Zeitung Heute : Für hundert Tage Hoffnungsträger

NICOLA KUHN

Von der zehnten documenta wird mehr denn je erwartet: Sie soll den Weg ins nächste Jahrtausend weisen und eine Bilanz des vergangenen Jahrhunderts liefernVON NICOLA KUHNWenn heute in Kassel die documenta X, die Jubiläumsdocumenta und letzte vor dem Jahrtausendwechsel, dem großen Publikum geöffnet wird, dann feiert sich die Kunst vor allem selbst.Denn zum zehnten Mal zieht in die hessische Stadt an der Fulda die Weltkunst ein und residiert doch nur für hundert Tage dort.Daß dieses international wichtigste Ereignis der zeitgenössischen Kunst nicht nur eine Angelegenheit für Insider bleibt, dafür haben die jeweiligen documenta-Macher, aber auch die Stadtoberen gesorgt.Das mit 20,5 Millionen DM bezuschußte Unternehmen soll diesmal mindestens 500 000 Besucher in die Stadt locken und nicht nur der Kunst, sondern auch der Gastronomie und Hotellerie besondere Aufmerksamkeit bescheren.So ungern es die Künstler und Kuratoren auch hören mögen: Die großen Ausstellungen, die Blockbuster, dienen den Städten vor allem als Wirtschaftsfaktor und Imageförderer.Aber was soll die Kunst? Von ihr wird bei dieser zehnten documenta mehr denn je erwartet: Sie soll den Weg ins nächste Jahrtausend weisen und eine Bilanz des vergangenen Jahrhunderts liefern.Größer als je zuvor war auch der Druck auf die diesjährige documenta-Chefin, die Französin Catherine David, die sich allen lustvollen Ratespielen im Vorfeld verweigerte, wer denn nun in ihren Olymp durfte.Daß die documenta nicht immer Startschuß für eine internationale Karriere, die Steigerung des Marktwertes sein muß, steht auf einem anderen Blatt.Viele der für einen Sommer in Kassel auf das Schild der Weltkunst gehobenen Vertreter verschwanden wenig später wieder in der Anonymität. Und doch hat die documenta immer auch Zeichen gesetzt: Hier wurden die Deutschen nach dem Krieg durch Arnold Bode, den Begründer der einmaligen Weltausstellung, erstmals wieder mit avantgardistischer Kunst bekanntgemacht; in dem mittlerweile alle fünf Jahre stattfindenden Kulturereignis schlug sich stets auch der Zeitgeist nieder.Prägten in den siebziger Jahren politisch motivierte Aktionen das Bild und hielt die Medienkunst Einzug, so kehrte mit den Achtzigern die Malerei zurück und schob sich zunehmend Design in den Vordergrund.Nachdem die letzte documenta durch Boxkämpfe und Jazzkonzerte vor allem als Medienspektakel in Erinnerung bleibt, soll die neueste Ausgabe nun der kritischen Reflexion der Kunst und ihrer Möglichkeiten am Ende des Jahrhunderts dienen.Keinen Rückblick, sondern eine "Retroperspektive" mit anerkannten Größen früherer documenten soll den Blick nach vorne richten. Wie hoch die in Künstler gesetzten Erwartungen als Hoffnungsträger, als Visionäre der Zukunft sind, zeigt sich auch an den anderen Großausstellungen dieses Sommers.Nur eine Woche vor der Documenta wurde in Venedig die Biennale eröffnet; direkt im Anschluß an Kassel zieht die Kunstgemeinde weiter nach Münster, wo im Zehn-Jahres-Rhythmus mit internationaler Besetzung Skulpturen im Außenraum vorgeführt werden.Die von Italien über die Basler Messe in der Schweiz nach Kassel und Münster führende Reise zu den wichtigsten Kunstereignissen dieses Sommers bekommt fast den Anschein einer Pilgerroute.Dieser Eindruck ist nicht falsch, denn die Beschäftigung mit Kunst hat über die Bedeutung als geistige Nahrung hinaus eine geistliche Dimension bekommen.Sie ist zum Religionsersatz geworden; der Glaube an die Kunst soll vor den Niederungen des Profanen retten. Dabei haben die jungen Künstler der neunziger Jahre kaum noch etwas mit dem höheren Kunstgenuß im Sinn.Sie führen den Betrachter vielmehr auf alltägliche Erfahrungen zurück, problematisieren gesellschaftliche Mißstände, sperren sich häufig genug durch mangelnde Präsentierbarkeit gegenüber dem Ausstellungsbetrieb.Aber womöglich besteht gerade darin ihre Chance, daß sie sich den zu hoch gesteckten Erwartungen entziehen.Auch wenn sich die Chefin der documenta X im Vorfeld mit genaueren Auskünften, einem klaren Konzept zurückgehalten hat, soviel hat sie jedenfalls immer versprochen: hundert Tage lang Lebendigkeit und Einmischung, Analyse und Kritik, Versuch und Statement.Das wäre schon viel und würde die Reise nach Kassel lohnen.Bleibt nur noch, sich auf den Weg zu machen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben