Zeitung Heute : "Für Sie immer noch Herr Bora"

HARTMUT SCHERZER

TOULOUSE .Die Nigerianer und ihr polyglotter Trainer hatten kein schlechtes Gewissen.Weder die Spieler, noch Bora Milutinovic fühlten sich für das spanische Melodram verantwortlich.Augustine Okocha belehrte, auf gut Deutsch, jeden, der vorwurfsvoll Fragen nach Wettbewerbsverzerrung stellte: "Wir wollten nicht absichtlich verlieren.Aber man kann daraus lernen, selbst seine Sache gut zu machen, anstatt auf die anderen zu vertrauen."

Schon gar nicht auf Nigeria.Hätten die Spanier ihre Sache gegen Paraguay gut gemacht, gesiegt, statt nur 0:0 zu spielen, wären sie nicht auf den guten Willen der Nigerianer angewiesen gewesen.So erstarrte die spanische Freude über das 6:1 gegen Bulgarien nach dem 3:1 Paraguays über Nigeria in Agonie.Die Spanier als Leidensgefährten der Marokkaner, die Paraguayer als Profiteure wie die Norweger.Die Niederlage Brasiliens war nur das Vorspiel zum vermutlich lustlosesten Spiel dieser Weltmeisterschaft.Nigeria, mit sechs Punkten bereits Erster der Gruppe D, trat in Toulouse gegen Paraguay nur noch mit der Reserve an - nach dem Motto: Jeder ist sich selbst der nächste.Bora Milotinovic, dieses serbische Schlitzohr, weiß, was und wie bei einer Weltmeisterschaft gespielt wird, ist er als Trainer doch bereits zum vierten Mal dabei."Ich denke nur an meine Mannschaft, an Nigeria und Afrika, an Dänemark und das Spiel am Sonntag und nicht an Spanien."

Der spanische Kollege Javier Clemente, sofern es ihn noch interessierte, hätte in der nigerianischen Aufstellung nur noch vier Namen jener Mannschaft entdeckt, die die seine 3:2 geschlagen hatte.Um nichts zu riskieren für das Achtelfinalspiel gegen den einstigen Europameister am Sonntag in St.Denis, verzichtete Milutinovic auf die mit Gelber Karte vorbelasteten Okocha, Ikpeba und Adepoju, schonte Finidi (erst in der 69.Minute eingewechselt), strich während das Aufwärmens noch Amokachi (wegen leichter Schmerzen im rechten Knie) aus der bereits veröffentlichten Aufstellung und wechselte zur Halbzeit auch noch Oliseh (wegen eines Zwickens im Sprunggelenk) aus."Wenn es für uns noch um etwas gegangen wäre", gestand Sunday Oliseh mit breitem Grinsen, "hätte ich eine Pille geschluckt und durchgespielt." Nur einer konnte unter keinen Umständen spielen: Kapitän und Libero Okechukwu war gesperrt.

Gut gespielt haben Afrikas "Super Adler" nur eine Viertelstunde lang nach ihrem Ausgleichstor zum 1:1 durch Oruma.In der zweiten Halbzeit hatten sie offensichtlich keine große Lust mehr."Nach dem 1:2 fehlten unserer Mannschaft die bewährten Spieler, um ihr den Rücken zu stärken und zurückzuschlagen", sagte Okocha.Doch kein Gedanke, den großartigen Spielmacher nun einzuwechseln."Wir hatten nichts mehr zu verlieren und wären doch dumm gewesen, wenn wir eine zweite Gelbe Karte riskiert hätten", erklärte Okocha.Diese Gefahr einzugehen, war ein ohnehin nutzloser Sieg - oder Unentschieden - nicht wert.

Die nigerianischen Journalisten sprachen nach der Niederlage belustigt von einem "Trainingsspiel".Als dennoch einer den Trainer fragte: "Bora, warum hat die Mannschaft diesmal so schlecht gespielt", wies Milutinovic, ganz jovialer Entertainer auf dem Podium, den Kritiker zurecht: "Für Sie immer noch Herr Bora."

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