Zeitung Heute : Für jedes Mal einen Strich

Es war eine Kneipe, in der die Wirtin Sex mit Kindern verkaufte. Auf den Bierdeckeln, heißt es, wurde über die Perversionen Buch geführt. Hier in der Saarbrücker Hochstraße soll der kleine Pascal vergewaltigt und ermordet worden sein. Eine Umschau an einem schrecklichen Ort.

Barbara Nolte[Saarbrücken]

Von Barbara Nolte,

Saarbrücken

Eine Frau mit einer Kerze und einem Tannenzweig in der Hand kommt über die Hochstraße gelaufen. Drei Italiener, die vor der Pizzeria stehen, die sie im Häuschen der alten „Tosa-Klause“ neu eröffnet haben, werden unruhig. Einer stellt sich ihr in den Weg: „Basta! Basta!“ „Stopp!“, ruft ein anderer. Jetzt brüllt er fast: „Stopp!“ Und der dritte rudert mit dem Arm: „Kerzen nur noch hinters Haus."

Drinnen in der Pizzeria kniet eine junge Frau auf dem Boden. Sie hat Gummihandschuhe übergezogen. „Hallo. Melanie, ich bin die Wirtin“, sagt sie. „Das mit den Kerzen ist ja nett gemeint, aber wir sind hier eine Gaststätte und kein Friedhof.“ Ein Gast hat einen Aschenbecher zerbrochen, deshalb kniet sie so da: Sie wischt die Scherben auf. Der Mann hängt jetzt über seinem Teller Spaghetti Carbonara, als wäre er eingeschlafen. Er ist betrunken und riecht nicht gut. Er ist der einzige Gast. „Wenn es so weiter geht, müssen wir bald wieder zumachen“, sagt Melanie. Ob sie vielleicht ein paar Fragen beantworten wolle? „Nein. Hab’ ich diese Woche schon tausend Mal gemacht. Das Wichtigste schneidet ihr dann doch raus.“ Was denn das Wichtigste sei? „Dass wir mit dem Ganzen nichts zu tun haben!“

Eine bürgerliche Fassade

Seit vergangenem Dienstag haben fast alle deutschen Sender, Zeitungen, Zeitschriften ihre Journalisten, Fotografen, Kameraleute in die Hochstraße nach Saarbrücken-Burbach geschickt, die zu den ärmsten Gegenden der Stadt gehört. Und wirklich jeder der vielen Kameraleute hat sein Stativ vor der Pizzeria „Da Ciccio“ aufgebaut, denn in dem kleinen Haus 100 Meter neben dem Burbacher Bahnhof soll sich Fürchterliches abgespielt haben: Im Hinterzimmer der „Tosa-Klause“, die bis vergangenen Sommer hier drin war, sollen regelmäßig Kinder missbraucht worden sein. Neun Männer und vier Frauen sitzen in Untersuchungshaft. Und wenn die vier Geständnisse, die der Polizei vorliegen, zutreffen, gehört auch der fünfjährige Pascal Z., der seit dem Herbst 2001 vermisst wird, zu den Opfern. Zwölf Männer und Frauen sollen ihn am frühen Abend des 30.September vergewaltigt haben. So lange, bis er starb. Als sich der Junge nicht mehr rührte, sind sie in Panik geraten und haben den leblosen Körper im Auto nach Frankreich gebracht.

Drahtzieherin, glaubt die Polizei, ist die Wirtin Christa W. Sie habe ihren Gästen Sex mit Kindern verkauft. Für jedes Mal gab es einen Strich auf dem Bierdeckel. Bezahlt wurde später.

Christa W., 50, hatte eine bürgerliche Fassade: Kaufmannstochter aus dem nahe gelegenen Dorf Riegelsberg, eine Banklehre hat sie abgebrochen, seit Jahrzehnten führte sie verschiedene Kneipen in Saarbrücken. Zwischen 1997 und 2000 war sie Schöffenrichterin beim Jugendgericht. Wahrscheinlich, sagt ein Gerichtssprecher – und das sind die grotesken Details dieses schrecklichen Verbrechens – habe sie dort sogar über Missbrauchsfälle mit entschieden. In ihrem Haus in Riegelsberg ließ sie Obdachlose bei sich wohnen. Und seit 1993 war sie auch noch die Betreuerin der geistig behinderten Andrea M. Und als Andrea M. 1995 ihren Sohn Max (Name geändert) gebar, begann das, wovon man heute noch nicht weiß, ob es ein Kinder-Porno-Ring ist oder die Perversionen einer Saarbrücker Unterschichts-Clique sind.

Denn Max, so steht in einem Bericht, der der „Saarbrücker Zeitung zugespielt wurde, ist seit seinen ersten Lebensjahren missbraucht worden. Erst zu Hause: von der eigenen Mutter, von Christa W. und ihren Untermietern. Mit drei Jahren musste er sich im kleinen Hinterzimmer der „Tosa-Klause“, in der Pascal starb, prostituieren.

Wenn alle Anschuldigungen stimmen, wird aus dem Verbrechen noch ein Behördenskandal: Denn das Jugendamt reagierte auf Signale nicht. Vor Jahren schon hatte eine Nachbarin angerufen: Sie höre Max oft schreien. Nichts passierte. „Ich habe zuerst Christa W. selbst darauf angesprochen", sagt sie. „Doch die sagte nur: ,Wir können mit unserem Kind machen, was wir wollen.’“

Karla Dudler, Chefin des Sonderkindergartens, in den Max ging, fiel auf, dass der Junge oft ohne Unterhose in den Kindergarten kam und dass er im Winter Sommerschuhe trug. „Außerdem sagte er immer, dass er vor Didi und anderen Männern Angst habe.“ Didi, sagt Dudler, sei einer der Obdachlosen gewesen, die bei Christa W. wohnten. Dudler stellte einen Antrag, Christa W. 1999 die Vormundschaft zu entziehen, denn sein Vormund war sie auch noch. Doch nachdem die Vormundschaft aufs Jugendamt übergegangen war, blieb Max weiter bei Christa W. wohnen. Karla Dudler erinnert sich noch an ein Treffen, bei dem sie im Beisein einer Jugendamtsmitarbeiterin Christa W. auf Didi angesprochen habe. „Ach der, der trinkt gerne einen über den Durst. Sonst ist der ganz harmlos“, wiegelte die ab. Und das Jugendamt glaubte ihr offenbar. Dudler hat im Dezember die Jugendamtsmitarbeiterin angezeigt. „Sie hätten die Zustände dort prüfen müssen. Das Jugendamt ist Ermittlungsbehörde. Auch wenn die sich selbst nicht so sehen.“

Erst als Manfred W., Christas Bruder, im Januar 2001 Anzeige wegen Kindes-Vernachlässigung erstattete, kam Max zu einer Pflegefamilie. W. öffnet seine Haustür einen Spalt breit. Wenn man ihm einen Tausender zahlt, darf man ganz rein. Da lugt er also durch seine Tür: grauer Schnurrbart, Unterhemd und Nike-Trainingshose. Ein paar Sätze über seine Schwester sagt er dann auch ohne Geld: Sie habe dem Jungen Hundefutter zu essen gegeben, ihr Lebensgefährte habe ihn mal Spülwasser trinken lassen. „Aber die Polizei glaubte mir damals erst nicht.“

Nach einem Jahr vertraute sich Max seiner neuen Pflegemutter an. Ein Kinderpsychologe fand seine Aussage plausibel. Als Max auch noch erzählte, dass Pascal Z. sein Freund war, schien der als hoffnungslos geltende Vermisstenfall lösbar.

Pascal war damals auf die Kirmes gegangen und nicht heimgekehrt, so glaubten die Eltern. Um neun Uhr abends erstatteten sie Vermisstenanzeige. Bis morgens um fünf haben die Menschen in Burbach nach ihm gesucht. Doch da hatten ihn seine Mörder schon in einer Kiesgrube in Forbach verscharrt – einer der Verdächtigen hat in dieser Woche den Ermittlern den Ort verraten, wo sie seine Leiche vergraben haben. Gefunden hat die Polizei sie noch nicht.

„Die ist aufs Geld fixiert“

An der Rückwand der Pizzeria, vor den Kerzen, die jetzt leuchten, weil es dunkel geworden ist, steht ein Mann mit einem schwarzen Schnauzbart. Er sei Stammkunde in der „Tosa-Klause“ gewesen, sagt er. Nie hätte er sich vorstellen können, dass dort so etwas passiert. Obwohl, wenn er es sich so überlege: Er traue es Christa W. zu. Er kennt sie seit 19 Jahren. „Die Christa ist auf Geld fixiert.“ Er weiß auch ein paar Gerüchte: zum Beispiel, dass sie vier Häuser haben soll. „Wie soll man mit so einer schäbigen Kneipe vier Häuser verdienen?“ Auch soll sie mehrmals mit alten Männern verheiratet gewesen sein, „und kurze Zeit später waren sie tot“. Und für die Obdachlosen, die bei ihr wohnten, soll sie das Geld vom Sozialamt kassiert haben. Selbst von der behinderten Andrea habe sie profitiert. Mit jedem sei die ins Bett gegangen, sagt der Mann. Christa W. habe sie aber immer mit Männern mitgeschickt, die ihr ein bisschen Geld dafür gaben.

Karla Dudler hat sie ähnlich beschrieben: „Die hat alles vermarktet. Ich dachte immer, sie nimmt das Kind billigend in Kauf. Ich habe nicht gewusst, dass es Teil des Geschäfts war."

Eine alte Frau zieht ihren Einkaufswagen an der Pizzeria vorbei. „Da drüben lag mal eine Eisenhütte“, zeigt sie. „Und in der ,Tosa-Klause’ tranken die Arbeiter nach der Schicht ihr Bier. Man sollte sie jetzt abreißen. Die Hütte hat man ja auch abgerissen.“

Aber Pizzeria-Besitzer geben noch nicht auf. Sie haben sich in der vergangenen Woche extra neue Schilder machen lassen. Grün, weiß, rot – wie die italienische Flagge. Sie stehen wieder zu Dritt vor der Tür, als ein Auto anhält. „Wo ist die ,Tosa-Klause’?, fragt der Mann. Diesmal versuchen sie einen Trick. „Keine Ahnung“, sagt einer, „das ist die Pizzeria ,Da Ciccio’.“ Aber es hilft nichts. Ruhig steigt der Beifahrer des Autos aus, öffnet den Kofferraum und baut sein Kamera-Stativ auf.

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