bekämpft habe, ohne gleichzeitig die Bevölkerungsgruppen zu diskriminieren, aus denen die meisten Täter kommen. Wenn es einen großen Fehltritt in seiner Amtszeit gab, dann war es das völlig überdimensionierte Olympiastadion, das er auf der Westseite Manhattans bauen lassen wollte. Seit New York im Abstimmungskampf um die Spiele 2012 London unterlag, hat sich das Thema allerdings von selbst erledigt.

Herausforderer Ferrer versuchte, Bloomberg mit dem Slogan der „zwei New Yorks“ herauszufordern, die dieser geschaffen habe: das der Reichen und das der Armen. Doch natürlich gab es das schon lange bevor der Bürgermeister in das Rathaus einzog. Und zumindest kann er sich zugute halten, dass es unter seiner Ägide nicht schlimmer wurde. Bloomberg selbst zeigte sich Anfang der Woche in der zweiten und letzten Fernseh-Debatte mit seinem Herausforderer ungewöhnlich angriffslustig. Ferrer sei ein Dauernörgler, fauchte er, „er benennt die Probleme, aber nie die Lösungen. Es ist einfach zu kritisieren, aber es ist sehr schwierig, zu führen“. Wenn man es jedoch einmal raus hat, macht es süchtig. Oder warum sonst würde Bloomberg so viel Geld ausgeben für vier Jahre Verlängerung, die er genauso gut (fast) umsonst hätte haben können.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben