Zeitung Heute : Für Präsident und Vaterland

Am Sonntag sind die Franzosen zur Präsidentschaftswahl aufgerufen. Wird es eine Richtungsentscheidung?

Albrecht Meier,Christian Tretbar

Zwölf Jahre lang regierte Jacques Chirac die Franzosen. Am Sonntag wird über seinen Nachfolge abgestimmt. Um was geht es bei dieser Wahl?

Die Geburtenrate liegt mit 2,0 Kindern pro Frau höher als in Deutschland. Die Arbeitslosenquote ist mit 8,4 Prozent so niedrig wie seit 24 Jahren nicht mehr. Und der französische Super-Schnellzug TGV hat unlängst einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Doch die restliche Bilanz des scheidenden Staatspräsidenten Jacques Chirac liest sich weniger berauschend: Das wirtschaftliche Wachstum ist im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich, die Schuldenlast lag 2006 bei 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und das Sozialsystem steht vor schweren Finanzierungsproblemen. Allein – es hat sich bisher keiner an Reformen gewagt. Einzelne zaghafte Versuche wie die Reform des Kündigungsschutzes bei Jugendlichen scheiterten am Protest von der Straße. Die Unruhen in den Vorstädten und die Zeltlager hunderter Obdachloser in Paris haben außerdem die soziale Kluft offen vor Augen geführt. Und das Nein Frankreichs zur EU-Verfassung hat das Land international nicht gestärkt.

Die Baustellen in Frankreich sind also zahlreich und groß. Zumindest die drei aussichtsreichsten Kandidaten, der konservative Ex-Innenminister Nicolas Sarkozy, die Sozialistin Ségolène Royal und der Liberale François Bayrou wissen das – und versprechen Lösungen. Frankreich bekommt also nicht nur ein neues Gesicht an der Spitze, sondern auch eine neue Politik. Die Frage ist nur, welche.

Seit gestern Nacht, 24 Uhr, ist der Wahlkampf für die erste Runde am morgigen Sonntag beendet. Alle Kandidaten haben noch einmal auf Großkundgebungen um Wähler geworben. Und das scheint auch nötig – für alle. Denn selbst einen Tag vor der ersten Runde widersprechen sich die Umfragen. Einige Institute sehen Sarkozy und Royal mit leichten Vorteilen für Sarkozy Kopf an Kopf und Überraschungskandidat Bayrou fast zehn Prozentpunkte abgeschlagen. In anderen Befragungen liegt Sarkozy deutlich vorne und Royal nur knapp vor Bayrou. Und im Hintergrund all dessen lauert immer noch Jean-Marie Le Pen, der auch 2002 scheinbar abgeschlagen war. Und letztlich mit 195 000 Stimmen vor dem Sozialisten Lionel Jospin in die zweite Runde gegen Jacques Chirac kam. Ein Trauma für die zerstrittene Linke in Frankreich.

Wie fest steht das Lager der Linken hinter der Sozialistin Ségolène Royal?

Fünf Jahre später scheinen die Linkswähler fest entschlossen, es nicht zu einer Neuauflage des 21. April 2002 kommen zu lassen. Ségolène Royal soll ein ähnliches Schicksal wie damals Jospin erspart bleiben. Das ist auch auf den Wahlkampfveranstaltungen der Sozialisten zu spüren: „Viele Menschen wären dann sehr enttäuscht“, sagt eine typische Anhängerin der Partei am Rande einer Kundgebung in Orleans. Sie ist Anfang 50, Laborantin und verdient 1800 Euro im Monat vor Abzug der Einkommensteuer. Sie führt eine bürgerliche Existenz, hat aber noch nie in ihrem Leben eine andere Partei als die Sozialisten gewählt. „Ich spucke nicht in meine eigene Suppe“, sagt sie. Sie möchte gar nicht an die Möglichkeit denken, dass Sarkozy in den Elysée-Palast einzieht.

Will Royal den Einzug in die zweite Runde schaffen, muss sie aber nicht nur die eigenen Parteigänger mobilisieren, sondern auch schon in der ersten Runde einen Teil derjenigen Wähler auf ihre Seite ziehen, die einerseits mit dem Zentrumspolitiker Bayrou sowie – auf der äußersten Linken – mit den Kandidaten der Trotzkisten und Kommunisten liebäugeln. Dann wäre das Feld auch frei für ein Links-rechts-Duell in der zweiten Runde. Klar ist dann, dass es knapp werden dürfte. Wie 1988, als Mitterrand mit 54,02 Prozent gegen Chirac gewann, oder 1995, als es Chirac war, der sich mit 52,6 Prozent knapp gegen Lionel Jospin durchsetzte.

Nicolas Sarkozy hat den Wahlkampf polarisiert. Welche Folgen hat das?

Als gemeinsamer Nenner dient dem Lager der Linken der Wahlslogan „Tout sauf Sarko“ (Alles, nur nicht Sarkozy). Der Spruch zielt ganz direkt auf den Kandidaten der Konservativen und brandmarkt ihn als machtbesessenen Hardliner. Umfragen belegen aber, dass der „Tout sauf Sarko“-Slogan längst nicht bei allen Wählern des Zentrumskandidaten Bayrou verfängt: Immerhin erklären sich mindestens 43 Prozent der Bayrou-Anhänger bereit, im zweiten Wahlgang Sarkozy zu wählen, falls ihr eigener Kandidat ausscheiden sollte.

Royal wird es in einem zweiten Wahlgang wohl auch schwieriger haben als Sarkozy. Denn bei dieser Konstellation hat Sarkozy ebenfalls in allen Umfragen, egal wie wackelig diese sind, einen Vorsprung. Er muss ihn nur noch halten. Auf die Le-Pen-Wähler kann Sarkozy in der zweiten Runde recht sicher setzen. Royal müsste dagegen sowohl das linke Lager hinter sich versammeln (was längst kein Selbstläufer ist) als auch in der Mitte punkten, was ihr mit dem Schwenken der Trikolore allein bisher kaum gelungen ist. Schließlich zählen die Bayrou-Anhänger durchaus als proeuropäisch und weniger nationalistisch. Royal muss also Risiko gehen, während Sarkozy nur seine Linie weiterverfolgen muss.

Doch egal, wie es ausgehen wird, für Frankreich wird diese Wahl nach der Amtszeit Chiracs durchaus ein Einschnitt sein – eine „Schicksalswahl“ aber ist es nicht. Denn es geht nicht mehr um die Frage, ob sich Frankreich bewegen muss, sondern nur noch um die Richtung.

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